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26.09.2011

14:36 Uhr

Altersvorsorge

Je höher das Einkommen, desto höher das Absturzrisiko

VonPeter Thelen

Gutverdiener wissen um die Notwendigkeit privater Altersvorsorge. Schließlich droht höheren Einkommen eine größere Versorgungslücke im Alter als niedrigen. Und trotzdem sind viele junge Arbeitnehmer zu sorglos.

Höheren Einkommen droht eine größere Versorgungslücke im Alter. gms

Höheren Einkommen droht eine größere Versorgungslücke im Alter.

BerlinEs hat schon einmal richtige Altersarmut in Deutschland gegeben. 1950, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, lag die durchschnittliche Rente mit 60 Euro auf Sozialhilfeniveau. Auch die Reichen hatte es erwischt: Ersparnisse und Lebensversicherungen waren von der Inflation gefressen, viele Immobilien waren zerbombt oder mussten bei der Flucht aus dem Osten zurückgelassen werden. Das Wirtschaftswunder drohte an der alten Generation vorbeizugehen.

Die Lösung damals war die Einführung der dynamischen Rente. Ihr Erfinder war der Vorsitzende des Verbands Katholischer Unternehmer, Wilfried Schreiber. Sein Einfall war es, die Renten fest an die Lohnentwicklung zu binden. Dazu veranlasst hatte ihn die bittere Erfahrung seiner Generation, dass die Entwertung aller Geldvermögen möglich ist. 60 Prozent der letzten Bruttoeinkommen sollte die Rente betragen, entsprechend rund 70 Prozent der Nettoeinkommen. Das würde reichen, den gewohnten Lebensstandard im Alter zu sichern.

Das Umlageverfahren wurde eingeführt. Seither zahlen die aktiven Arbeitnehmer die Rente ihrer Elterngeneration über ihre Beiträge. Später kam ein Steuerzuschuss hinzu, der die versicherungsfremden Leistungen der Rentenkassen abdeckt. So entstand das Rentensystem, an das sich die Deutschen als sanftes Ruhekissen gewöhnten.

Nicht ganz ein halbes Jahrhundert später gilt das Sicherungsversprechen nicht mehr, weil ein wichtiger Teil des Generationenvertrags gebrochen wurde: Seit Anfang der 70er-Jahre werden Jahr für Jahr weniger Kinder geboren, als Menschen sterben. Die Politik handelte, wenn auch lange Zeit zögerlich, und passte die Rente an die neuen Realitäten an (siehe Chronik). Die bittere Wahrheit ist nun: Der Rentenanspruch nähert sich in den nächsten zwei Jahrzehnten allmählich der Marke von 40 Prozent des letzten Durchschnittsnettoeinkommens an.

Schon jetzt kann von einer Sicherung des gewohnten Lebensstandards keine Rede mehr sein. Aber in Zukunft gilt erst recht: Wer nicht in großem Ausmaß mit privaten Ersparnissen ergänzend vorsorgt, dem droht im Alter der soziale Absturz. Je höher der soziale Aufstieg im Erwerbsleben war, um so tiefer wird der Fall.

Aufstieg und Fall der lohnabhängigen Rente

Generation dynamische Rente

Mit der Rentenreform von 1957 leitete die Regierung Adenauer einen epochalen Wandel in der Altersversorgung ein. Sie koppelte die Renten an die Entwicklung der Bruttolöhne und beteiligte so die Rentner am Wirtschaftswunder. Mit einem angestrebten Versorgungsniveau von 69 bis 72 Prozent des letzten Nettoeinkommens reichte die gesetzliche Rente in Deutschland erstmals, um den Lebensstandard im Alter zu sichern.

Spendierhosen

Die Wirtschaftswunderjahre und Mehreinnahmen durch eine Anhebung des Rentenbeitrags von 14 auf 18 Prozent verleiteten die sozialliberale Koalition im Vorwahlkampf 1972 zu teuren Geschenken an die Rentner, die die Rentenausgaben in kürzester Zeit um die Hälfte steigerten. Sie erlaubte Selbstständigen, sich für wenig Geld in die Rentenversicherung einzukaufen. Folgenschwerer war die Einführung der flexiblen Altersgrenze mit 63 und der Frührente für Arbeitslose mit 60 Jahren. Denn sie führte zu den umfassenden Vorruhestandsprogrammen der 80er-Jahre, von denen vor allem die großen Konzerne profitierten. Ohne den Vorruhestand hätte der Rentenbeitrag in den 90er-Jahren rund acht Prozentpunkte niedriger liegen können, sagt der damalige Chef des Verbands der Rentenversicherungsträger, Franz Ruland.

