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09.01.2013

15:58 Uhr

Anspruch auf Entschädigung

Allianz zu Millionenzahlungen an Kunden verdonnert

Die Lebensversicherungssparte der Allianz hatte unter anderem unwirksame Kündigungsklauseln in ihren Verträgen. Betroffene Kunden bekommen nun Geld in Höhe von bis zu 117 Millionen Euro zurück.

Das Logo der Allianz. Der Branchenprimus unterlag in einem Rechtsstreit vor dem OLG Stuttgart. dpa

Das Logo der Allianz. Der Branchenprimus unterlag in einem Rechtsstreit vor dem OLG Stuttgart.

StuttgartDas Einlenken der Allianz im Streit um die Kündigung von Lebensversicherungen ist nach Einschätzung von Experten ein Signal für die ganze Branche. "Die Versicherer werden zähneknirschend zahlen", sagte die Hamburger Verbraucherschützerin Edda Castello, die in der Sache damit schon fünf juristische Erfolge gegen Lebensversicherer gefeiert hat. "Aber die einen zicken noch herum, und die anderen spielen auf Zeit." Die Hamburger Verbraucherzentrale habe zwölf weitere Versicherer abgemahnt. Letztlich könnten Millionen Versicherte Anspruch auf einen Nachschlag haben, die Kosten für die Branche könnten in die Milliarden gehen.

Die Allianz Leben hatte auf den Gang zum Bundesgerichtshof (BGH) verzichtet und will nun im Schnitt 200 Euro an rund 500.000 Versicherte nachzahlen, die ihre Verträge aus den Jahren 2001 bis 2007 gekündigt haben oder keine Beiträge mehr zahlen. Nachdem der BGH im Sommer schon Generali, Signal Iduna, Deutscher Ring und Ergo hatte abblitzen lassen, sah auch der Marktführer keine Chance in Karlsruhe mehr. Auch der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) räumte ein, dass die Urteile für die gesamte Branche von grundsätzlicher Relevanz sind. (Aktenzeichen: Allianz IV ZR 175/11, Deutscher Ring IV ZR 201/10).

Die zehn größten Versicherer Europas

Allianz

Die Allianz verfügt in Deutschland über die bekannteste Marke im Versicherungssektor. 2010 hat die Gruppe weltweit 5,2 Milliarden Euro verdient und Einnahmen von mehr als 100 Milliarden Euro erzielt. Neben dem Versicherungsgeschäft ist das Management großer Vermögen das zweite Standbein des Konzerns geworden. Mit Pimco besitzt die Allianz den am stärksten beachteten Anleihenmanager.

Axa

Der größte französische Versicherer konkurriert mit der Allianz um die Marktführerschaft in Europa. Im Jahr 2010 beliefen sich die Einnahmen auf 91 Milliarden Euro. Der Gewinn sank um ein Viertel auf 2,75 Milliarden Euro, weil Sanierungsarbeiten nach der Finanzkrise das Ergebnis belasteten.

Generali

Der Marktführer in Italien ist traditionell stark im Geschäft mit Altersvorsorgeprodukten. 2010 flossen rund 73 Milliarden Euro in die Kassen, 1,7 Milliarden Euro verblieben als Gewinn.

Aviva

Die britische Gruppe konzentriert sich in Europa neben dem Heimatmarkt auf weitere sieben Märkte: Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Irland, die Türkei und Russland. Die Einnahmen beliefen sich 2010 auf mehr als 50 Milliarden Euro. Rund zwei Milliarden Euro verdiente der Konzern.

Zurich Financial

Längst ist der Versicherer über die Schweiz hinaus gewachsen. International ist die in Dollar bilanzierende Gruppe ein direkter Konkurrent von Allianz und Axa. 2010 flossen umgerechnet 49 Milliarden Euro in das Unternehmen, über zwei Milliarden Euro betrug der Gewinn unter dem Strich.

Munich Re

Der weltgrößte Rückversicherer hat zwei Standbeine: Das Geschäft mit anderen Versicherern sowie das Privatkundengeschäft, das vor allem über die Tochter Ergo läuft. Mehr als 45 Milliarden Euro an Prämien flossen 2010 in die Kasse, dabei verblieb ein Gewinn von rund 2,4 Milliarden Euro.

