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12.06.2014

06:52 Uhr

Berufshaftpflicht

Wenn das Leben unbezahlbar wird

VonSara Zinnecker

Die Beiträge steigen, die Zahl der Versicherer sinkt: Nicht nur Hebammen, auch geburtsleitende Frauenärzte haben es schwer. Sie zahlen bis zu 80.000 Euro pro Jahr für die Absicherung von Berufsrisiken. Zu viel für viele.

Neugeborene Drillinge schlafen in ihrem Bettchen in Krankenhaus: Von 7000 Geburten kommen einmal Drillinge auf die Welt. Um sie in ihren ersten Tagen voneinander zu unterscheiden, tragen sie farbige Bändchen um die Handgelenke. dpa

Neugeborene Drillinge schlafen in ihrem Bettchen in Krankenhaus: Von 7000 Geburten kommen einmal Drillinge auf die Welt. Um sie in ihren ersten Tagen voneinander zu unterscheiden, tragen sie farbige Bändchen um die Handgelenke.

DüsseldorfVielleicht war er nur müde, abgelenkt, jemand anderes hatte nach ihm gerufen – am Ende ist das alles egal. Im entscheidenden Moment hat der geburtsbegleitende Gynäkologe nicht hingeschaut. Ein Blick auf den Monitor hätte genügt, um zu sehen, dass etwas nicht stimmt mit der Herzfrequenz des ungeborenen Kindes. Der Fötus ringt nach Sauerstoff, doch dem Mediziner entgeht die Anomalie. Sein Leben lang wird das Kind nun sowohl körperlich als auch geistig schwerstbehindert sein.

Nun passiert eine solch grobe Unaufmerksamkeit äußert selten – doch ganz auszuschließen ist sie auch nicht. Für die Gynäkologen liegen genaue Statistiken nicht vor. Einen Anhaltspunkt zur Häufigkeit schwerer Geburtsschäden könnte aber eine Zahl liefern, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für die freiberuflichen Hebammen bereithält. Demnach passierten in den Jahren 2006 bis 2011 im Schnitt 12 sogenannte „schwere Personenschäden“, bei denen die Schadenssumme 100.000 Euro übersteigt. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum kamen in jedem Jahr im Mittel 675.000 Kinder zur Welt.

Einem niedergelassenen Frauenarzt, der sich die Option offen halten will, auch Geburten zu betreuen, geht es damit im Zweifel wie den rund 3500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland: Für die Absicherung ihres beruflichen Risikos müssen auch Gynäkologen immer teurer bezahlen – gleichzeitig bieten immer weniger Versicherungen überhaupt entsprechende Berufshaftpflichtpolicen an.

Teure Berufe

Die schneidenden Berufe

Neben den Gynäkologen kämpfen auch andere Ärztefachrichtungen mit hohen Prämien der beruflichen Haftpflichtversicherung. „Alle schneidenden Fächer bezahlen mehr“, sagt Michael Petry, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Ecclesia.

Gynäkologen liegen vorn

Doch räumt auch der Experte ein: „Ein wirkliches Problem mit den Prämien haben nur die Gynäkologen. Zwischen den Beiträgen der Geburtshelfer den Beiträgen anderer Fachrichtungen liegen Welten.“

Chirurgen folgen

Niedergelassene Chirurgen, die ambulante Eingriffe anbieten, zahlen je nach Schadendeckungssumme und Schadenhistorie zwischen 2500 und 5000 Euro, Neurochirurgen, die ambulant arbeiten, bis zu 8000 Euro pro Jahr.

Orthopäden

Orthopäden müssen noch mit Prämien bis zu 4000 Euro jährlich rechnen.

Anästhesisten

Ein niedergelassener Anästhesist, der sowohl ambulant als auch stationär behandelt und sich innerhalb des verbandlich ausgehandelten Rahmenvertrags versichert, bezahlt derzeit rund 2200 Euro.

Architekten

Auch Architekten werden im Zweifel zur Kasse gebeten. Ein Architekt im 1-Mann-Büro zahlt 2.000 EURO; bei einem Großbüro mit mehreren 100 Mitarbeitern und entsprechend umfassendem Versicherungsschutz können aber auch hohe sechsstellige Beiträge pro Jahr fällig werden.

