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02.06.2017

16:24 Uhr

Betriebsrenten-Reform

Das ändert sich bei der Altersvorsorge

VonPeter Thelen

Die gesetzliche Rente reicht oft nicht für ein auskömmliches Leben im Alter. Eine Reform soll Abhilfe schaffen und die Betriebsrente auch für Niedrigverdiener attraktiv machen. Die wichtigsten Änderungen im Überblick.

Miniatur-Figuren zweier Rentner sitzen auf Münzen vor einem Schild mit der Aufschrift Rente. Von den in dieser Woche verabschiedeten neuen Regeln zur Altersvorsorge profitieren vor allem Niedrigverdiener. dpa

Illustration zur Rente

Miniatur-Figuren zweier Rentner sitzen auf Münzen vor einem Schild mit der Aufschrift Rente. Von den in dieser Woche verabschiedeten neuen Regeln zur Altersvorsorge profitieren vor allem Niedrigverdiener.

BerlinDiese Woche hat der Bundestag nach langen und schwierigen Verhandlungen das Betriebsrentenstärkungsgesetz verabschiedet. Herzstück der Reform sind neue Handlungsoptionen für die Tarifvertragsparteien: Sie können in Zukunft eine neue Form der Betriebsrente für ganze Branchen vereinbaren, bei denen es keine Garantien mehr für die eingezahlten Beiträge geben darf. Im Gegenzug soll es höhere Renditen geben, weil der Verzicht auf Garantien auch riskantere Anlagestrategien möglich macht.

Wichtig ist, dass kein Arbeitnehmer gezwungen werden kann, dabei mitzumachen. Vielmehr behält er den Anspruch, über seinen Arbeitgeber jederzeit einen Vertrag über eine traditionelle betriebliche Altersversorgung etwa mit einer Direktversicherung abzuschließen, wenn er bereit ist, regelmäßig einen Teil seines Einkommens dort einzuzahlen. Auch das wird durch die Reform attraktiver für alle Arbeitnehmer. Besonders profitieren werden allerdings Beschäftigte mit einem geringeren Einkommen. Denn für sie kann der Arbeitgeber ab 2018 erstmals direkte Zuschüsse zahlen, an deren Kosten sich der Staat über eine Steuervergünstigung beteiligt. Auch für private Riester-Verträge gibt es mehr Geld vom Staat.

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen – und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt – wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

Im Folgenden die wichtigsten Neuerungen:

Der Geringverdiener-Zuschuss

Für Mitarbeiter mit einem Bruttomonatsverdienst von bis zu 2 200 Euro kann der Arbeitgeber einen Beitrag von bis zu 480 Euro jährlich zu einer Betriebsrente als Zuschuss gewähren. Der Arbeitnehmer muss sich selbst nicht finanziell beteiligen. 30 Prozent des Beitrages kann der Arbeitgeber mit der vom Betrieb abzuführenden Lohnsteuer als Zuschuss verrechnen.

Die neue Riester-Förderung

Der staatliche Förderbetrag für einen Riester-Vertrag wird von heute 154 Euro auf 175 Euro jährlich angehoben. Wer selbst im Jahr mindestens 60 Euro einzahlt, kann diese Förderung nutzen. Zugleich wird die Nutzung der Riester-Förderung für die Betriebsrente vereinfacht und erleichtert, so dass für Geringverdiener, die eine Betriebsrente aufbauen wollen, bei einer Kombination der neuen Zuschussrente des Arbeitgebers von bis zu 480 Euro im Jahr und der höheren Riesterzulage von 175 Euro-Förderbetrag eine besonders hohe Förderung möglich ist.

Freibeträge bei der Grundsicherung

Bislang haben Arbeitnehmer mit geringem Einkommen auch deswegen jede Form von zusätzlicher Altersversorgung gemieden, weil sie davon ausgehen mussten, dass bei geringer Rente und Inanspruchnahme von Grundsicherung im Alter später alle Einnahmen - auch eine Zusatzrente - auf die Grundsicherung angerechnet würden. In Zukunft können Niedrigverdiener sicher sein, dass sie zumindest einen Teil ihrer Betriebsrente und/oder Riester-Rente behalten dürfen. Alles, was jemand freiwillig an zusätzlicher Altersversorgung angespart hat und was zu einer monatlichen ausgezahlten Zusatzrente führt, wird künftig mit mindestens 100 Euro und maximal 202 Euro von der Anrechnung auf die Grundsicherung freigestellt. Damit lohnt sich jetzt jede Zusatzrente, weil das im Alter immer zu einer finanziellen Besserstellung führt.

