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18.04.2012

11:15 Uhr

Attacke auf die Kassen

Private Krankenversicherer kämpfen ums Überleben

VonThomas Schmitt

Opposition und Krankenkassen fordern das Ende der privaten Krankenversicherung (PKV). Die Gegner schielen auf deren Geld, um eine Bürgerversicherung zu finanzieren. Doch die Branche wehrt sich - auch heute in Berlin.

Getty Images

DüsseldorfDer Feind ist erkannt: SPD, Grüne, ein paar CDU-Politiker und die Krankenkassen. Das sind alle jene, die das hierzulande fest etablierte System der privaten Krankenversicherung (PKV) inzwischen für überflüssig halten. „Ich halte das Geschäftsmodell der PKV im Bereich der Vollversicherung für gescheitert“, sagt etwa der Verbandschef der Krankenkassengruppe AOK, Jürgen Graalmann.

Die PKV hält seit Wochen dagegen, auch heute in Berlin. "Einige kuriose öffentliche Angriffe" habe die Branche erleben müssen, sagte der PKV-Verbandschef Reinhold Schulte auf Tagung des Branchenverbandes GDV. "Um es gleich vorweg klarzustellen: Alle diese Vorwürfe über vermeintliche Beitragsexplosionen und angebliche Abwanderungen haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun", erklärte Schulte. So habe sich der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes darin gefallen, ein Horrorszenario vom Ausbluten der PKV zu entwerfen, das durch nichts belegt sei. Dass der Repräsentant privilegierter öffentlich-rechtlicher Körperschaften einen privatwirtschaftlichen Wettbewerber wahrheitswidrig schlechtrede, "ist eine üble Entgleisung". Wenn in der freien Wirtschaft ein Unternehmen so etwas über ein anderes sagen würde, wären Schadenersatzansprüche fällig.

Warum die PKV scheitern könnte

Politische Mehrheit

Private und gesetzliche Krankenversicherung konkurrieren vor allem um Selbstständige und besser verdienende Kunden. Die Privaten haben die Nase vorn, obwohl ihre Beiträge langfristig stärker steigen. Doch die Gesetzlichen repräsentieren mit mehr als 70 Millionen Versicherten nach wie vor die große Masse – entsprechend ist ihr politisches Gewicht. Demgegenüber sind nur neun Millionen Menschen vollständig privat versichert.

Kampagne

Die Krankenkassen werben ganz offen um die Abschaffung der Konkurrenz. Ein Beispiel war Jürgen Graalmann, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Sein Credo in einem Welt-Interview: „Die private Krankenversicherung kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich halte das Geschäftsmodell der PKV in der Vollversicherung für gescheitert.“ Graalmann nennt dafür vier Gründe.

Beiträge

Die Beiträge in der PKV steigen immer weiter, monieren die Kritiker. In die Schlagzeilen geriet die PKV auch, weil manche Kunden unter extremen Erhöhungen leiden mussten. Zum Teil war die Ursache dafür eine verfehlte Geschäftspolitik der Versicherer und falsche Versprechen von Beratern.

Kosten

Die Krankenkassen sehen die private Konkurrenz vor einem „immensen Kostenproblem“. Ursache ist: Die PKV-Unternehmen können die Kosten von Arzneimitteln nicht so gut drücken wie die Krankenkassen. Zudem rechnen Ärzte oft für Privatpatienten mehr ab als für Kassenpatienten. Zudem war der Druck, die Kosten im Griff zu halten, bisher geringer als bei den Krankenkassen.

Unzufriedenheit

Aus Umfragen schließen die Krankenkassen: Jeder dritte Privatpatient würde gerne zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Vor allem ältere PKV-Kunden haben das Problem, dass sie im Rentenalter wahrscheinlich deutlich mehr als in der GKV zahlen.

Bürgerversicherung

SPD und Grüne haben mit einer Einheitsversicherung ein scheinbar attraktives Gegenmodell zur bisherigen Zweiteilung im Gesundheitswesen entworfen. AOK-Manager Graalmann kann damit gut leben, er sähe private und gesetzliche Anbieter dann als gleichberechtigte Wettbewerber.

Auch Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende des mit 2,2 Millionen Vollversicherten größten privaten Krankenversicherers, hält dagegen: "Die PKV ist die bessere Alternative im Gesundheitswesen.“ Im Gegensatz zu früher liefert der sonst eher zurückhaltende Manager nun auch öffentlich immer öfter eine Gegenposition. Er beklagt ganz generell eine „Anti-PKV-Propaganda, bei der Einzelfälle ohne Hintergründe und Beweise skandalisiert werden, um ein funktionierendes System Schritt für Schritt kaputt zu reden“.

Video

Private Krankenversicherungen im Test

Video: Private Krankenversicherungen im Test

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Als PKV-Gegner wurden zudem die Verbraucherschützer identifiziert. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen habe sich leider nicht mit Ruhm bekleckert, erklärte Schulte in Berlin. Aus ganzen 144 Beschwerden über Prämiensteigerungen habe er allen Ernstes Schlussfolgerungen über angebliche Systemfehler der PKV gezogen. Angesichts von rund 9 Millionen Privatvollversicherten sei das "absolut unseriös" und "absurd". Dies entspreche einer Datenbasis von gerade einmal 0,0016 Prozent.

Rating: Krankenversicherer im Gesundheitscheck

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Krankenversicherer im Gesundheitscheck

Die privaten Krankenversicherer arbeiten unterschiedlich gut und häufig nicht kundenfreundlich. Worauf Versicherte und Wechselwillige achten sollten, damit sie nicht in einigen Jahren böse Überraschungen erleben.

