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12.09.2012

15:46 Uhr

Altersvorsorge

Was die neue Lebensversicherung taugt

VonJens Hagen

Eine Studie enthüllt: Selbst große Versicherungskonzerne glauben nicht mehr an die Lebensversicherung. Deshalb gehen sie jetzt mit neuartigen Tarifen auf Kundenfang. Handelsblatt hat die neue Altersvorsorge getestet.

Altersvorsorge im Zinstief ist gar nicht so einfach. gms

Altersvorsorge im Zinstief ist gar nicht so einfach.

DüsseldorfIn der Anonymität reden auch ansonsten eher schweigsame Personen Klartext. Das belegt eine Umfrage unter Lebensversicherern, die in dieser Woche vorgestellt wurde. Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte, die Rückversicherer von RGA und das Institut für Versicherungswissenschaften in Leipzig haben 23 Gesellschaften zu der Zukunft ihrer Branche befragt. Und Allianz, Ergo, Gothaer und Co plauderten aus dem Nähkästchen.

Den eigenen Produkten trauen die Versicherer offenbar kaum. Mehr als neun von zehn Gesellschaften zweifeln etwa daran, ob sie wegen dem negativen Marktumfeld langfristig finanzierbare Garantien geben oder attraktive Altersvorsorgeprodukten anbieten könnten. Die Branche zittert vor dem historischen Zinstief. 83 Prozent sehen den Zustand der Finanzmärkte als entscheidend für die Zukunft der deutschen Lebensversicherung. 81 Prozent sehen die Erwirtschaftung der mittleren Zinsgarantie als die große Herausforderung der Branche.

Lebensversicherungen: Ende eines deutschen (Rendite-)Traums

Lebensversicherungen

Ende eines deutschen (Rendite-)Traums

Einst galt die Lebensversicherung als der Deutschen liebstes Anlageprodukt. Doch nicht zuletzt dank der EZB sind die goldenen Zeiten vorbei. Wer heute sein Leben versichert, sollte bescheiden sein – und einiges beachten.

Unter Klarnamen zeigen die Branchenteilnehmer eine ganz andere Sicht der Dinge. „In Relation zu der gewährten Sicherheit gibt es keine bessere Alternative zum Aufbau der Altersvorsorge“, erklärte etwa Simone Schuchert, Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft. „Gerade in diesen Zeiten käme das Sicherheitssystem der Lebensversicherung besonders zum Tragen „In guten Kapitalmarktzeiten werden Sicherheitspuffer aufbaut, die in unruhigen Zeiten zur Glättung der Überschüsse der Versicherten verwendet werden“. Allianz-Leben-Vorstand Alf Neumann erklärt, dass die Lebensversicherung weiterhin attraktiv sei. „Sie ist das einzige Angebot für Altersvorsorge, das Sicherheit und Risikoabsicherung für lange Zeiträume mit attraktiven Renditen verbindet“.

Verbraucherschützer: „Die Versicherer haben in der Altersvorsorge versagt“

Verbraucherschützer

„Die Versicherer haben in der Altersvorsorge versagt“

Der Verbraucherschützer Axel Kleinlein gilt als schärfster Kritiker der Branche. Im Interview verrät er, warum Lebensversicherungen, Riester- und Rürup-Rente nichts taugen und mit welchen Allianz-Vorständen er sich duzt.

Der Garantiezins sank auf ein historisches Tief von 1,75 Prozent. Auch die Überschussbeteiligung, maßgeblich für eine gute Verzinsung, sank in diesem Jahr nach einer Analyse des Analysehauses Morgen & Morgen unter 3,9 Prozent. Ein 37-jähriger Versicherter, der jetzt abschließt und jeden Monat hundert Euro einzahlt, würde nach 30 Jahren eine Rendite auf seine Beiträge je nach Gesellschaft nur noch zwischen 2,4 Prozent und fünf Prozent erzielen – wenn die Zinsen konstant bleiben würden. Die meisten Versicherten profitieren selbst von solchen Minirenditen nicht, da sie vor Ablauf kündigen.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

In der Umfrage gehen 95 Prozent der Befragten davon aus, dass die Überschussbeteiligung in Zukunft weiter sinken wird. Mehr als ein Drittel der Gesellschaften geht sogar davon aus, dass sie „stark sinken“ wird. Wie sehr sich viele Gesellschaften schon jetzt zur Decke strecken, wird in der Umfrage deutlich. Mehr als drei Viertel der Befragten gibt an, das es wünschenswert wäre, wenn Garantien nicht mehr bis zum Laufzeitende gelten würden.
„So gehen wir davon aus, dass wir in fünf Jahren neue Produkte am Markt sehen werden: Abschnittsgarantien beispielsweise werden dann bei der Gestaltung von Garantieprodukten eine große Rolle spielen“, sagt Klaus Mattar, Hauptbevollmächtigter der deutschen Niederlassung der RGA. So könnten Versicherer niedrigen und volatilen Zinsen wie Vorgaben aus Solvency II besser begegnen.

