Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.08.2012

15:53 Uhr

Vor der EZB-Sitzung

Marios Waffenschrank

VonJan Mallien

EZB-Chef Mario Draghi will alles Notwendige zum Erhalt des Euro tun. Damit hat er an den Märkten hohe Erwartungen geweckt. Hinter seinen Worten steht ein großes Waffenarsenal. Doch nicht alles darin funktioniert.

Im Kampf gegen sinkende Preise hat EZB-Chef Mario Draghi noch ein paar Waffen im Schrank.

Im Kampf gegen sinkende Preise hat EZB-Chef Mario Draghi noch ein paar Waffen im Schrank.

DüsseldorfMario Draghi lässt keinen Zweifel daran, dass sein Waffenarsenal ausreicht, um den Euro zu retten. Die EZB werde, "alles Notwendige zum Erhalt des Euro tun", hatte der Notenbankchef jüngst versichert. "Und glauben sie mir, es wird genug sein."

Hinter Draghis Worten stehen mächtige Waffen: Allen voran die Lizenz zum Gelddrucken. Da die EZB immer frisches Geld drucken kann, verfügt sie - zumindest auf dem Papier - über unbegrenzte Feuerkraft: Theoretisch kann sie alle neuen Anleihen der Krisenländer mit frisch gedrucktem Geld aufkaufen - und damit die Krise am Anleihemarkt schnell beenden.

Der Instrumentenkasten der EZB

Die EZB soll's richten

Wieder einmal blicken alle in der Euro-Schuldenkrise gebannt nach Frankfurt: die Europäische Zentralbank (EZB) soll es im schlimmsten Fall richten, mit ihrem Waffenarsenal intervenieren und so die Märkte beruhigen.

Die Mittel der EZB

Zwar streiten sich Fachleute und auch die Notenbanker darüber, wie effektiv, nachhaltig und sinnvoll weitere Eingriffe der Geldpolitik sein könnten. Fest steht aber: die EZB verfügt als einzige Institution über einen gut gefüllten und theoretisch sofort verfügbaren Instrumentenkasten, um angeschlagenen Banken unter die Arme zu greifen, Institute im Falle eines Bank-Runs mit neuem Geld zu schützen und durch ihre Finanz-Feuerkraft wenigsten für eine begrenzte Zeit wieder für Ruhe an den Börsen zu sorgen.

Liquiditätssalven für das Finanzsystem

Vor dem Wahlsonntag in Athen verdichten sich die Hinweise, dass die großen Notenbanken der Welt gemeinsame Sache machen und die Märkte mit Geld fluten könnten. Eine solche konzertierte Aktion der Zentralbanken gab es schon einmal - Anfang Oktober 2008, kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, als weltweit die Finanzströme zu versiegen drohten.
In der aktuellen Krise rund um die Überschuldung Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder hat bislang nur die britische Notenbank angekündigt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzminister in London ihren Bankensektor zum Schutz vor aus Griechenland überschwappenden Problemen mit 100 Milliarden Pfund fluten will. Am Freitag sorgte die Aussicht auf eine gemeinsame Intervention der Zentralbanken zunächst für bessere Stimmung an den Märkten.

Senkung des Leitzinses unter 0,75 Prozent

Aktuell steht der Leitzins der EZB bei 0,75 Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger.
Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den sogenannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch Geld dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent.
Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei den wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

Weitere Erleichterungen für das Bankensystem

Damit den Banken die Sicherheiten nicht ausgehen, die diese als Pfand bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank stellen müssen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um gezielter zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht derzeit, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden.
Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute deutschen oder österreichischen Banken vorzuziehen.

Weitere Reduzierung der Mindestreserveanforderung

Theoretisch kann die EZB auch ihre Anforderungen an die Mindestreserve der Banken, die diese bei ihr halten müssen, absenken. Sie hat dies um den Jahreswechsel bereits getan und den Satz ihrer gesamten Einlagen, den jede Geschäftsbank bei ihr parken muss, von zwei auf ein Prozent halbiert. Dadurch hatte sie damals eine Summe von rund 100 Milliarden Euro für die Banken freigemacht. Ein solcher Schritt würde es für Banken in Südeuropa, die wohl am ehesten unter einer Kapitalflucht leiden würden, leichter machen, Mittel flüssig zu halten.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Was theoretisch ginge, ist rechtlich kaum möglich: Das Mandat verbietet der EZB die monetäre Staatsfinanzierung. Deshalb hat die EZB noch nie direkt bei den Auktionen Anleihen der Krisenländer aufgekauft. Was sie allerdings schon gemacht hat, sind Anleihekäufe am Sekundärmarkt. Dies ist ein Trick um die Anleihekäufe besser zu legitimieren. Die EZB kauft dabei von anderen Investoren Anleihen auf. Zwischen dem Kauf der Anleihen durch den Investor und dem Weiterverkauf an die EZB liegen oft nur Bruchteile von Sekunden. Von Mai 2010 bis Anfang 2012 kaufte die EZB anderen Investoren auf diese Weise Anleihen der Euro-Krisenländer für über 200 Milliarden Euro ab.