CNP

Der Versicherer ist in Frankreich führend im Verkauf von Lebensversicherungen. 33 Milliarden Euro an Prämien fließen im Jahr hinein, eine Milliarde Euro Gewinn zieht der Konzern daraus.

Credit Agricole

Die französische Bank ist auch im Versicherungsgeschäft stark. Die Einnahmen der Sparte belaufe sich im Jahr auf rund 29 Milliarden Euro.

ING

Die Versicherungssparte des Finanzkonzerns soll abgespalten und an der Börse verkauft werden. Im vergangenen Jahr trug der Bereich rund 28 Milliarden zu den Einnahmen bei. Wegen Altlasten im Zusammenhang mit der Finanzkrise ist der Bereich nicht sehr profitabel.

Prudential

Der britische Konzern ist vor allem in Asien stark präsent. 2010 beliefen sich die Prämieneinnahmen auf umgerechnet 27 Milliarden Euro. Mehr als 1,6 Milliarden Euro Gewinn wies die Gruppe aus.

Doch wie teuer die Angelegenheit für die Branche wirklich wird, ist umstritten. Ein Sprecher der Allianz Leben sagte, das Unternehmen gehe davon aus, dass die schon vor zwei Jahren gebildeten Rückstellungen von 117 Millionen Euro ausreichten, um die zusätzlichen Kosten zu decken. Die Allianz erwarte nicht, dass sich alle Betroffenen meldeten.

Verbraucherschützerin Castello hatte bis zu zwölf Milliarden Euro Schaden für die Versicherten errechnet, zwei Milliarden allein für Allianz-Kunden. Viel zu viel, heißt es bei den Unternehmen: "Es ist unseriös, mit solchen Zahlen zu operieren", sagte ein Allianz-Sprecher. Realistischer sei eher ein höherer dreistelliger Millionenbetrag für alle Versicherer, schätzen Branchenkenner.

Tops und Flops: Die 15 größten Lebensversicherungen

Vertragsveränderungen

So viele Verträge kamen bei den größten Lebensversicherern hinzu oder fielen weg: Entwicklung der Anzahl der Hauptversicherungen im vergangenen Jahr
Quelle: Map-Report 811-813, Versicherungsjournal

Gewinner: Platz 1 bis 3

R+V – plus 68.540 Verträge
Allianz – plus 66.245 Verträge
Debeka – plus 65.507 Verträge

Sparkassenversicherer im vorderen Mittelfeld: Platz 4 bis 6

Bayern-Versicherung – plus 17.080 Verträge

SV Sparkassenversicherung – minus 3.309 Verträge
Provinzial Nordwest – minus 17.496 Verträge

Starke Verluste: Platz 7 bis 11

Nürnberger – minus 37.104 Verträge
HDI-Gerling – minus 49.343 Verträge
Iduna – minus 45.466 Verträge
Axa – minus 57.567 Verträge
Zurich Deutscher Herold – minus 58.400 Verträge

Sehr schwach: Platz 12 bis 14

Aachen Münchener (Generali) – minus 72.376 Verträge
Württembergische – minus 76.921 Verträge
Generali – minus 95.103 Verträge

Letzter Platz

Unter den Top-15 Lebensversicherern genauso wie unter den insgesamt betrachteten 88 Unternehmen der Branche

Ergo – minus 170.940 Verträge

Auch die von den Verbraucherschützern genannten 500 Euro, mit denen die Geschädigten rechnen könnten, seien zu hoch. Nur bei hoch dotierten Verträgen, die schon sehr lang liefen, seien Beträge bis zu 1.000 Euro denkbar, sagte der Allianz-Sprecher. Dagegen meint Castello, die Versicherer setzten offenbar darauf, dass sich nur ein Zehntel der Geschädigten bei ihnen melde.

Denn automatisch werden die fehlenden Beträge nur denjenigen Kunden gutgeschrieben, deren Verträge beitragsfrei gestellt und nicht gekündigt wurden, daneben den Klägern und einigen tausend anderen, die sich bei der Allianz beschwert haben. Die übrigen Betroffenen müssten teils erst ihre Verträge wiederfinden, die sie vielleicht vor zehn Jahren schon gekündigt hatten, und ihren ehemaligen Versicherer anschreiben. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat Musterbriefe für die Kunden entworfen.

