Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.09.2015

12:14 Uhr

Vor der EZB-Ratssitzung

Draghis Kopfschmerzen

VonJan Mallien

Trotz massiver Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank steigen die Preise im Euro-Raum nicht. Was Verbraucher freut, bereitet EZB-Präsident Draghi Kopfschmerzen. Sollte die Zentralbank sich ein neues Ziel suchen?

Tagung des Rates

Anleihenkäufe der EZB verfehlen ihr Ziel - was nun Herr Draghi?

Tagung des Rates: Anleihenkäufe der EZB verfehlen ihr Ziel - was nun Herr Draghi?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

FrankfurtMario Draghi steht auf der EZB-Ratssitzung am heutigen Donnerstag vor einem schwierigen Balanceakt. Die Turbulenzen in China gefährden sein primäres Ziel, nämlich die Preisstabilität. Mit massiven Anleihekäufen von 1,1 Billionen wollte er die Preise in der Eurozone wieder in Richtung des mittelfristigen EZB-Ziels von knapp zwei Prozent anschieben. Doch dies gerät in immer weitere Ferne, wie aktuellen Zahlen der europäischen Statistikbehörde (Eurostat) von Montag zeigen.

Die Inflation im Euroraum verharrte demnach im August bei gerade mal 0,2 Prozent – deutlich entfernt vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent. Für Verbraucher sind gleich bleibende Preise eigentlich etwas Gutes. Für Notenbanker ist das aber anders.

Sie müssen auf der Hut sein, dass es nicht zu fallenden Preisen kommt (Deflation). Denn eine Abwärtsspirale wird etwa deswegen gefürchtet, da Verbraucher und Unternehmen Investitionen und Käufe in Erwartung weiter fallender Preise Anschaffungen verschieben. Es droht so ein Teufelskreis aus wirtschaftlichem Niedergang und sinkenden Preisen.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

„Niedrige oder negative Inflationsraten sind zwar ein Segen für die Konsumenten. Sie dürften der EZB aber Kopfschmerzen bereiten,“ sagt der Ökonom Carsten Brzeski von der ING-Diba. Aktuell gibt es gleich mehrere Abwärtsrisiken für die Inflation:

  • die drastisch gefallen Öl- und Rohstoffpreise, die man auch an der Tankstelle bemerkt
  • die jüngste Euro-Aufwertung und
  • die Konjunkturrisiken durch die Turbulenzen in China.

Die aktuelle Entwicklung wirft allerdings die Frage auf, ob ein Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent noch realistisch ist. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, glaubt, dass die EZB nach wie vor über genug Mittel verfügt, um die Inflation wieder anzutreiben. Sie könne ihr Anleihekaufprogramm noch erheblich ausweiten. Bisher bleibe dies weit hinter den Kaufprogrammen zurück, die die Notenbanken in den USA und Großbritannien gestartet hatten.

Gleichzeitig warnt er: „Das Inflationsziel deshalb absenken zu wollen, weil die EZB es derzeit nicht erreicht, wäre für die Glaubwürdigkeit der EZB eine Katastrophe.“

Kommentare (22)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Timo Emrich

03.09.2015, 13:14 Uhr

Sobald der Ölpreis year-over-year nicht mehr fällt, fällt ein Deflationstreiber weg und die Inflation steigt. Dazu muss der Ölpreis überhaupt nicht steigen, er darf nur nicht im gleichen Tempo weiterfallen. Wenn also am 3.9.2016 der Ölpreis nicht bedeutend tiefer steht, dann unterstützt das die Inflationsrate deutlich gegenüber der Situation 2014 vs. 2015. Daher würde mir das keine zu starken Kopfschmerzen bereiten.

Herr Fred Meisenkaiser

03.09.2015, 13:14 Uhr

Preis = Nachfrage / Angebot.

Immer weniger werden immer reicher. Die Masse der Bürger der EU hat aber immer weniger Geld. Also ist keine Nachfrage da. Die Preise bleiben unten!

Hätte man das Geld welches die Banken bzw. deren Eigner bekamen, den Bürgern zukommen lassen, wäre NAchfrage entstanden: Die Preise würden steigen!

Herr Fritz Tolas

03.09.2015, 13:22 Uhr

Ich glaube nicht dass Draghie Kopfschmerzen hat. Er liegt doch voll im Plan. Staatenfinanzierung über die Notenbank und Umverteilung von 1.000.000.000 € pro Jahr. Wenn die Zeit reif ist werden wir schon sehen wie die Umverteilungsmechanismen funktionieren. Und dann werden diejenigen, die heute noch gelacht haben sehr starke Kopfschmerzen haben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×