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25.09.2012

12:05 Uhr

Altersvorsorge

Was die neuen Riester-Gesetze bringen

VonFrank Matthias Drost, Anke Rezmer, Axel Schrinner, Thomas Schmitt

Die Koalition will am Mittwoch im Kabinett einen Gesetzentwurf zur Förderung der Altersvorsorge verabschieden. Das Motto lautet: Die Riester-Rente soll einfacher, transparenter und attraktiver werden. Was sich ändert.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zur Riester-Rente: "Das Gesetz wird dazu führen, dass die Verbraucher die Produkte besser verstehen und deren Leistungen besser miteinander vergleichen können." dpa

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zur Riester-Rente: "Das Gesetz wird dazu führen, dass die Verbraucher die Produkte besser verstehen und deren Leistungen besser miteinander vergleichen können."

Frankfurt/BerlinWer einmal schlechte Erfahrungen mit einem Riester-Vertrag gemacht hat, der ist meist für alle Anbieter verloren. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Munich Centers for Economics of Aging (MEA). Etwa 14,5 Prozent der Haushalte haben ihre Riester-Rente schon einmal gekündigt oder stillgelegt. Nach einer Kündigung haben 73 Prozent, nach einer Stilllegung 81 Prozent keinen neuen Riester-Vertrag abgeschlossen. Das sind weitere Ergebnissse der repräsentativen SAVE-Umfrage, auf der die Studie basiert. Seit 2005 befragt TNS Infratest die Deutschen über ihr Spar- und Anlageverhalten.

Überblick: Das neue Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz

Anlass

Die Regierung begründet die Änderungen bei der Riester-Rente so:
„Die deutsche Gesellschaft steht, ähnlich wie diejenige anderer Industrieländer, vor starken und nachhaltigen demografischen Veränderungen. Sinkende bzw. dauerhaft niedrige Geburtenraten und eine zunehmende Lebenserwartung werden dazu führen, dass eine wachsende Zahl von Menschen im Rentenalter einer abnehmenden Zahl von Personen im aktiven Erwerbsleben gegenübersteht.“

Quelle: Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der steuerlichen Förderung der privaten Altersvorsorge (Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz – AltvVerbG)

Verbraucher

10 Jahre nach der Einführung der Riester-Rente und sieben Jahre nach Einführung der Basisrente zeige sich Anpassungsbedarf insbesondere in Hinblick auf den Verbraucherschutz.

Ziele

– Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge
– Vereinfachung der Eigenheimrente
– Verbesserung des Erwerbsminderungsschutzes
– Stärkung der Verbraucher im Markt
– Verbesserung des Anlegerschutzes

Transparenz

„Zur Erhöhung der Transparenz und der Vergleichbarkeit von geförderten Altersvorsorgeprodukten wird statt der bisherigen vorvertraglichen Informationspflichten ein verpflichtendes Produktinformationsblatt für alle Produktgruppen zertifizierter Altersvorsorgeverträge eingeführt. Dieses Produktinformationsblatt soll dem Verbraucher in gebündelter, leicht verständlicher und standardisierter Form einen Produktvergleich ermöglichen.“

Fördergrenzen

bei der Basisversorgung im Alter:
– Anhebung der Förderhöchstgrenze von 20 000 Euro auf 24 000 Euro
– Verbesserung der steuerlich begünstigten Absicherung der Berufsunfähigkeit beziehungsweise verminderten Erwerbsfähigkeit

Riester-Rente

– Verbesserung des Erwerbsminderungsschutzes bei Altersvorsorgeverträgen
– Meldung bei Übertragungen im Rahmen des Versorgungsausgleichs auch bei ausschließlich ungefördertem Altersvorsorgevermögen
– Streichung der Bescheinigungspflicht der Erträge (§ 94 Absatz 1 EStG)
– Verbesserungen bei der Ausgestaltung des genossenschaftlichen Riester-Anlageprodukts

Wohn-Riester (1)