Die zahlreichen PKV-Gegner wollen die Zweiteilung im Gesundheitswesen aufheben. Das heißt: einerseits die Krankenkassen, die in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mehr als 70 Millionen Kunden bedienen; und andererseits private Versicherer, die derzeit etwa ein Zehntel der Deutschen voll mit Krankenschutz versorgen. Vor allem Beamte, Selbstständige und besser verdienende Angestellte gehören zur Klientel der Privaten.

Für alle soll stattdessen eine Bürgerversicherung eingeführt werden, sozusagen als Basisschutz. Darüber wird zwar bereits seit mehr als einem Jahrzehnt immer mal wieder debattiert, doch nie war die Zustimmung zu dieser Idee so breit wie heute. Realität werden könnte das Konzept durch einen Regierungswechsel im Jahre 2013, falls SPD und Grüne den Machtwechsel schaffen sollten. Finanziert werden könnte dies auch mit dem Geld, das in der PKV jahrzehntelang zurückgelegt worden ist - so lautet zumindest die Befürchtung.

Die Beitragsspirale in der PKV

Rechenspiele

Die Beitragssteigerung in der PKV ist umstritten. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Zahlen der Branche. Ein Überblick über verschiedene Berechnungen von Experten.

Mittelwerte

Die Ergebnisse hängen von den Berechnungsmethoden ab. Wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnitte, die natürlich sowohl nach oben wie nach oben vom Mittelwert abweichen können.

Tendenz

Angestellte bezahlen eher überdurchschnittlich mehr, Beamte eher unterdurchschnittlich.

Männer

Laut Morgen & Morgen stiegen die Beiträge für Neuverträge 2012 um 4,4 Prozent. Männer zahlen überproportional mehr:

2006: 4,54%

2007: 4,91%

2008: 4,55%

2009: 5,37%

2010: 5,62%

2011: 5,67%

2012: 5,24%

Frauen

Bei weiblichen Versicherten fallen die Steigerungen in diesem Jahr deutlich niedriger aus.

2006: 3,87 %

2007: 4,29 %

2008: 3,46 %

2009: 3,94 %

2010: 4,20 %

2011: 4,29 %

2012: 3,87 %

2001 bis 2012: Beitragssteigerung laut Map-Report

Schnitt über 12 Jahre: 4,1 Prozent

2012: 1,98%
2011: 4,95%
2010: 6,97%
2009: 1,23%
2008: 2,71%
2007: 4,89%
2006: 3,37%
2005: 2,77%
2004: 6,86%
2003: 5,28%
2002: 4,51%
2001: 3,65%

2006 bis 2011: Beitragsanstieg laut Assekurata

Schnitt über sechs Jahre: 4,18 Prozent
Schnitt Angestellte: 4,8 Prozent

2011: 4,17%
2010: 6,75%
2009: 2,23%
2008: 3,72%
2007: 2,74%
2006: 5,46%

2006 bis 2010: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über fünf Jahre: 2,88 Prozent

2010: Prämie: 2706,10 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,67%
2009: Prämie: 2560,94 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,54%
2008: Prämie: 2522,20 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,66%
2007: Prämie: 2480,91 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,69%
2006: Prämie: 2415,99 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,87%

Quelle: Zahlenbericht der PKV

2001 bis 2005: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über zehn Jahre: 4 Prozent

2005: Prämie: 2348,64 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,60%
2004: Prämie: 2289,15 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,95%
2003: Prämie: 2160,60 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 7,73%
2002: Prämie: 2005,53 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,32%
2001: Prämie: 1904,22 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 4,00%

1996 bis 2004: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über 15 Jahre: 3,73 Prozent

2000: Prämie: 1831,05 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,55%
1999: Prämie: 1768,28 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,67%
1998: Prämie: 1705,69 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,07%
1997: Prämie: 1654,88 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,32%
1996: Prämie: 1617,42 Euro: Veränderung zum Vorjahr: 3,27%

Die Inflationsraten: 1989 bis 2011

Schnitt: 2,2 Prozent

Kommentare (49)

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peer

20.03.2012, 13:06 Uhr

kein Wunder, denn Herr Schäuble hat für ESM ca. 20 mrd euro den Krankenkassen abgenommen.

petervonbremen

20.03.2012, 13:20 Uhr

"Angst um eine gute Gesundheitsversorgung soll sich dabei keiner machen müssen, glauben die Befürworter der neuen Einheitsversicherung." Laber Rhabarber, seit wann haben wir in Deutschland eine gute Gesundheitsversorgung? - Gesund ist unser Krankheitssystem doch nur für eine bestimmte Gruppe von Human- und Dentalmedizinern. Totale Überversorgung auf der einen, skrupellose Ärzte auf der anderen Seite. Und rechtschaffende Ärzte und Pflegepersonal nagen am Hungertuch oder gefährden ihre eigene Gesundheit mit totaler Arbeitsüberlastung. - Das wird sich durch eine Bürgerversicherung auch nicht ändern. - Die deutschen Politiker sollten mal nach Holland schielen, machen sie vielleicht sogar, aber machen sich sicherlich ins Hemd, wenn sie der übermächtigen Ärztelobby gegenüber Bedarf an Modifikationen des Systems "Selbstbedienungsladen" anmeldeten. - "Flachköpfe aller Bundesländer vereinigt euch".

Ich

20.03.2012, 13:29 Uhr

Wie der Herr, so’s Gescherr! Die Deutschen sind halt jahrzehntelang von der Politik dazu verleitet worden Gesundheitsleistungen zu konsumieren! Wir müssen uns alle ändern und nicht wegen jedem Sch**ss gleich zum Onkel Doktor rennen!

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