Nicht nur aus diesem Grund scheint die Lebensversicherung ein Auslaufmodell zu sein. 83 Prozent der Versicherer geben an, dass die Transparenz in der Lebensversicherung erhöht werden muss. Keine Gesellschaft sagt, dass in der Lebensversicherung Transparenz bereits „voll und ganz“ gegeben sei.

Neues Urteil

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Neues Urteil: Geld für Lebensversicherung einklagen

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Die meiste Kompetenz in diesem Punkt haben laut Versicherer die Verbraucherschützer. 91 Prozent sehen die Kundenvertreter als Treiber für mehr Transparenz. Nur 13 Prozent sehen die Versicherer als Vorreiter für Transparenz, gerade mal acht Prozent den Vertrieb. Die klare Mehrheit der Branche erklärt, dass der Gesetzgeber verbindliche Vorschriften für sie erlassen müsste um Transparenz und Verbraucherschutz zu steigern.

Niedrige Zinsen, harte Vorgaben durch die Politik und mangelnde Kundenfreundlichkeit - Unter den Versicherern scheint der Glaube an ihr traditionelles Produkt allmählich zu schwinden. Trotz vielfach mangelhaften Angeboten besteht aber weiterhin der Bedarf nach privater Altersvorsorge. Die Versicherer bieten zahlreiche Alternativen zur klassischen Lebenpolice. Handelsblatt Online zeigt, welche Produktarten es bereits gibt und welche Chancen und Risiken sie den Kunden bieten.

Das Problem: Wegen der sich von der Branche selbst attestierten Intransparenz dürften kaum einer der Inhaber der knapp 40 Millionen privaten Rentenverträgen wissen, was er abgeschlossen hat. Die Risiken können beachtlich sein. "In extremen Marktsituationen müssen Kunden bei vielen Produkten sogar mit negativen Renditen rechnen", sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. Sein Analysehaus errechnet, wie sich die Renditen von Tarifen in 10.000 verschiedenen Kapitalmarktverläufen verhalten. Auf den nächsten Seiten werden diese "Volatium"- Chancen- und Risikoprofile für Altersvorsorgeprodukte abgebildet.

Kommentare (6)

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chl

12.09.2012, 17:19 Uhr

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, mit welcher Regelmäßigkeit Handelsblatt Ereignislücken mit solchen mittelmäßig recherchierten Artikeln füllt.
Dass die Dt. Lebensversicherung kein Renditeprodukt ist, wissen wir seit vielen Jahren. Dass teilweise überhöhte Kosten und fehlende Transparenz das Produkt belasten, ist auch kein Novum, ebenso wie der häufig unseriöse Vertrieb. Dass jedoch für viele Sparer dies die einzige Anlage ist, die zu einer halbwegs ordentlichen Spardisziplin führt, wird leider sehr selten erwähnt. Und dass es neben den verschiedenen " neuen Modellen" teilweise echte Innovation bei relativ günstigen Kosten gibt, z.B. Allianz Index Select, wird einfach nicht erwähnt. Schade!

FinanzmaklerDD

12.09.2012, 17:23 Uhr

Was wurde denn genau hier recherchiert? Wie kann eine Fondspolice 6.03% Rendite bringen, wenn der zugrunde liegende Fonds nur 6% macht? Zahlt die Gesellschaft drauf? Das wird sicherlich nicht der Fall sein. Meine Schlussfolgerung ist folgende: Es wurde nur die mögliche Ablaufleistung der Versicherung betrachtet, auf mögliche Kickbacks über Rahmenverträge zwischen Versicherungen & Fondsgesellschaften wurde nicht geprüft. Wie auch? Die Thematik ist selbst für Versicherungsmathematiker viel zu komplex. Da hilft nur der RiY-Ansatz, welcher sich (Lobby sei Dank) in Deutschland (noch) nicht durchgesetzt hat. Ein transparentes Produkt sieht anders aus. Fazit: LV immer noch - Nein, Danke!

REALIST

12.09.2012, 17:57 Uhr

Lange hat der Versicherte nicht bemerckt das die Kosten dieser Produkte zu hoch waren .Jetzt sieht er das der Ratio (Gewinn der Produktevertreiber/Ertrag für den Kunden) das diese Produkte eigentlich nur für die Vertreiber profitabel waren ,nur sehr wenig dagegen für die Kunden.Dank sei der Krise. Aber keine Angst: die Finanzakrobaten werden schon neue Produkte erfinden um den gutgläubigen Kunden über den Tisch zu ziehen.

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