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11.03.2013

09:17 Uhr

Bertelsmann-Studie

Eine Bürgerversicherung für stabile Renten

Nicht nur in der Kranken-, auch in Rentenversicherung wird eine allgemeine Versicherungspflicht diskutiert. Um die Rentenkassen zu füllen, wäre die beste Lösung eine Bürgerversicherung, folgert eine neue Studie.

Größte Herausforderung für die Rentenkasse ist der demografische Wandel. dpa

Größte Herausforderung für die Rentenkasse ist der demografische Wandel.

GüterslohBeste Basis für sichere Renten wäre einer Studie zufolge eine Bürgerversicherung, also die Einführung einer Versicherungspflicht auch für Beamte und Selbstständige. Würden auch diese Berufsgruppen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, könnten das Sinken des Rentenniveaus und der gleichzeitige Anstieg des Beitragssatzes gestoppt werden. Das ergibt sich aus einer Studie der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die am Montag veröffentlicht wurde.

Wenn die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1970 in nächster Zeit in Rente gehen, wird das Niveau der Renten in Deutschland sinken und der Beitragssatz steigen müssen, sagt die Simulationsrechnung voraus. Die bisherigen Rentenreformen reichten selbst bei höherer Arbeitsproduktivität durch technischen Fortschritt nicht aus, um das Rentensystem zu stabilisieren, heißt es in der Studie.

Aufstieg und Fall der lohnabhängigen Rente

Generation dynamische Rente

Mit der Rentenreform von 1957 leitete die Regierung Adenauer einen epochalen Wandel in der Altersversorgung ein. Sie koppelte die Renten an die Entwicklung der Bruttolöhne und beteiligte so die Rentner am Wirtschaftswunder. Mit einem angestrebten Versorgungsniveau von 69 bis 72 Prozent des letzten Nettoeinkommens reichte die gesetzliche Rente in Deutschland erstmals, um den Lebensstandard im Alter zu sichern.

Spendierhosen

Die Wirtschaftswunderjahre und Mehreinnahmen durch eine Anhebung des Rentenbeitrags von 14 auf 18 Prozent verleiteten die sozialliberale Koalition im Vorwahlkampf 1972 zu teuren Geschenken an die Rentner, die die Rentenausgaben in kürzester Zeit um die Hälfte steigerten. Sie erlaubte Selbstständigen, sich für wenig Geld in die Rentenversicherung einzukaufen. Folgenschwerer war die Einführung der flexiblen Altersgrenze mit 63 und der Frührente für Arbeitslose mit 60 Jahren. Denn sie führte zu den umfassenden Vorruhestandsprogrammen der 80er-Jahre, von denen vor allem die großen Konzerne profitierten. Ohne den Vorruhestand hätte der Rentenbeitrag in den 90er-Jahren rund acht Prozentpunkte niedriger liegen können, sagt der damalige Chef des Verbands der Rentenversicherungsträger, Franz Ruland.

Konsolidierung

Die teure Reform und schlechte Konjunkturdaten erzwangen bereits 1977 das erste von zahllosen Konsolidierungsgesetzen. Rentenanpassungen wurden verschoben, Rentenerhöhungen gekappt. Seit 1981 zahlen die Rentner den Arbeitnehmeranteil ihres Krankenkassenbeitrags selbst. Binnen weniger Jahre sank so das Nettorentenniveau von 72,6 auf 64,7 Prozent nach 40 Versicherungsjahren.

Gerupfte Akademiker

Am stärksten griff die Regierung in die Rentenanwartschaften von Akademikern ein: Die rentensteigernde Berücksichtigung von Schule und Studium wurde mehrfach beschnitten. Zunächst wurden 13 Ausbildungsjahre bei der Rentenberechnung so berücksichtigt, als hätte der Versicherte in dieser Zeit sein persönliches Durchschnittsentgelt verdient. Ab 1977 waren es nur noch 90 Prozent des Durchschnittsentgelts.

Abschied von der Bruttorente

Mit ihr reagierte die Politik 1992 auf den demografischen Wandel. Die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung untergräbt den Generationenvertrag, demzufolge immer die aktive Generation die Renten der vorigen Generation bezahlt. Doch wenn jede Generation kleiner ist als die vorige, dann funktioniert das nicht mehr. Kern der Reform war der Übergang von der brutto- zur nettolohnbezogenen Rentenanpassung. Versorgungsziel ist eine Nettorente von 70 Prozent nach 45 statt zuvor 40 Versicherungsjahren. Frührentner müssen erstmals Abschläge hinnehmen.

