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12.10.2016

14:25 Uhr

Berufsunfähigkeitsversicherung

Wie ein Versicherungsmakler hadert

Vor dem Risiko, den eigenen Beruf nicht ausüben zu können, sollen BU-Policen schützen. Relevante Statistiken dazu veröffentlichen Versicherer nicht – und lassen einen Makler an seiner Aufgabe zweifeln. Ein Gastbeitrag.

Imago

Graffiti in einer Schule

Aufmerksam habe ich den vergangenen Tagen verfolgt, wie sich eine Debatte unter meinen Berufskollegen rund um einen Beitrag des Handelsblatts zu Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) entwickelt hat – in der Fachpresse und in sozialen Netzwerken. Die Debatte ist so heftig, dass ich lieber nur anonym meine Einschätzungen veröffentlichen will.

Ich arbeite als Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt und hadere mit BU-Policen. Aus beruflichen Gründen muss ich mich mit Risikofragen und Statistiken beschäftigen. Ich habe eine gewisse Skepsis, ob die von den Versicherern angebotenen Berufsunfähigkeitsversicherungen auch wirklich das Risiko der Verbraucher treffen oder ob hier nur Panik geschürt wird.

Der Autor ist Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt.

Der Autor ist Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt.

Nicht nur die Verbraucher sind verunsichert, auch wir Vermittler. Wir leiden eh schon unter einem schlechten Ruf und werden von den Versicherern im Unklaren gehalten. Kein Wunder, dass der Leumund schlecht ist, wenn selbst Vermittler keine Ahnung von relevanten Daten haben – und dennoch Produkte verkaufen, Verbraucher beraten und letztlich dafür sogar noch alleine haften.

Egal wohin man schaut, immer und ausschließlich wird einem kundgetan, dass etwa jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens einmal seine „Erwerbstätigkeit einschränken oder sogar ganz aufgeben“ muss. Das ist ein Totschlagargument. Versicherer, Vertreter, die Presse, ja selbst Verbraucherschutzorganisationen verweisen darauf und betonen, dass ein jeder daher eine Berufsunfähigkeitsversicherung brauche. Die Berufsunfähigkeitsversicherung wird somit zu einer der wichtigsten Versicherungen erhoben und entsprechend beworben. Ist das berechtigt? Ich habe meine Zweifel.

Tipps für die Berufsunfähigkeitsversicherung

Früh abschließen

Schließen Sie eine Berufsunfähigkeit in jungen Jahren ab, wenn noch keine Krankheiten vorliegen. Denn bei chronischer Erkrankung ist es oft zu spät. Achten Sie darauf, dass sie die Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung erhöhen können, wenn sich ihre Lebensverhältnisse ändern.

Faustregel

Als Faustregel gilt: Die monatliche Berufsunfähigkeitsrente sollte zwischen 70 und 100 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens betragen. Doch Abweichungen sind möglich.

Inflation beachten

In den Vertrag sollte eine Dynamik der Berufsunfähigkeitsrente vereinbart werden. Denn auf Grund der Inflationsrate verliert das Geld kontinuierlich an Wert.

Keine abstrakte Verweisung

Der Vertrag sollte die abstrakte Verweisung ausschließen. Das bedeutet die Berufsunfähigkeit ist stets auf den erlernten Beruf bezogen. Mit einer abstrakten Verweisung kann der Versicherer verlangen, dass der Berufsunfähige in einem anderen Beruf arbeitet.

50 Prozent

Der Versicherer sollte voll bezahlen, wenn die Berufsunfähigkeit zu 50 Prozent gegeben ist.

Vorsicht bei Koppelung

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte auf keinen Fall an eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung gekoppelt sein. Denn kündigen sie dann ihre Altersvorsorge, entfällt auch der Risikoschutz.

Flexibilität bewahren

Der Vertrag sollte flexibel genug sein, um den späteren Wechsel etwa in die Selbstständigkeit ermöglichen.

67er-Falle

Die 67er Falle. Die Versicherung sollte unbedingt die Zeitspanne bis zum Renteneintritt abdecken. Dabei ist die Anhebung der Altersgrenze zu berücksichtigen. Andernfalls entsteht eine Deckungslücke.

Nachversicherungsgarantie

Im Vertrag sollten vor allem Jüngere unbedingt eine Nachversicherungsgarantie vereinbaren, um die Berufsunfähigkeitsrente ohne Gesundheitsprüfung später erhöhen zu können.

Wahrheitsgemäße Angaben

Beim Abschluss des Vertrages sind Fragen zum Gesundheitszustand wahrheitsgemäß zu beantworten. Andernfalls zahlen Sie womöglich jahrzehntelang ein, um dann - wenn der Versicherer im Ernstfall die Krankenakte prüft - ohne Absicherung dazustehen.

Prognosezeitraum

Immer wieder ein Zankapfel ist der sogenannte Prognosezeitraum, den der Arzt für eine potenzielle Berufsunfähigkeit attestieren muss. In vielen Fällen verlangen die Versicherungen einen Zeitraum von ein bis drei Jahren für „eine voraussichtlich dauernde Berufsunfähigkeit“. Doch das ist oft nicht realistisch. Im Vertrag sollten maximal sechs Monate vereinbart sein.

Fakt ist, dass die deutschen Lebensversicherer kaum Zahlenmaterial über Berufsunfähigkeitsversicherungen veröffentlichen. Außer den läppischen Angaben über die Anzahl der Verträge und die durchschnittliche Rentenhöhe.

Ich bin seit 25 Jahren in der Branche tätig. Natürlich hatte ich auch schon Leistungsfälle, also Fälle, in denen BU-Versicherungen monatlich eine Rente an meine Kunden zahlten. Doch die Fälle traten meistens bei älteren Versicherten auf und waren oft nur temporär. Sie beschränkten sich also auf einen überschaubaren Zeitraum. Die gezahlten Renten übertrafen nicht unbedingt die Summe der während der Berufstätigkeit gezahlten Beiträge der Kunden.

Kommentare (11)

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Frau Inge S.

12.10.2016, 14:46 Uhr

Ganz spannend ist hierzu eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), die Zahlen liefert, und schon seit Jahren exisitert. Bei Akademikern werden der Sutdie zufolge nur ca. 5% berufsunfähig! Das wird natürlich nicht an die große Glocke gehängt. Studie gerne teilen. :-))
http://www.n-tv.de/ratgeber/Akademiker-trifft-es-seltener-article4290551.html

Account gelöscht!

12.10.2016, 14:54 Uhr

Ach Frau Inge.....

sage mir wer die Studie in Auftrag gegeben hat und ich sage dir was heraus kommen soll.........

Nicht alles glauben was so veröffentlicht wird !

Account gelöscht!

12.10.2016, 16:05 Uhr

Allerdings trifft es auch einige Akademiker. Ebenso sind die Zahlen bei den Unfallversicherern.

Und wer weiß schon, dass er keinen Unfall hat oder/und berufsunfähig wird.
Ca. 95% können sich glücklich schätzen!

Und 5% auch, wenn sie sich finanziell abgesichert haben!

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