Die EZB begründete ihr Anleihekaufprogramm damit, dass sie dadurch die Übertragung ihrer Geldpolitik auf die Realwirtschaft unterstütze. Derzeit stößt die EZB mit der Zinspolitik an enge Grenzen. Sie hat den Leitzins in der Euro-Zone auf ein Rekordtief gesenkt - doch davon kommt bei den Unternehmen und Haushalten in den Krisenländern praktisch nichts an. Da die Zinsen für ihre Kredite noch über dem Zinsniveau der jeweiligen Staatsanleihen liegen, müssen die Unternehmen und Haushalte dort extrem hohe Zinsen zahlen - wenn sie überhaupt Kredite bekommen.

Diese Situation hat sich in den vergangenen Wochen noch deutlich verschärft. "Aus unserer Sicht würde die EZB ihr Mandat verletzen, wenn sie in der derzeitigen Situation nicht interveniert," sagt Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Die Märkte jedenfalls erwarten nach den Äußerungen Draghis eine baldige Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms der EZB. Draghi hat das in seiner technischen Notenbanker-Sprache auch angedeutet. Die Höhe der Zinsaufschläge für Staatsanleihen behindere die Übertragung der EZB-Zinspolitik auf die Realwirtschaft, deshalb seien mögliche Anleihekäufe der EZB durch ihr Mandat gedeckt, sagte er.

Die EZB hat verschiedene Möglichkeiten um am Anleihemarkt zu intervenieren. Doch das ist nicht ihre einzige Stellschraube. Handelsblatt Online liefert einen Überblick über Mario Draghis Waffenarsenal.

Kommentare (39)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

01.08.2012, 16:05 Uhr

Alleine schon das, was wir Apotheker gerade durchleben, ist einer demokratischen Berufsgruppe, wie wir sie nunmal als Apotheker-Gemeinschaft sind, völlig unwürdig.

Hier mein persönlicher Vorschlag zur 'Better Spending'-Initiative unseres Aussenministers:

Um Europa nachhaltig zu Stabilisieren und ein faires Miteinander zu ermöglichen wäre es vielleicht nicht von Nachteil, Datenautobahnen zwischen Politik, den freien Berufen und den Bürgern, sowie zwischen und innerhalb der berufständischen Organisationen in den europäischen Partnerorganisationen einzurichten?

So könnte man auch einfacher erkennen, welche 'Mächte' eigennützig das System - nicht nur Geld - ausbeuten, da ja Auf- und Abfahrten fehlten, oder bereits zu viel vorhanden sind...

...wir konzentrieren uns viel zu sehr auf abstrakte Themen, wie generationsübergreifende Schulden, ESM, Finanzierungsquatsch mit Sauce.

Was ist mit den Menschen in deren Berufen, und wie sieht es um deren Perspektive in deren demokratisch gewachsenen Strukturen aus?

Was ist mit den Berufen? Ist das europäische Gesamt-Orchester der Berufsverbände startklar?^^

Die Politik könnte sich ja um die Verteilung der Notenblätter kümmern, damit die Verbände länderübergreifendes Miteinander leben können, sonst wird es wahrscheinlich ein kostenorientiertes 'Survival Of The Fittest', was Großkonzerne mit Shareholder-Value sogar noch begünstigt ...

Hm. Vielleicht ist das auch nicht die Aufgabe der Politik, sondern der Menschen in deren sozialen Strukturen?
Nur so kann doch Europa funktionieren? Im Schulterschluß mit den anderen Kammerberufen!^^

Leopold

01.08.2012, 16:06 Uhr

Waffenschrank? Der hat sein Pulver doch schon verschossen. War aber nur ein kurzes Feuerwerk. Diese verbal groß aufgehängten Aktionen kosten uns viel Geld, bringen aber der EU nichts! Nur weil es Brüssel nichts kostet, da ja unser Geld verpulvert wir, wird vierteljährlich neu ein Feuerwerk angekündigt!

Account gelöscht!

01.08.2012, 16:11 Uhr

EZB kauft den Müll, den keiner will. Nachher kommt der EZB-Schuldenschnitt und die FPIIGS-Staaten sind schuldenfrei. Toller Trick.

zu Sinn: Man kann nicht Europa zwangsweise als Gesamt-Nation kreieren, nur weil es besser ist für die Rückzahlung der Staats-Anleihen und weil es der Wirtschaft unbedingt gefällt.

Europa in Vielfalt und Freiheit ist vor allem für die einzelnen Völker da, die sich jahrhundertelang immer wieder befreit haben und ein "EU-Zwangskorsett" niemals durlden würden.

Europa wäre auch geschwächt in kultureller Hinsicht und weil jedes Land seine Würde behalten will mit eigener Souveränität. Die Dynamik und Triebkraft Europas kommt doch gerade von diesen einzelnen Facetten her, in ihrer Einzigartigkeit der Lebensweisen und regionalen Besonderheiten. Schon Barosso und Rompuy schaden Europa insbesondere durch ihre Arroganz und Macht-Anmaßung, "EU aus Brüssel" händeschüttelnd vor der blauen Stoff-Leinwand, die durchweg bei den Bewohnern Europas auf Ablehnung stösst. Mehr davon kann man nicht ertragen !

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×