Konsolidierung

Die teure Reform und schlechte Konjunkturdaten erzwangen bereits 1977 das erste von zahllosen Konsolidierungsgesetzen. Rentenanpassungen wurden verschoben, Rentenerhöhungen gekappt. Seit 1981 zahlen die Rentner den Arbeitnehmeranteil ihres Krankenkassenbeitrags selbst. Binnen weniger Jahre sank so das Nettorentenniveau von 72,6 auf 64,7 Prozent nach 40 Versicherungsjahren.

Gerupfte Akademiker

Am stärksten griff die Regierung in die Rentenanwartschaften von Akademikern ein: Die rentensteigernde Berücksichtigung von Schule und Studium wurde mehrfach beschnitten. Zunächst wurden 13 Ausbildungsjahre bei der Rentenberechnung so berücksichtigt, als hätte der Versicherte in dieser Zeit sein persönliches Durchschnittsentgelt verdient. Ab 1977 waren es nur noch 90 Prozent des Durchschnittsentgelts.

Abschied von der Bruttorente

Mit ihr reagierte die Politik 1992 auf den demografischen Wandel. Die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung untergräbt den Generationenvertrag, demzufolge immer die aktive Generation die Renten der vorigen Generation bezahlt. Doch wenn jede Generation kleiner ist als die vorige, dann funktioniert das nicht mehr. Kern der Reform war der Übergang von der brutto- zur nettolohnbezogenen Rentenanpassung. Versorgungsziel ist eine Nettorente von 70 Prozent nach 45 statt zuvor 40 Versicherungsjahren. Frührentner müssen erstmals Abschläge hinnehmen.

Schluss mit Lebensstandardsicherung

Mit dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall, Walter Riester, war es ausgerechnet ein Gewerkschafter, der Ende der 90er-Jahre nach fast einem Jahrzehnt politischer Debatte aus der lebensstandardsichernden Rente eine Basisabsicherung machte. 2001 wurden als staatlich geförderte Zusatzversorgung Riester- und Rürup-Rente sowie der Anspruch der Arbeitnehmer auf Umwandlung eines Teils ihres Entgelts in eine Betriebsrente eingeführt. Im Gegenzug wurde das Rentenniveau schrittweise über den sogenannten Riester-Faktor abgesenkt.

Nachhaltigkeitsfaktor

Die endgültige Entkopplung der Renten von den Löhnen folgte wenig später mit dem Nachhaltigkeitsfaktor. Er ging auf einen Vorschlag des ehemaligen Chefs der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, zurück. Mit seiner Hilfe wird der Rentenzuwachs zusätzlich in dem Maße gedämpft, in dem sich die Relation von Beitragszahlern zu Rentnern verschlechtert. Damit sinkt das Rentenniveau und die Versorgungslücke wächst auch für Menschen mit Einkommen unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze. Bis 2030 soll nach diesem Konzept die Rente des Durchschnittsverdieners nach 45 Versicherungsjahren auf 43 Prozent des letzten Nettoeinkommens sinken. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat errechnet, dass sie 2035 unter 40 Prozent sinkt.

Rentensteuer

Seit 2005 wird diese schrumpfende Nettorente auch noch besteuert. Waren Renten bis 2005 quasi steuerfrei, so steigt seither der zu versteuernde Ertragsanteil schrittweise bis 2040 von 50 auf 100 Prozent. Im Gegenzug werden die früher aus versteuertem Einkommen gezahlten Arbeitnehmerbeiträge schrittweise steuerfrei gestellt. Die Rentensteuer ist Teil einer umfassenden Reform der Besteuerung der Alterseinkommen, die das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber vorgeschrieben hat. Seither gilt für alle Formen der Altersversorgung die nachgelagerte Besteuerung.

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