Von den Urteilen betroffen sind alle Kunden, die zwischen 2001 und 2007 eine Lebensversicherung abgeschlossen hatten, auf die inzwischen keine Beiträge mehr gezahlt werden. Vier Prozent aller Lebensversicherungsverträge werden jedes Jahr vorzeitig storniert, das seien 3,2 Millionen. Bis zum Vertragsende hält nur jeder fünfte durch, wie Verbraucherschützer vorrechnen. Damit entgeht den Versicherten viel Geld, weil die Unternehmen ihnen die Verwaltungskosten und zum Teil die Provisionen für die Vertreter in Rechnung stellen. Wer rasch kündigt, für den bleibt kaum etwas übrig - zu Unrecht, wie der BGH im Juli feststellte.

Was 2012 aus 1.000 Euro wurde

Zypriotische Aktien (CSE)

407 Euro

Öl (WTI)

899 Euro

Spanische Aktien (Ibex)

968 Euro

Chinesische Aktien (Shanghai Composite)

989 Euro

Sparbuch (Durchschnitt)

1005 Euro

Tagesgeld (Durchschnitt)

1014 Euro

US-Staatsanleihen

1029 Euro

Gold

1034 Euro

Bundesanleihen

1038 Euro

Dow Jones

1049 Euro

Silber

1052 Euro

Nikkei 225

1069 Euro

EuroStoxx 50

1149 Euro

Schweizerische Aktien (SMI)

1167 Euro

Italienische Staatsanleihen

1203 Euro

Euro-Unternehmensanleihen (Non-Investment-Grade)

1242 Euro

Irische Staatsanleihen

1297 Euro

Dax

1299 Euro

Griechische Aktien (ASE)

1342 Euro

Griechische Staatsanleihen (inkl. Schuldenschnitt, ohne Rückkauf)

1452 Euro

Türkische Aktien (ISE 100)

1576 Euro

Venezolanische Aktien (IBC)

2882 Euro

2001 hatten die Lebensversicherer neue Klauseln eingeführt, nachdem die vorherigen vom BGH kassiert worden waren. Seit 2008 sind die Rückkaufwerte im Versicherungsvertragsgesetz geregelt, womit die Versicherten mehr Geld bekommen, wenn sie den Vertrag nicht bis zum Ende durchhalten. Mindestens 50 Prozent der eingezahlten Summen müssen sie seither zurückbekommen. Viele Versicherer zahlten sogar mehr, als sie müssten, erklärt der GDV. Nach dem BGH-Urteil seien auch die Warnhinweise in den Klauseln verschärft worden, dass eine Kündigung mit Einbußen verbunden sei. Die Neuregelung gelte aber nicht für den Stornoabzug, den die Versicherer vorzeitigen Aussteigern in Rechnung stellen, wie Castello betont. (Reporter: Alexander Hübner und Jonathan Gould; redigiert von Jörn Poltz)

Von

rtr

Kommentare (8)

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ALL

08.01.2013, 17:49 Uhr

Geschäftsmodell "Lebensversicherung" ist zu Ende. Wieso sollte man Geld in ein System werfen, in dem immer neue Glastürme in den Innenstädten entstehen mit dem Geld, welches den Sparern entzogen wird. Bei diesen enormen Verwaltungskosten und Provisionen profitiert nur die Versicherungswirtschaft. Wann merkt die Politik endlich, dass dieses Geschäftsmodell nicht steuerlich gefördert werden darf?

Bert

08.01.2013, 18:32 Uhr

Was würden Sie anstelle dessen vorschlagen? Gold, Edelmetalle, etc. oder Banksparpläne?
Wie würden Sie biometrische Risiken absichern, oder das Todesfallrisiko?
Das Problem liegt eher in den Klauseln der Versicherer, wie man am hier geschilderten Fall sehen kann und daran, was der Gesetzgeber vorschreibt oder besser gestattet, nicht an den Versicherten auszuschütten.
Da Sie hier anonym schreiben, setzten Sie sich dem Verdacht aus, dass Sie andere Produkte als Lebens-und Rentenversicherungen als "Alternative" verkaufen oder an dieser Stelle einfach nur Polemik verbreiten wollen.
Michael Liskow, Hannover

kraehendienst

08.01.2013, 20:05 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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