Noch vor zehn Jahren zahlte ein niedergelassener Frauenarzt mit Geburtshilfe für eine private Berufshaftpflichtversicherung weniger als 10.000 Euro pro Jahr. Heute muss er mindestens das Vierfache hinlegen, schätzt Axel Valet, Sprecher der Belegärzte im Berufsverband der Frauenärzte. Laut dem Mediziner hätten diejenigen seines Berufsstands, die zwischen 40.000 und 50.000 Euro im Jahr an Prämie bezahlen, einen guten Tarif erwischt. Tiefer in die Tasche greifen müsse dagegen, wer bereits einen Vorschaden zu verantworten hat – oder sich erstversichern möchte.

Was die Lage weiter verschärft: Immer weniger Versicherer bieten überhaupt noch Policen für Gynäkologen mit Geburtshilfe an. Einige auch Große im Markt – allen voran die Zurich, aber auch die Sparkassenversicherung – haben sich mittlerweile zurückgezogen. „Übrig geblieben sind eine Handvoll Anbieter“, schätzt Karl-Heinz Küpper vom Versicherungsmakler Partner Assekuranz. Nicht zuletzt diese zunehmende Konzentration am Markt habe die Prämien zuletzt zusätzlich nach oben getrieben.

Dementsprechend bangen müssen auch niedergelassene Gynäkologen mit Geburtshilfe, deren Berufshaftpflichtpolice ausläuft oder vom Versicherer gekündigt wird. „Wer heute ohne Versicherung dasteht, hat es schwer“, sagt Mediziner Valet. Von einer Kollegin weiß er, dass ein großer Anbieter ihr die Wiederversicherung für 80.000 Euro im Jahr angeboten hatte – eine unerschwingliche Summe. Und auch Valet selbst war betroffen: Nachdem ihm die Sparkassenversicherung im vergangenen Jahr seine Police gekündigt hatte, fand der seit 1991 praktizierende Mediziner keinen bezahlbaren Ersatz.

Kommentare (13)

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12.06.2014, 08:39 Uhr

Bei der Hebammenversicherung hat ja diese Regierung erstmal eingegriffen und in den Topf der Versicherten in gegriffen: "Ab dem 1. Juli 2015 soll es zudem einen Sicherstellungszuschlag geben. Dieser geht auf einen Vorschlag von Gesundheitsminister Hermann Gröhe zurück. Die Kassen sollen den Sicherstellungszuschlag bezahlen, damit auch freie Hebammen mit nur wenigen Geburten die Kosten für die Versicherung decken können."
Für mich ein weiteres Beispiel dafür, wie sich dieser Staat von seinen Aufgaben zu Lasten der Versicherten befreit.

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12.06.2014, 09:27 Uhr

Auf der einen Seite wird immer über staatliche Eingriffe geschimpft, hier wird sie dann gefordert. Was denn nun?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es ebenfalls ein Unding, dass die Prämien für die Hebammen in einem relativ kurzen Zeitraum so immens gestiegen sind, dass eine Berufsausübung de facto nicht mehr möglich ist. Aber nun ob als Steuerzahler oder Versicherter, "dran" bin ich auf alle Fälle. Aber warum das heute so viel teurer ist, eine Heammenversicheurng abzuschließen, hat sich mir immer noch nicht erschlossen, ist der Buhmann da nicht eher das Versicherungswesen und nicht der Staat?

Account gelöscht!

12.06.2014, 09:52 Uhr

Naja... die Bösen sind hier aber nicht die Versicherungen sondern in erster Linie die Eltern, die mit Hilfe Ihrer Anwälte solche Summen einklagen dann die Gerichte, die auf diese Summen urteilen. Ob dieses Summen gerechtfertigt oder übertrieben sind sei mal dahin gestellt, aber wenn das Risiko steigt, steigt auch die Prämie. Das war schon immer so und wird im Rahmen der Versicherungssolidarität auch so bleiben.

Da liegt der schwarze Peter, und nicht bei den Versicherungen, wie es viele Medien in den letzten Monaten dargestellt haben.

Bitte nicht falsch verstehen, ich finde das Thema und die Problematik erschreckend, aber ich wünsche mir überall eine faire Berichterstattung gegenüber den beteiligten Parteien.

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