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29.10.2012

09:33 Uhr

Altersvorsorge

Der verzweifelte Kampf um die Lebensversicherung

VonThomas Schmitt

Die Deutschen kaufen immer weniger Lebensversicherungen. Doch der größte Versicherer im Lande möchte seinen Verkaufsrenner noch nicht abschreiben. Was von den Argumenten der Allianz zu halten ist.

Sylvester Stallone in einem seiner "Rocky"-Filme.

Sylvester Stallone in einem seiner "Rocky"-Filme.

Der Dinosaurier lebt. 250 Jahre schon. Und wenn es nach dem führenden Versicherer in Deutschland geht, sollen noch viele glückliche Jahre folgen. „Wir gehen davon aus, dass aller Kritik zum Trotz Lebens- und Rentenversicherungen nicht zuletzt aufgrund einer rapide alternden Bevölkerung langfristig wichtige Bausteine der privaten Vorsorge bleiben werden“, stellt die Allianz vollmundig fest.

Optisch illustriert der Versicherer diese These mit einem Baby und dem Hinweis: „Die Welt altert.“.

Wohl wahr. Doch blicken wir zurück. Das Licht der Welt erblickte die Lebensversicherung 1762. Friedrich der Große regierte in Preußen, in Europa tobte der Siebenjährige Krieg, und in England gründeten ein paar clevere Geschäftsleute die erste Gesellschaft, die die Lebensversicherungen anbot. „Die erste Lebensversicherung der Geschichte war eine Wette zwischen zwei Londonern auf den Tod eines kranken Mannes. Es ging um 382 Britische Pfund“, stellt der WDR in einem Beitrag fest.

Schon von Anfang an ein Glücksspiel also. Das passt gut zur aktuellen Debatte um den Bestseller der Versicherungswirtschaft. „Die gegenwärtige Finanzkrise und die damit verbundenen niedrigen Kapitalmarktzinsen stellen Lebens- und Rentenversicherungen auf den Prüfstand“, stellt der Marktführer fest. Aber nicht nur das: „Auch neue aufsichtsrechtliche Regelungen wie Solvency II und die Einführung von Unisextarifen machen dem Produkt zum derzeitigen Zeitpunkt das Leben schwer.“

Im Schnitt hat jeder Deutsche mehr als eine Lebensversicherung gekauft. Insgesamt laufen noch mehr als 90 Millionen Verträge. Doch Jahr für Jahr werden es weniger.

Das kann auch die Branche selbst nicht ignorieren: „Lebensversicherungskunden haben im Jahr 2011 Verträge im Gesamtwert von 13,95 Milliarden Euro vorzeitig gekündigt. Auf sie entfielen 18 Prozent der Auszahlungen. Das Stornovolumen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 7,4 Prozent. Dies geht aus der jüngsten Statistik des Branchenverbandes GDV hervor“, berichtet die Zeitschrift „Finanztest“.

Als Desaster beurteilen manche gar Zahlen des Arbeitsministeriums. Vor Jahren verkauften die Versicherungen ihre Riester-Renten noch wie warmes Brot. Doch im zweiten Quartal 2012 machten die Menschen einen weiten Bogen um diese Variante der staatlich geförderten Altersvorsorge: Schlusslicht in der Verkaufsstatistik – mit einem verschwindend geringen Marktanteil. 84.000 Menschen entschieden sich neu für eine Riester-Rente. Nur 2.000 der Verträge entfielen auf förderfähige Versicherungen.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Das Ministerium stellt dazu nüchtern fest: „Erkennbar wird daran ein Trend zu mehr konsequent sicherheitsorientiertem Riestern mittels Banksparplänen und eine Tendenz zur Sachwertanlage durch Investitionen in selbstgenutzte Immobilien über das Wohn-Riestern.“ Da stellt sich die Frage: Sind Lebensversicherungen nicht mehr sicher? Werden diese Produkte überhaupt noch gebraucht? Und wenn ja, in welcher Form?

All das sehen natürlich auch die Strategen der Allianz. Doch anstatt auf die Argumente der Kritiker einzugehen, etwa die Kritik an zu hohen Kosten, entwickeln sie ihre Sicht in fünf Thesen.

 

Kommentare (28)

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Account gelöscht!

29.10.2012, 09:38 Uhr

Geld über zig Jahre einbezahlen, welches mir jetzt fehlt um am Ende VIELLEICHT wenn überhaupt entwertetes Geld zurückzubekommen. Garantiert würde ich HEUTE keine LV mehr abschliessen.

A.Popp

29.10.2012, 09:39 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

jkdl

29.10.2012, 09:41 Uhr

bringt keine real-rendite,man ist 30-40 Jahre gebunden.und der sinn liegt ja darin seine Hinterbliebenen abzusichern.wenn man aber soetwas abschliesst,mit etwa 20-25 Jahren,viel.auch 30,hat man dann schon unbedingt Familie?eine ehe hält in mehr als 60% der fälle auch nicht mehr ewig,warum soll ich mich dann bei der geldanlage "ewig" binden?
lieber das geld jeden Monat in einen IndexFonds Sparplan stecken zu minimalen Gebühren.
Achja gebühren,die Gebühren werden am anfang der LZ beglichen,d.h.die ersten 5 Jahre einzahlung gehen auf das Konto des Vertreters als Provision.Verzinst sich dann die ersten Jahre etwas?...ja 0 verzinst sich....und 0 verzinst ergibt?mal nachdenken....

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