Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.11.2015

19:30 Uhr

Armuts-Studie

Ein Job schützt nicht immer vor Überschuldung

Die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland bringt zwar mehr Menschen in einen Job, doch der schützt nicht unbedingt vor Überschuldung. Das geht aus einem Report des Instituts für Finanzdienstleistungen hervor.

Im Jahr 2014  war zwar Arbeitslosigkeit weiterhin der Hauptgrund für Überschuldungen, jedoch stieg der Anteil der Fälle, in denen Einkommensarmut den Ausschlag gab. dpa

Überschuldung

Im Jahr 2014 war zwar Arbeitslosigkeit weiterhin der Hauptgrund für Überschuldungen, jedoch stieg der Anteil der Fälle, in denen Einkommensarmut den Ausschlag gab.

BerlinDie gute wirtschaftliche Lage in Deutschland bringt zwar mehr Menschen in einen Job, doch der schützt nicht unbedingt vor Überschuldung. Das geht aus einem am Montag vorgestellten Report des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) hervor. Zwar war 2014 demnach Arbeitslosigkeit weiterhin der Hauptgrund für Überschuldungen, jedoch stieg der Anteil der Fälle, in denen Einkommensarmut den Ausschlag gab.

Das IFF erstellt den Überschuldungsreport jedes Jahr. Als überschuldet gelten dabei Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre Schulden zu bezahlen, selbst wenn sie ihre Lebenshaltungskosten senken. Das IFF stützt sich auf Angaben von Schuldnerberatungsstellen in ganz Deutschland. Für die aktuelle Ausgabe wurden anonymisierte Daten von mehr als 57.000 Haushalten in Deutschland ausgewertet, darunter gut 6000 neue Fälle.

Der Untersuchung zufolge gaben die Schuldnerberatungen im vergangenen Jahr für gut jeden vierten Betroffenen (26,8 Prozent) an, Hauptgrund der Überschuldung sei Arbeitslosigkeit oder reduzierte Arbeit. 2013 hatte diese Quote bei 28,4 Prozent gelegen. Bei etwa jedem zehnten überschuldeten Privathaushalt (10,5 Prozent) sahen die Berater 2014 die Einkommensarmut als zentralen Auslöser der Überschuldung; 2013 hatte dies lediglich bei einem von 14 Fällen (7,3 Prozent) zugetroffen.

So legen die Deutschen ihr Geld an

Bargeld und Einlagen

Den größten Anteil am Vermögen der deutschen Privathaushalte haben traditionell Bargeld und Einlagen. Das Banksparen – also beispielsweise Girokonten oder Tagesgeld – hat sogar an Beliebtheit zugelegt. Von Januar bis März 2015 machte der Posten einen Anteil von 39,7 Prozent am Gesamtvermögen aus. 2001 lag dieser Anteil noch bei 34,9 Prozent.

Quelle: Deutsche Bundesbank

Versicherungen

Versicherungen machen den zweitgrößten Posten in der Vermögensstruktur der deutschen Haushalte aus. Zu diesem Posten zählen auch die Ansprüche gegenüber Alterssicherungssystemen. Von Januar bis März 2015 lag der Anteil der Versicherungen am Haushaltsvermögen bei 37,4 Prozent, er ist damit im Vergleich zu Aktien und Fonds gestiegen. 2001 lag der Anteil noch bei 30,8 Prozent.

Anleihen

Die Renditen für Anleihen sind im aktuellen Niedrigzinsumfeld unattraktiv. Die Haushalte reagieren darauf und investieren deutlich weniger in die Wertpapiere. 2001 lag der Anteil der Anleihen am Haushaltsvermögen noch bei 6,3 Prozent. In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 ging die Quote auf 3,0 Prozent zurück.

Aktien und sonstige Anteilsrechte

Das in Aktien investierte Vermögen und der Anteil sonstiger Anteilsrechte am Vermögen der deutschen Haushalte sind gestiegen. Zu diesem Posten zählen auch Aktien, die nicht an einer Börse notiert sind. 2001 machten sonstige Anteilsrechte 9,4 Prozent am Gesamtvermögen aus. Im ersten Quartal 2015 lag der Anteil bei 10,8 Prozent.

Aktienfonds

Die indirekte Anlage in Aktien durch Aktienfonds hat an Beliebtheit gewonnen. 9,4 Prozent des Gesamtvermögens investierten die Haushalte von Januar bis März 2015 in Aktienfonds. 2001 lag der Wert noch bei 2,9 Prozent.

Zwar hätten durch die gute wirtschaftliche Lage mehr Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, „diese wirft aber offenbar für viele Menschen nicht genug ab, um ihren Lebensunterhalt vollständig bestreiten zu können“, erklärte das IFF. Der deutliche Anstieg beim Faktor Einkommensarmut sei „ein starkes Indiz dafür, dass eine Verschiebung vom Überschuldungsauslöser Arbeitslosigkeit hin zu Einkommensarmut stattgefunden hat. Dazu passe auch der "nach wie vor hohe Anteil" von Erwerbstätigen, die trotz des Jobs auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen seien. Es sei in diesem Zusammenhang "kritisch zu beobachten und analysieren", wie sich der seit Januar 2015 geltende flächendeckende Mindestlohn auf den Faktor Einkommensarmut auswirke.

Weitere Hauptgründe für die Überschuldung waren laut IFF im vergangenen Jahr hinter Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut eine gescheiterte Selbstständigkeit, ein "irrationales Konsumverhalten", eine Scheidung oder Trennung sowie Krankheit. Die Kunden der Beratungsstellen hatten den Angaben zufolge im Durchschnitt 32.500 Euro Schulden, gut 1000 Euro mehr als 2013. Allerdings sei der Durchschnittswert durch einige Fälle mit sehr hohen Schulden stark beeinflusst - die "typische Schuldenhöhe" lag demnach mit 15.908 Euro deutlich niedriger.

Insgesamt habe die gute Lage am Arbeitsmarkt noch keine großen Auswirkungen auf die Überschuldungslage, analysierte das IFF. Im vergangenen Jahr seien rund 3,36 Millionen Haushalte überschuldet gewesen, 60.000 mehr als 2013. Gesunken sei hingegen die Zahl der Verbraucherinsolvenzen: 2014 seien knapp 85.000 Verfahren zur Verbraucherinsolvenz eröffnet worden - das sei die niedrigste Zahl seit 2005. Die Entwicklung folge hier "etwas verzögert dem Rückgang der Arbeitslosigkeit", erläuterte das Institut.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×