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03.10.2013

08:59 Uhr

Befindlichkeit der Deutschen

Warum wir so sind, wie wir sind

VonWerner Benkhoff

Vor 80 Jahren griff Hitler nach der Macht. Die Zeitzeugen sterben aus. Die Generation, die als Erwachsene den Krieg erlebt hat, gibt es bald nicht mehr. Aber die Vergangenheit holt uns immer wieder ein. Ein Essay.

Die Preußen in Münster: Ein Bild von Werner Benkhoff.

Die Preußen in Münster: Ein Bild von Werner Benkhoff.

„Denken Deutsche anders?“ So überschrieb kürzlich ein deutsches Philosophie-Magazin seine Titelgeschichte und fragte gleich weiter: Was macht Deutsche wirtschaftlich so erfolgreich, dass ihre Exportstärke und  neue Führungsrolle in Europa bei den Nachbarn schon wieder Ängste wecken? Ängste, die natürlich vor allem geschichtlich verständlich werden. Doch die Enkel und Urenkel der kriegerischen Aggressoren von einst sind eher kleinmütig und pazifistisch, von Bedenken, Furcht und Selbstzweifeln geplagt.

Psychologen diagnostizieren eine Grundangst vor der Zukunft, einen Mangel an nationaler Identität, einen geringen Selbstwert. Doch woher kommt dann die große wirtschaftliche Kraft? Paradox auch, dass die radikalste wirtschaftspolitische Schwenkung seit dem Krieg – die Energiewende mit dem kompletten Ausstieg aus der Kernenergie – genau diese wirtschaftliche Vorrangstellung wegen der mit der Wende verbundenen enormen Kosten zu  bedrohen scheint. Wie tief muss die Grundangst vor der Zukunft sitzen, dass man bereit ist, so viel zu riskieren. 

Wie besorgt um die Zukunft und ängstlich Deutsche geworden sind, ist vor allem im Ausland bemerkt worden. Viele, die uns von draußen betrachten (aber auch Deutsche mit einer gehörigen Distanz zu sich selbst), meinten, in der Kampagne gegen das Waldsterben und in den Massenprotesten gegen die Nachrüstung mit Fernraketen der Regierung Schmidt die ersten Anzeichen einer „german angst“ ausgemacht zu haben, die seitdem im englischsprachigen Ausland sprichwörtlich geworden ist. „Le Waldsterben“ ging in die französische Sprache als ein gängiger Begriff für ein Phänomen ein, das nach Ansicht vieler Ausländer offenbar nur in der Vorstellung der Deutschen existiert. Für Franzosen endete Waldsterben am Oberrhein. 

Wir Deutsche sehen uns selbst viel lieber ganz anders, und wir fühlen uns in unseren Sorgen und Nöten verspottet und nicht ernst genommen. Doch schon Sigmund Freud unterstellte den Deutschen eine neurotische „Erwartungsangst“: „Personen, die von dieser Art Angst geplagt werden, sehen von allen Möglichkeiten immer die schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als Anzeige eines Unheils.“ Das passt zur deutschen Reaktion auf den japanischen Reaktorunfall. Die Schäden wurden durch ein starkes Erdbeben und einen Tsunami verursacht. Diese Phänomene kommen jedoch in unseren Breiten gar nicht oder nicht in der Wucht vor. 

Das passt auch zu weit verbreiteten diffusen Bedenken gegen Technologien, die wie die Genforschung unerwünschte unbekannte Folgen nach sich ziehen könnten. Genforscher wandern ins Ausland ab, weil sie sich hier nicht entfalten können. Forschungen zur Nuklearenergie wurden schlichtweg abgewürgt.

Offenbar wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, dass andere, weit weniger von Zukunftsfurcht belastete Länder auf Gentechnologie und eine weitere Entwicklung der Atomkraft setzen und sich womöglich einen zukunftsträchtigen Vorsprung verschaffen, während die deutsche Wirtschaft das Nachsehen haben wird. China ist so ein Land, das auf neue Formen der Nuklearenergie setzt, für die - man merke auf - in deutschen Forschungsstätten die Grundlagen gelegt wurden, die aber seit langem aus den deutschen Labors und Hörsälen verbannt sind.

 

Kommentare (39)

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GregorScharf

03.10.2013, 09:32 Uhr

Wenn man immer nur die Ängstlichen und psychopatisch veranlagten Machthaber, die heutigen natürlich inbegriffen, analysiert, dann kommt man sehr schnell darauf zurück, Deutsche seien ängstlicher als andere.
Das ist grober Unfug! Die Deutschen haben germanische Wurzeln. Diese vererbten Gene stecken tiefer als mancheiner wahrhaben will. In Wahrheit sind die Deutschen ein kampferprobtes Kriegervolk, das sich nicht unterkriegen lässt. Und wenn man dieses bedrohliche Potential nicht unter Selbstkontrolle hält, wird es sich immer wieder auch frei entfalten. Das ist nur eine Frage von Zeit und Raum. Wer sich jedoch in diesem Artikel wiedererkennt, sollte tatsächlich einmal einen Arzt aufsuchen.

Martin

03.10.2013, 09:47 Uhr

Das 3. Reich ist Geschichte. Allmählich sollte der Deckel drauf und Ruh ist! Geschichte ist auch die spanische Inquisition, die Ausrottung der südamerikanischen Völker, der 30 jährige Krieg unter schwedischer Führung, die napoleonischen Kriege durch Frankreich, die Indianer Ausrottung der USA, Rassenkriege, Mao, Stalin ...
Hitler ist Geschichte und das ist gut so. Ich war nicht dabei!!!!!

Dipl.-Ing.

03.10.2013, 09:54 Uhr

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