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27.05.2014

13:51 Uhr

Arzneimittelreport 2014

Kassen geben Milliarden für unnütze Medikamente aus

Sparen geht anders. Die gesetzlichen Krankenkassen geben einer Studie zufolge weiterhin Milliardensummen für teure Medikamente ohne wirklichen Zusatznutzen im Vergleich zu herkömmlichen Präparaten aus.

Versichertenkarten verschiedener Krankenkassen: Der Arnzeimittelreport der Barmer sorgt für Aufregung. dpa

Versichertenkarten verschiedener Krankenkassen: Der Arnzeimittelreport der Barmer sorgt für Aufregung.

BerlinDas Ergebnis ist erschreckend: 20 bis 30 Prozent der Ausgaben der Krankenkassen entfallen weiter auf sogenannte Scheininnovationen. Das ist das Ergebnis des Arzneimittelreports der Barmer GEK. Die Medikamente seien überflüssig und teuer und hätten für Patienten keinen Mehrwert, sagte der Vizechef der Krankenkasse, Rolf-Ulrich Schlenker, am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des Reports. Würden stattdessen preisgünstige Nachahmerpräparate verwendet, ließen sich drei bis vier Milliarden Euro sparen.

Trotz mitunter tödlicher Risiken für Patienten verordnen Ärzte oft teure neuere Medikamente statt bewährter und günstigerer Medikamente. Studienautor Gerd Glaeske machte bei der Vorstellung der Studie etwa auf Mittel zur Hemmung der Blutgerinnung aufmerksam. „Die Todesfälle nehmen zu“, sagte er bezüglich des Mittels Xarelto am Dienstag in Berlin. Der Umsatz mit dem Präparat habe innerhalb eines Jahres um mehr als 200 Prozent auf mehr als 280 Millionen Euro zugenommen. Insgesamt könnten die Kassen laut Report bei Medikamenten ohne Einbußen für Patienten viel sparen.

Die Beitragsspirale in der GKV

Die letzten fünf Jahre: 2008 bis 2012

Schnitt über fünf Jahre: 3,27 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

2012: Beitragssteigerung: 3,03%; Höchster Beitrag: 592,88 Euro
2011: Beitragssteigerung: 2,99%; Höchster Beitrag: 575,44 Euro
2010: Beitragssteigerung: -1,91%; Höchster Beitrag: 558,75 Euro
2009: Beitragssteigerung: 6,20%; Höchster Beitrag: 569,63 Euro
2008: Beitragssteigerung: 6,03%; Höchster Beitrag: 536,4 Euro

2003 bis 2007

Schnitt über zehn Jahre: 2,7 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

2007: Beitragssteigerung: 0,00%; Höchster Beitrag: 505,88 Euro
2006: Beitragssteigerung: 0,36%; Höchster Beitrag: 505,88 Euro
2005: Beitragssteigerung: 1,07%; Höchster Beitrag: 504,08 Euro
2004: Beitragssteigerung: 3,25%; Höchster Beitrag: 498,72 Euro
2003: Beitragssteigerung: 6,01%; Höchster Beitrag: 483 Euro

1998 bis 2002

Schnitt über 15 Jahre: 2,28 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut


2002: Beitragssteigerung: 1,16%; Höchster Beitrag: 455,62 Euro
2001: Beitragssteigerung: 1,16%; Höchster Beitrag: 450,38 Euro
2000: Beitragssteigerung: 0,43%; Höchster Beitrag: 445,21 Euro
1999: Beitragssteigerung: 1,19%; Höchster Beitrag: 443,29 Euro
1998: Beitragssteigerung: 3,20%; Höchster Beitrag: 438,07 Euro

1993 bis 1997

Schnitt über 20 Jahre: 3 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1997: Beitragssteigerung: 2,50%; Höchster Beitrag: 424,5 Euro
1996: Beitragssteigerung: 4,90%; Höchster Beitrag: 414,15 Euro
1995: Beitragssteigerung: 2,63%; Höchster Beitrag: 394,82 Euro
1994: Beitragssteigerung: 3,98%; Höchster Beitrag: 384,7 Euro
1993: Beitragssteigerung: 11,72%; Höchster Beitrag: 369,97 Euro

1988 bis 1992

Schnitt über 25 Jahre: 3,18 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1992: Beitragssteigerung: 8,90%; Höchster Beitrag: 331,16 Euro
1991: Beitragssteigerung: 0,70%; Höchster Beitrag: 304,09 Euro
1990: Beitragssteigerung: 0,08%; Höchster Beitrag: 01,98 Euro
1989: Beitragssteigerung: 1,67%; Höchster Beitrag: 301,75 Euro
1988: Beitragssteigerung: 7,77%; Höchster Beitrag: 296,8 Euro

