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13.09.2013

17:35 Uhr

Bausparkassen und Banken

Wüstenrot schmeißt 15.000 Kunden raus

Die Bausparkasse Wüstenrot hat 15.000 Kunden ihre Verträge mit hohen Zinsen gekündigt. Das Vorgehen gilt als rechtens, ist in der Finanzbranche jedoch beileibe kein Einzelfall. Wie Kunden sich trotzdem wehren können.

Fahnen wehen vor der Zentrale der Bausparkasse Wüstenrot in Ludwigsburg. dpa

Fahnen wehen vor der Zentrale der Bausparkasse Wüstenrot in Ludwigsburg.

StuttgartDie Bausparkasse Wüstenrot hat 15.000 Kunden den Vertrag gekündigt, weil ihr die Zinsen auf die Guthaben zu hoch sind. Das Unternehmen bestätigte am Freitag einen entsprechenden Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ und bezeichnete das Vorgehen als „branchenüblich“. Insgesamt hat Wüstenrot, die zweitgrößte deutsche Bausparkasse, 3,6 Millionen Verträge im Bestand.

Die Bausparkasse beruft sich auf einen Passus in seinen Allgemeinen Bausparbedingungen, wonach es Verträge kündigen kann, sobald Guthaben und Bonuszinsen die Bausparsumme übersteigen. Die betroffenen Kunden hatten offensichtlich ihren Vertrag „überspart“, wie die Bausparkasse mitteilte. Das heißt, die Guthaben haben die vereinbarte Bausparsumme überschritten.

Der Verband der Privaten Bausparkassen wies darauf hin, dass Ombudsleute als Schiedsrichter zwischen Kunden und Bausparkasse seit Anfang 2008 in einer Vielzahl von Fällen so entschieden hätten, wie Wüstenrot nun vorgehe. „Denn Bausparen ist Zwecksparen“, sagte der Sprecher. Das heißt: Wer einen Vertrag schließt, sollte zuerst sparen und dann in aller Regel ein Darlehen nehmen.

Das Vorgehen stößt bei Verbraucherschützern dennoch auf Kritik. „Man hat den Kunden den Vertrag als Sparprodukt mit attraktivem Guthabenzins verkauft und sollte jetzt nicht im Kleingedruckten nach Ausflüchten suchen“, sagte Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Allerdings hält auch er das Vorgehen für schwer angreifbar.

So funktioniert Bausparen

Ansparphase (1)

Bausparer sammeln zunächst ihr Guthaben an. Bei Verträgen, die für eine spätere Finanzierung gedacht sind, ist die Verzinsung nicht so wichtig und auch häufig schlechter als bei den besten Banksparplänen. Die Sparphase läuft mindestens so lange, bis der Kunde das Mindestguthaben erreicht hat.

Ansparphase (2)

Die Höhe der Ansparrate wird tariflich über die Regelsparrate ausgewiesen, die aber keine Verpflichtung sondern stellt nur eine Empfehlung darstellt. Der Bausparer kann das Mindestguthaben in einem Betrag einzahlen, einen freien Betrag regelmäßig oder unregelmäßig einzahlen oder auch beliebig lange Zeit seine Einzahlung ganz aussetzen.

Zuteilung (1)

Wenn der Bausparer das vereinbarte Mindestguthaben angespart, die abhängige Bewertungszahl erreicht und die Mindestwartezeiten eingehalten hat, ist der Vertrag zuteilungsreif. Dann kann der Kunde die Bausparsumme (Sparguthaben plus Bauspardarlehen) für die Finanzierung nutzen.

Zuteilung (2)

Damit der Kunde sein Bauspardarlehen auch erhält, müssen allerdings einige Bedingungen erfüllt sein: Der Darlehensbetrag muss innerhalb von 80 Prozent des Beleihungswertes - etwa 72 Prozent des Kaufpreises - abgesichert werden und die Bonität des Bausparers muss ausreichend sein.

Darlehensphase (1)

Der Kunde zahlt für den Kredit einen bei Vertragsschluss bereits vereinbarten Zinssatz. Die monatliche Rückzahlung des Darlehens wird auch Tilgungsrate genannt und fast immer in Promille der Bausparsumme aus gewiesen. Es ist schon bei Vertragsabschluss daher auf eine angemessene Ratenhöhe zu achten.

Darlehensphase (2)

Wer sein Darlehen vorzeitig zurückzahlen möchte, muss dafür keine Vorfälligkeitsentschädigung entrichten. Das gilt sowohl für teilweise wie auch komplette Rückzahlungen.

Verbraucherschützer nennen auch die Aachener Bausparkasse, Schwäbisch Hall, BHW sowie einige Landesbausparkassen, die ähnliche Aktionen gestartet hätten. Grund dafür ist das Dilemma, vor dem die Bausparkassen stehen.

Viele Kunden sparen in ihren Verträgen einfach weiter, ohne das Bauspardarlehen abzurufen: Denn sie bekommen Baugeld heute bei vielen Banken deutlich günstiger als zu den hohen Zinsen, die sie vor der Finanzkrise in ihren Bausparverträgen vereinbart hatten.

Kommentare (33)

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marketer

13.09.2013, 14:57 Uhr

Wie man eine Bausparkasse überhaupt "Wüstenrot" nennen kann, wird wohl auf Dauer schleierhaft bleiben müssen.

muunoy

13.09.2013, 15:51 Uhr

Schon erstaunlich, welche Kuriositäten nun durch die finanzielle Repression zutage kommen. Ich warte auch schon auf den Anruf meiner Lebensversicherung, ob ich denn nicht endlich meine Zahlungen einstellen kann.
Noch kurioser finde ich, dass die Folgen der finanziellen Repression für alle Parteien bis auf eine Ausnahme im Wahlkampf keine Rolle spielen.

Account gelöscht!

13.09.2013, 16:48 Uhr

Ich rate hier seit Tagen von lächerlichen Lebensversicherungen, Bausparverträgen etc. ab.
Warum? Weil man sein Geld LANGFRISTIG in die Obhut anderer gibt und die - un der Staat - machen, was sei wollen.
Diese Meinung wurde heftigst kritisiert - von Göker und Co.
Brauchts nun noch Beweise?

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