Schluss mit Lebensstandardsicherung

Mit dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall, Walter Riester, war es ausgerechnet ein Gewerkschafter, der Ende der 90er-Jahre nach fast einem Jahrzehnt politischer Debatte aus der lebensstandardsichernden Rente eine Basisabsicherung machte. 2001 wurden als staatlich geförderte Zusatzversorgung Riester- und Rürup-Rente sowie der Anspruch der Arbeitnehmer auf Umwandlung eines Teils ihres Entgelts in eine Betriebsrente eingeführt. Im Gegenzug wurde das Rentenniveau schrittweise über den sogenannten Riester-Faktor abgesenkt.

Nachhaltigkeitsfaktor

Die endgültige Entkopplung der Renten von den Löhnen folgte wenig später mit dem Nachhaltigkeitsfaktor. Er ging auf einen Vorschlag des ehemaligen Chefs der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, zurück. Mit seiner Hilfe wird der Rentenzuwachs zusätzlich in dem Maße gedämpft, in dem sich die Relation von Beitragszahlern zu Rentnern verschlechtert. Damit sinkt das Rentenniveau und die Versorgungslücke wächst auch für Menschen mit Einkommen unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze. Bis 2030 soll nach diesem Konzept die Rente des Durchschnittsverdieners nach 45 Versicherungsjahren auf 43 Prozent des letzten Nettoeinkommens sinken. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat errechnet, dass sie 2035 unter 40 Prozent sinkt.

Rentensteuer

Seit 2005 wird diese schrumpfende Nettorente auch noch besteuert. Waren Renten bis 2005 quasi steuerfrei, so steigt seither der zu versteuernde Ertragsanteil schrittweise bis 2040 von 50 auf 100 Prozent. Im Gegenzug werden die früher aus versteuertem Einkommen gezahlten Arbeitnehmerbeiträge schrittweise steuerfrei gestellt. Die Rentensteuer ist Teil einer umfassenden Reform der Besteuerung der Alterseinkommen, die das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber vorgeschrieben hat. Seither gilt für alle Formen der Altersversorgung die nachgelagerte Besteuerung.

Größte Herausforderung für die Rentenkasse ist der demografische Wandel. Eine Kennziffer, die diese Verschiebung im Altersaufbau anzeigt, ist der Altenquotient. Er setzt die Zahl der Personen im Alter von 65 Jahren und darüber ins Verhältnis zu je 100 Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren und liefert zugleich die demographischen Fundamentaldaten für die Finanzierung des Rentensystems. Dieser Anteil liegt derzeit bei gut 30 Prozent, bis 2030 wird er auf rund 49 Prozent und bis 2060 weiter auf rund 63 Prozent steigen.

Mit den Selbstständigen und Beamten in der gesetzlichen Rentenversicherung könnte die Entwicklung aufgefangen werden. 2060 würde den Berechnungen zufolge dann ein Beitragssatz von 24,7 Prozent für ein 50,8-prozentiges Rentenniveau reichen. Andere Maßnahmen wie eine längere Lebensarbeitszeit, mehr Frauen und ältere Menschen im Erwerbsleben sowie bessere Bildung hätten dagegen vergleichsweise geringe Effekte. Darum sei ein ganzes Bündel empfehlenswert.

Was die Inflation aus 1000 Euro macht

Inflation schmälert Kaufkraft

1000 Euro bleiben 1000 Euro. Die Frage ist nur: Was kann man sich davon in Zukunft kaufen? Inflation schmälert die Kaufkraft. Da viele Dinge teurer werden, muss man für die gleiche Kaufkraft mehr Geld einplanen. Statt 1000 Euro braucht man also...

In fünf Jahren

1.051 Euro bei einer Inflation von einem Prozent
1.104 Euro bei einer Inflation von zwei Prozent
1.159 Euro bei einer Preissteigerung von drei Prozent
1.217 Euro bei vier Prozent
1.276 Euro bei einer Inflation von fünf Prozent

In zehn Jahren

1.105 Euro bei einem Prozent Inflation
1.219 Euro bei zwei Prozent Inflation
1.344 Euro bei drei Prozent Inflation
1.480 Euro bei vier Prozent Inflation
1.629 Euro bei fünf Prozent Inflation

In 15 Jahren

1.161 Euro bei einer Inflation von einem Prozent
1.346 Euro bei einer Inflation von zwei Prozent
1.558 Euro bei einer Inflation von drei Prozent
1.801 Euro bei einer Inflation von vier Prozent
2.079 Euro bei einer Inflation von fünf Prozent