– jederzeitige Kapitalentnahme für selbst genutztes Wohneigentum in der Ansparphase
– jederzeitige Einmal-Besteuerung des Wohnförderkontos während der Auszahlungsphase
– Erleichterungen im Hinblick auf die Absicherung der weiteren Geschäftsanteile einer Genossenschaft
– Flexibilisierung und Verlängerung des Reinvestitionszeitraums

Wohn-Riester (2)

– Zulassung eines Altersvorsorge-Eigenheimbetrags zwischen 75 und 100 Prozent des geförderten Kapitals
– Absenkung der jährlichen Erhöhung der in das Wohnförderkonto eingestellten Beträge von 2 auf 1 Prozent
– rechtzeitiger Antrag auf Entnahme des Altersvorsorge-Eigenheimbetrags vor der Auszahlungsphase
– Einbeziehung eines Umbaus zur Reduzierung von Barrieren in oder an der selbst genutzten Wohnung in die Eigenheimrenten-Förderung

Um die Stilllegungsquoten zu senken, sollten die Bedingungen für Riester-Verträge geändert werden, fordern die Meinungsforscher. Kostenstruktur sowie Ertrags- und Risikoerwartungen müssten besser vergleichbar sein. Zudem sollten die Anbieter angehalten werden, Verträge mit niedrigen Kosten anzubieten.

Auf dieses Meinungsbild in der Bevölkerung reagiert die Politik in Berlin nun. Nach langer Anlaufphase sind sich die Regierungspolitiker offenbar einig: Am Mittwoch will die schwarz-gelbe Koalition eine Reform der geförderten privaten Altersvorsorge auf den Weg bringen. Ihr Ziel: Die geförderte Vorsorge soll attraktiver und transparenter für die Bürger werden.

Stiftung Warentest: Schlechte Noten für Riester-Versicherungen

Stiftung Warentest

Schlechte Noten für Riester-Versicherungen

Die Kritik an Riester-Renten der Versicherer reißt nicht ab. Nur fünf von 29 untersuchten Riester-Versicherungen sind „gut“. Zu diesem Ergebnis kommt die Zeitschrift „Finanztest“. Worauf Kunden achten sollten.

Der Grund: Die Deutschen sollen angesichts der demografischen Entwicklung stärker selbst fürs Alter vorsorgen. So lautet schließlich die Erkenntnis, die regelmäßig von Politik und Finanzunternehmen verbreitet wird, doch in der Bevölkerung bislang weniger Widerhall findet als erhofft, jedenfalls wenn man die Verkaufszahlen der Riester-Rente zum Maßstab nimmt.

Überblick: Die Kritik an der Riester-Rente

Anlass

Zehn Jahre ist die staatlich geförderte private Altersvorsorge nun auf dem Markt. Verbraucherschützer und Politiker nahmen dies zum Anlass, die Bilanz der Riester-Rente kritisch zu hinterfragen.

Effizienz

Viele Bundesbürger, deren gesetzliche Altersrente vermutlich zu knapp sein wird, nutzen die Riester-Rente bisher nicht.

Rendite

Wie stark sich die Riester-Rente lohnt, ist umstritten. Befürworter und Gegner verweisen auf jeweils unterschiedliche Modellrechnungen. Letztlich ist dieser Streit nicht zu entscheiden, da es bisher nur wenige Riester-Rentner gibt. Die Rendite hängt zudem stark davon ab, welche Variante der Riester-Rente und welcher Anbieter gewählt wird.

Kosten

Insbesondere bei Versicherungsverträgen fallen Vermittlungskosten an. Diese werden von Verbraucherschützern und manchen Politikern als zu hoch kritisiert. Je höher die Kosten sind, um so mehr schmälert das die Rendite des Vertrags.

Provisionen

Der Verkauf über Provisionen beinhaltet nach Ansicht von Verbraucherschützern die Gefahr, dass die Kunden nicht optimal beraten werden und der Vermittler am Ende zu einem Produkt rät, durch das er selbst am meisten verdient.

