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14.12.2015

13:32 Uhr

Berufsunfähigkeit

„Die Vertragsbedingungen gleichen einer Black Box“

VonJens Hagen

Sich gegen Berufsunfähigkeit zu versichern, ist wichtig. Doch Verbraucher müssen aufpassen – viele Policen sind intransparent. Im Interview erklärt ein Experte, wo die Tücken liegen und was Kunden beachten sollten.

Die Klauseln einer Berufsunfähigkeitspolice versteht kaum ein Verbraucher.

Black Box

Die Klauseln einer Berufsunfähigkeitspolice versteht kaum ein Verbraucher.

Eine neue Analyse der Versicherungsbedingungen der wichtigen Policen bei Berufsunfähigkeit (BU) weist auf systematische Mängel hin. In Kooperation mit dem Handelsblatt analysierte die Unternehmensberatung Premium Circle Tarife der zwölf Marktführer. Im Interview teilt der Geschäftsführende Gesellschafter von Premium Circle, Claus-Dieter Gorr, die wichtigsten Erkenntnisse.

Herr Gorr, warum sind BU-Policen so wichtig?
BU-Policen decken von ihrem Anspruch her ein existenzielles wirtschaftliches Risiko des Versicherten ab. Leider spiegeln die aktuellen BU-Tarife aber diesen Anspruch in ihren Vertragsbedingungen derzeit nicht wider. Kunden, die heute eine BU-Police besitzen, sind zumindest besser dran als diejenigen, die keinen Vertrag abgeschlossen haben. BU-Versicherte haben zumindest die Chance ihren Leistungsanspruch gerichtlich auszufechten.

Gorr ist Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Premium Circle.

Claus-Dieter Gorr

Gorr ist Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Premium Circle.

Sie haben sich die Bedingungen genauer angeschaut. Zu welchem Ergebnis sind sie gekommen?
Das Leistungsgefälle innerhalb der angebotenen Produkte ist enorm. Ungeachtet dessen ist bei allen Anbietern klar, dass außer der Beitragszahlung des Kunden kaum etwas verständlich und transparent geregelt ist. Unsere Analyse hat gezeigt, dass die Vertragsbedingungen der BU-Tarife vor unbestimmten Begriffen und unverbindlichen Formulierungen nur so wimmeln.

Extreme Prämien: Berufsunfähigkeitsversicherung

Beispiel

Zahlbeitrag für eine Berufsunfähigkeitsrente von 1.500 Euro
Quelle: Franke und Bornberg

Bemessungsgrundlage

ein Mathematiker mit einem Zahlbeitrag von 70,68 Euro pro Monat

Günstig

ein Diplom-Ingenieur zahlt nicht viel mehr: 77,45 Euro

Finanzierbar

ein Personalfachwirt käme auf 83,95 Euro

Machbar

Auch ein technischer Zeichner gehört zu einer Berufsgruppe, die noch weniger als 100 Euro zahlt: 99,53 Euro

Ein Drittel mehr

Bürokauffrauen zahlen überraschend viel: 106,67 Euro

Teure Übersetzung

Dolmetscher kommen auf 115,50 Euro

Schlecht versichert

Sozialversicherungsangestellte zahlen fast doppelt so viel wie ein Mathematiker: 132,10 Euro

Doppelter Beitrag

Elektriker kommen auf 151,71 Euro

Keine Prozente

Von Winzer verlangen Versicherer sogar 172,20 Euro

Dreifacher Beitrag

Richtig teuer wird es für Schlosser: 208,02 Euro

Vierfacher Beitrag

Nichts gegen Maler; die sogar das Vierfache eines Mathematiker zahlen: 280,07 Euro

Mehr als das Fünffache

Keine Chance auf eine bezahlbare Berufsunfähigkeitsversicherung dürften Maurer haben: 395,61 Euro sind mehr als fünf Mal soviel wie beim Mathematiker.

Im Leistungsfall geht es für beide Seiten immer um sehr viel Geld ...
Allein bei den größten zwölf Anbietern, die circa 70 Prozent Marktabdeckung erzielen, kamen wir auf 139 unbestimmte Begriffe und unverbindliche Formulierungen. Die Vertragswerke lassen den Versicherern im Streit um die Leistung einen enormen Interpretationsspielraum. Für den Kunden sind sie eine Black Box – die Vertragsbedingungen sind alles andere als fair.

Nennen Sie uns einige Beispiele: Wie sehen „unbestimmte Begriffe oder unverbindliche Formulierungen“ denn aus?
Im Leistungsfall müssen Versicherte unspezifiziert und pauschal beispielsweise „ausführliche Berichte der Ärzte, die die versicherte Person behandeln oder behandelt haben“ vorlegen, „weitere ärztliche Untersuchungen“ über sich ergehen lassen oder Behandlungen die „gefahrlos und mit keinen besonderen Schmerzen verbunden sind“ und „sichere Aussicht auf Besserung versprechen“ durchführen lassen.

Was müssen Selbstständige in der Regel nachweisen?
Selbständige müssen „auf Verlangen alle erforderlichen Auskünfte und Nachweise zur Verfügung stellen, die für die Prüfung benötigt werden, ob der Betrieb der versicherten Personen, in dem sie selbstständig tätig ist so umorganisiert werden kann, dass die Fortdauer der selbstständigen Tätigkeit möglich ist“. Umschreibungen wie „zumutbar“, „nicht spürbar“, „individuelle Gegebenheiten“ oder „in erheblichem Umfang“ verdeutlichen exemplarisch die Kernprobleme, über deren Auslegung sich Versicherte im Leistungsfall mit ihren Versicherern streiten müssen.

Das Bundesjustizministerium erklärt in solchen Fällen das sei normal. Gerichtsurteile sorgen für die Ausfüllung solcher Begriffe. Nicht alle Eventualitäten lassen sich in Worte fassen.
Die Aussage des Ministeriums kommt einem Offenbarungseid gleich. Was ist denn das für eine Haltung, Kunden unverbindliche Vertragsbedingungen zuzumuten, die im Ernstfall zu einem Rechtsstreit führen müssen. Selbstverständlich lassen sich Vertragsbedingungen deutlich konkreter fassen.

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