In 20 Jahren

1.220 Euro bei einer Inflation von einem Prozent
1.486 Euro bei einer Inflation von zwei Prozent
1.806 Euro bei einer Inflation von drei Prozent
2.191 Euro bei einer Inflation von vier Prozent
2.653 Euro bei einer Inflation von fünf Prozent

In 25 Jahren

1.282 Euro bei einer Inflation von einem Prozent
1.641 Euro bei einer Inflation von zwei Prozent
2.094 Euro bei einer Inflation von drei Prozent
2.666 Euro bei einer Inflation von vier Prozent
3.386 Euro bei einer Inflation von fünf Prozent

In 30 Jahren

1.348 Euro bei einer Inflation von einem Prozent
1.811 Euro bei einer Inflation von zwei Prozent
2.427 Euro bei einer Inflation von drei Prozent
3.243 Euro bei einer Inflation von vier Prozent
4.322 Euro bei einer Inflation von fünf Prozent

„Wenn die gesetzliche Rentenversicherung trotz der älter werdenden und schrumpfenden Bevölkerung finanzierbar und leistungsfähig bleiben soll, wird das sicherlich nicht ohne steigende Beiträge gehen“, sagte Eric Thode, Projektleiter der Stiftung. „Wir haben es aber in der Hand, woher die Beiträge kommen.“

Möglichkeiten bei der Altersvorsorge

Betriebliche Altersvorsorge (1)

Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung – 2011 sind das 2640 Euro - steuer- und sozialabgabenfrei in die betriebliche Altersvorsorge einzuzahlen.

Betriebliche Altersvorsorge (2)

Zusätzlich können weitere 1800 Euro lohnsteuerfrei investiert werden. Insgesamt können 4440 Euro in eine Direktversicherung oder eine Pensionskasse fließen. Der Verbreitungsgrad der Betriebsrenten ist in Deutschland noch immer gering. Vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen führt die Betriebsrente noch immer ein Schattendasein.

Riester-Rente (1)

Der Staat bezuschusst die private Altersvorsorge mit Zulagen und Steuervorteilen. Riester-Sparer erhalten derzeit 154 Euro Grundzulage pro Person und 185 Euro für jedes Kind. Für Nachwuchs, der nach 2008 geboren ist, gibt es sogar 300 Euro.

Riester-Rente (2)

Voraussetzung für die volle Förderung ist, dass der Sparer vier Prozent seines jährlichen Bruttolohns einzahlt, wobei bis zu 2100 Euro gefördert werden. Außerdem können Beiträge bis zu dieser Höhe steuerlich geltend gemacht werden. Förderberechtigt sind grundsätzlich Angestellte sowie Beamte und deren Ehepartner.

Rürup-Rente (1)

Die Rürup-Rente richtet sich in erster Linie an Selbstständige. Sparer können einen wachsenden Teil der Einzahlungen von der Steuer absetzen.

Rürup-Rente (2)

Aktuell sind es 72 Prozent, bis 2025 soll der Anteil auf 100 Prozent ansteigen. Pro Jahr sind steuerbegünstigte Einzahlungen von bis zu 20.000 Euro (40.000 Euro für Verheiratete) möglich.

Von

dpa

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

11.03.2013, 09:41 Uhr

Ist nicht das eigentliche Problem, daß immer weniger von den Gewinnen der Arbeit in den Taschen derer bleiben, die sie erbringen?
Niedrigere Einkommen -> niedrigere Renten.

Harald

11.03.2013, 09:54 Uhr

Vielleicht sollte man einfach mal aufhören immer mehr Menschen zu alimentieren, die niemals etwas in diese Kasse eingezahlt haben? Wer nichts einbezahlt hat sollte auch nichts aus der Rentenversicherung erhalten, sondern aus mit Steuermitteln finanzierten Beiträgen. Dies wäre absolut fair gegenüber denen die ihren Beitrag leisten um den Generationenvertrag zu erfüllen.

Freidenker

11.03.2013, 09:55 Uhr

Ach gottchen...die Bertelsmann-Stiftung...so so...will das Rad auch neu erfinden...wem gehört nochmal diese Stiftung?! Wem gehört das Kapital?!

Ja jetzt sind die Beamten auch fällig. Wie schön...damit die Armut weiter voran getrieben wird!! Es lebe das Mittelalter und die Sklavenhaltung in der BRD!!

Die Bürgerversicherung ist keine Erfindung der Bertelsmann-Stiftung!!! Die gab es nämlich schon in der DDR!! Es ist doch immer wieder interessant wie Menschen ihre Karriereleiter emporklettern...Ideen stehlen und lügen...

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