1983 bis 1987

Schnitt über 30 Jahre: 3,48 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1987: Beitragssteigerung: 5,12%; Höchster Beitrag: 275,41 Euro
1986: Beitragssteigerung: 7,22%; Höchster Beitrag: 261,99 Euro
1985: Beitragssteigerung: 7,49%; Höchster Beitrag: 244,35 Euro
1984: Beitragssteigerung: 0,47%; Höchster Beitrag: 227,32 Euro
1983: Beitragssteigerung: 4,61%; Höchster Beitrag: 226,25 Euro

1978 bis 1982

Schnitt über 35 Jahre: 4,08 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1982: Beitragssteigerung: 8,63%; Höchster Beitrag: 216,28 Euro
1981: Beitragssteigerung: 6,61%; Höchster Beitrag: 99,1 Euro
1980: Beitragssteigerung: 7,74%; Höchster Beitrag: 186,75 Euro
1979: Beitragssteigerung: 7,16%; Höchster Beitrag: 173,33 Euro
1978: Beitragssteigerung: 8,83%; Höchster Beitrag: 161,75 Euro

1973 bis 1977

Schnitt über 40 Jahre: 5,72 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1977: Beitragssteigerung: 10,65%; Höchster Beitrag: 148,63 Euro
1976: Beitragssteigerung: 19,15%; Höchster Beitrag: 134,33 Euro
1975: Beitragssteigerung: 23,78%; Höchster Beitrag: 112,74 Euro
1974: Beitragssteigerung: 12,25%; Höchster Beitrag: 91,08 Euro
1973: Beitragssteigerung: 19,96%; Höchster Beitrag: 81,14 Euro

Seit 2009 richtet sich der Preis neuer Medikamente verstärkt nach dem Nutzen. Zur Marktzulassung werden sie einer umfassenden Bewertung unterzogen. Laut Schlenker ist jedoch auch eine "Spätbewertung" notwendig, bei der nachträgliche Erkenntnisse aus dem Alltag berücksichtigt würden.

Der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske monierte, dass die große Koalition davon Abstand genommen habe, auch Medikamente einer Kosten-Nutzen-Bewertung zu unterziehen, die vor 2009 auf dem Markt waren. Die Kassen würden dadurch noch viele Jahre mit hohen Ausgaben belastet.

Im laufenden Jahr zeichnen sich für die gesetzlichen Kassen hohe Ausgabensteigerungen bei den Arzneimitteln ab. Schlenker verwies auf Statistiken, wonach allein im ersten Quartal die Aufwendungen für Medikamente um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind. Als Grund gilt vor allem der von der Koalition gesenkte Hersteller-Zwangsrabatt. Dieser war zu Jahresanfang zunächst von 16 auf sechs Prozent reduziert worden, seit April beträgt er sieben Prozent. Die Arzneimittel würden so politisch gewollt zum "Preistreiber" und gefährdeten längerfristig die Beitragssatzstabilität in der gesetzlichen Krankenversicherung, beklagte Schlenker. "Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann sich die Branche wieder auf Kostendämpfungsmaßnahmen einstellen darf."

Im vergangenen Jahr waren die Ausgaben der Kassen für Medikamente noch moderat um 2,4 Prozent auf 32 Milliarden Euro gestiegen. Das sind rund 16 Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung. Bereits jetzt fallen 13 Prozent der Arzneimittelausgaben auf Biopharmazeutika, also gentechnologisch hergestellte Arzneimittel, 2020 werden es voraussichtlich 21 Prozent sein.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie übte scharfe Kritik an dem Bericht der Barmer und warf der Kasse Stimmungsmache vor. "Auch wenn man Aussagen jedes Jahr wiederholt, werden sie nicht richtiger", erklärte der Verband in Berlin. Die Kasse werfe mit "irgendwelchen Prozentzahlen" um sich, ohne deren Berechnungsbasis zu nennen. Die meisten neue Arzneien hätten laut AMNOG-Verfahren außerdem sehr wohl einen Zusatznutzen. Auch sollte die Verschreibung von mehr Generika für eine Krankenkasse kein Selbstzweck sein.

Kommentare (1)

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27.05.2014, 15:44 Uhr

Die Medikamente können ja gar nicht nutzlos sein.

Den Leuten die damit Kohle scheffeln nützen die sehr...

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