Transparenz

Viele Anbieter von Riester-Produkten haben wenig Interesse, ihre Daten offen zu legen. Dies zeigte sich zum Beispiel bei einer Studie des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA).

Förderung

Die Förderung ist derzeit statisch. Sie sollte im Laufe der Zeit an die wirtschaftliche Entwicklung angepasst werden, also dynamisiert werden.

Komplexität

Viele Sparer durchschauen die Regeln der Riester-Rente nicht. Der bürokratische Aufwand ist hoch.

Wettbewerb

Die Konkurrenz unter den Anbietern ist nicht besonders ausgeprägt. Die Regierung wünscht sich mehr Wettbewerb, um auf diese Weise die Produktqualität zu verbessern.

Zusatzschutz

Mit der Riester-Rente kann man auch eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abschließen. Der Nachteil aus Sicht von „Finanztest“: Die Altersrente fällt später geringer aus, die Berufsunfähigkeitsrente wäre voll steuerpflichtig. Von einer Berufsunfähigkeitsrente aus einem Vertrag ohne Riester-Förderung wäre dagegen nur ein kleiner Teil steuerpflichtig: der Ertragsanteil.

Kontrolle

Der Markt für Riester-Renten wird bisher nicht sehr scharf kontrolliert. Das könnte sich durch neue Kompetenzen für die Finanzaufsicht Bafin künftig ändern.

Zu den Kernpunkten des Gesetzentwurfes gehören die steuerliche Förderung des Berufsunfähigkeitsschutzes, eine bessere Übersicht über die Leistungen von Riester-Verträgen sowie eine einfachere Eigenheimrente ("Wohn-Riester"). Dafür formulierten die Koalitionspolitiker den Gesetzesentwurf zur Verbesserung der steuerlichen Förderung der privaten Altersvorsorge, der dem Handelsblatt vorliegt.

Kommentare (17)

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25.09.2012, 12:34 Uhr

Zitat: "Nur jeder Zweite (54 Prozent) der über 60-Jährigen habe in eine private Altersabsicherung investiert, bei den 50- bis 60-Jährigen sind es 65 Prozent."
Unabhängig davon, dass ich der Meinung bin, dass vorwiegend Staat es versäumt hat sich um unsere Rente auf sinnvolle Weise zu kümmern und die Bürger an der Nase herumführt sind gerade die heute Ü50-jährigen das Problem der jungen Generation. Deutschland hat einen "dicken Bauch" an arbeitswütiger aber kinderarmer Bevölkerung über 40. Wenn die erst mal in Rente gehen bin ich gerade mal 40 und darf 3-4 Rentner mit meinem Gehalt versorgen. Einfach mal den Vortrag von Hans-Werner Sinn bei Youtube suchen in dem er die Altersstruktur der Deutschen dem Rentenproblem gegenüber stellt. Ich meine, dass es dieser ist "Situation in der EU". In 20 Jahren werden wenige Produktive extrem viele Rentner ernähren müssen. Ich bin gespannt...

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25.09.2012, 12:58 Uhr

Ich bin heute 52, hatte bei Ausbildungsbeginn ein Rentenniveau bei ca. 70%. Bis heute habe ich 35 Jahre gearbeitet und soll noch weitere 15 Jahre, um dann doch in Altersarmut zu versinken weil ich "nur" Verkäuferin gelernt habe. Zur Zeit wird auf die zukünftigen Rentner eingehackt, aber wer prangert die Pensionen der Beamten und Politiker an, die nach wie vor bei 70% liegen und komplett zu Lasten der Steuerzahler geht?

Account gelöscht!

25.09.2012, 13:20 Uhr

Erfahrungsgemäß werden auch in dieses Gesetz wieder Schlupflöcher für die Unternehmen eingebaut.
Ähnlich wie bei den "kostenlosen" Warteschleifen oder den Gesetzlichkeiten zum Internetabzocken.

Die Lobbyisten haben schon dafür gesorgt. Korruption in Deutschland machts möglich.

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