Kommentare (2)

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Frau Edelgard Kah

02.06.2017, 17:27 Uhr

Sehr geehrter Herr Thelen,

Arbeitgeberzuschüsse und steuerliche Förderung - alles schön und gut. Aber alle eingezahlten Beträge fließen an ein Finanzinstitut. Das ist die eigentliche Schwachstelle.

Dass Provisionen und Gebühren oft unangemessen sind, sollen die Verbraucherschützer thematisieren. Mir geht es um die Performance des Pensionsfonds.

Dazu gehört zunächst das Kapitel Transparenz. Bei einem börsennotierten Aktien- oder Rentenfonds kann ich täglich den Anlageerfolg sehen. Bei einem Pensionsfonds nicht. Dort erhalte ich erst einige Monate nach Ende des Kalenderjahres ein Schreiben der Fondsgesellschaft.

Und wie sieht es mit der Umschichtungsmöglichkeit aus? Bei einem börsennotierten Aktien- oder Rentenfonds kann ich meine Anteile börsentäglich verkaufen und meine Ersparnisse in einen besser gemanagten Fonds umschichten. Bei einem Pensionsfonds geht das nicht oder nur mit großen Verlusten. Ich muß mich mein ganzes Leben lang mit einem Fonds herumschlagen, der durch Abzocken des Anlegers und miesen Erträgen hervorsticht.

So lange der Gesetzgeber für das Thema "Anlage des Geldes" keine Lösung findet und dieses Thema völlig ausblendet, wird auch mit dem Betriebsrentengesetz nur ein neues Ärgernis geschaffen.

Herr Karl Peter Dr. Hieb

02.06.2017, 17:30 Uhr

Nun, das ist alles andere als ein mutiger Wurf. Diese Gesetz verdient den Namen nicht, den man ihm gibt. Auch bleiben Fragen offen (z.B. bezieht sich die Beitragsgarantie auch auf den vom Arbeitgeber geleisteten Zwangszuschuss von 15 %). Es wird eine Ergänzung zum "§ 2 BetrAVG vermisst - wie nämlich die Höhe der unverfallbaren Anwartschaft für die "reine Beitragszusage" berechnet wird. Bedauerlich ist, dass von Frau Nahles offensichtlich nicht realisiert wird, dass dies für die Arbeitnehmer absolut uninteressant ist. Wenn ich als Arbeitnehmer 30 Jahre 100 EUR pro Monat umwandele und ich bekomme eine Rente auf die die gezahlten Beiträge (von 36.000 EUR) von ca. 30 EUR je 10.000 EUR Kapital, dann erhalte ich 108 EUR Rente pro Monat - somit 1.296 EUR pro Jahr - dann muss ich 28 Jahre leben (also bis 95) um das Kapital zu wieder zu bekommen.
Es ist unverständlich, dass wieder ein Versuch unternommen wird den Versicherungsgesellschaften Geschäft zu verschaffen.
Dabei ist die Firmenrente die wesentlich bessere Alternative, die sowohl dem Arbeitgeber nützt und auch für den Arbeitnehmer deutlich bessere Versorgungsleistungen ermöglicht - eine echte WIN/WIN - Lösung.
Gerade den kleineren Unternehmen fehlt es oft an der Liquidität - und dann wird ihnen mit dem neuen Durchführungsweg Geld entzogen, das bei den Versicherungen landet - von den Kosten, die mit einem Versicherungsvertrag verbunden sind (ca. 20 % der Summe der Beiträge ganz zu schweigen).
Durch die Firmenrente erhalten die kleineren Unternehmen zusätzliche Liquidität, die sie für betriebliche Zwecke nutzen können.
FIDES Gesellschaft für Pensionsmanagement mbH, Köln

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