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22.07.2015

09:38 Uhr

Chefaktuar Schneemeier im Interview

Warum der Garantiezins weiter unter Druck kommt

VonJens Hagen, Sara Zinnecker

Die Niedrigzinsen stellen die Lebensversicherer vor große Probleme. Im Interview plädiert der oberste Versicherungsmathematiker für geringere Reserven, flexible Garantien und eine neue Anlagepolitik der Assekuranzen.

Das Niedrigzinsumfeld ist für den neuen Chef der Deutschen Aktuarvereinigung eine „Lernerfahrung“

Wilhelm Schneemeier

Das Niedrigzinsumfeld ist für den neuen Chef der Deutschen Aktuarvereinigung eine „Lernerfahrung“

KölnWilhelm Schneemeier liebt die Mathematik, die Statistik, das zahlenmäßige Beziffern von Risiken. Genau das hat er zu seinem Beruf gemacht: Ende April wurde Schneemeier, der seit 2002 Mitglied der Geschäftsleitung der Swiss Life ist, zum obersten Versicherungsmathematiker berufen. Für zwei Jahre ist er der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Obwohl sein Terminkalender dadurch noch voller ist, nimmt sich Schneemeier zwischen zwei Vorträgen in Köln Zeit für ein Interview. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen sich deutsche Lebensversicherer im Niedrigzinsumfeld konfrontiert sehen, ist der gebürtige Baden-Württemberger bester Laune.

Herr Schneemeier, Millionen Schüler ärgern sich jeden Tag über ihre Mathe-Hausaufgaben. Wie würden Sie Schülern erklären, dass Mathematik eigentlich ein spannendes Fach sein kann?
Es würde sicherlich helfen, wenn man den Schülern bereits früh den praktischen Nutzen von Mathematik vor Augen führt und ihnen aufzeigt, wo man im Berufsleben die Mathematik benötigt. Dann entsteht bei vielen sicherlich eine gewisse Neugierde – und bei einigen vielleicht sogar Begeisterung für die Mathematik. Im Übrigen bieten wir über unsere Schwestervereinigung die Deutsche Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik umfangreiche Informationen an und unterhalten Kooperationen mit Schulen.

Sie könnten dem Nachwuchs einfach aus ihrem persönlichen Berufsalltag als Aktuar berichten. Das historische Zinstief sorgt derzeit für Nervenkitzel.
In der Tat. Nehmen Sie die Garantien. Wie hoch ist das Risiko, wenn ein guter Teil der Bestände noch mit Zusagen von vier Prozent ausgestattet ist? Was passiert wenn der Marktzins nach unten geht? Welche Kapitalanlagen wählen wir? Das sind Kernfragen unseres Berufs, für die man auch schon Schüler in Abiturklassen interessieren kann.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Schlagen Ihnen die Antworten auf diese Fragen manchmal aufs Gemüt? Etwa wenn Sie jeden Tag schwarz auf weiß vor sich sehen, wie die Rendite in der Altersvorsorge von Millionen von Deutschen schrumpft?
Der von den Finanzmärkten vorgegebene Rahmen ist derzeit wirklich frustrierend. Keinem Aktuar macht es Spaß, Bewertungen in einem Zinsumfeld von 0,5 Prozent vorzunehmen oder Produkte zu entwickeln. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, dass Lebensversicherer nicht zaubern können. Man muss sich immer bewusst machen, dass das deutsche Geschäftsmodell laufende Beitragszahlungen über 30 Jahre vorsieht, die der Versicherer mit Garantien ausstattet. Dieses Modell produziert im Tiefzinsumfeld erheblichen Druck.

Wann sinkt der Höchstrechnungszins, im Volksmund auch Garantiezins genannt?
Für 2016 haben wir den Vorschlag gemacht, den Höchstrechnungszins bei 1,25 Prozent zu belassen. Wir haben diese Empfehlung an die Aufsichtsbehörde Bafin weitergegeben, das Bundesfinanzministerium muss noch zustimmen.

Und nach 2016?
Danach könnte der Höchstrechnungszins weiter unter Druck geraten. Wir haben uns schon für 2016 schwer getan. Ohne die Neuordnungen durch Solvency II hätten wir vielleicht eine andere Empfehlung abgegeben. Denn viele hätten uns gefragt, wie könnt Ihr 1,25 Prozent bei einer damaligen Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen von 0,2 Prozent empfehlen? Ganz ehrlich: Ohne die neuen Regeln hätte ich keine gute Antwort gehabt. Jetzt können die Unternehmen die 1,25 Prozent nur ausreizen, wenn sie unter Solvency II genug Eigenmittel haben.

Wann kommt die Zinswende?
Aktuare sind keine Volkswirte. Wir beobachten im Moment in Europa genauso wie in Amerika eine in Teilen beeinflusste Zinssituation. Wenn sich in Amerika etwas ändert, wird das auch Auswirkungen auf das europäische Zinsumfeld haben. Sehen wir bald ein Ende der Niedrigzinsphase? Da bin ich eher skeptisch. Schon seit 1991 sind die Zinsen auch aus rein volkswirtschaftlichen Gründen nach unten gegangen. Eine wirkliche Trendwende gab es bei den volkswirtschaftlichen Rahmendaten nicht. Die Aktuare und Versicherer sollten sich auf längere Sicht auf niedrige Zinsen einstellen.

Kommentare (14)

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Herr walter danielis

22.07.2015, 10:22 Uhr

Den Politikern ist das Problem nicht bewußt!

Ich denke den maßgeblichen Politikern (die anderen zählen nicht) ist das Problem sehr wohl bewußt. Das ist gewollt. Denn nur durch eine Enteignung der deutschen Sparer kann der Euro erhalten werden. Hier ist man auf einem guten Weg. Oder wie unsere Frau Kanzlerin sagt: Das ist alternativlos.

Herr Thomas Albers

22.07.2015, 10:39 Uhr

"Das ist gewollt."

Das ist zu stark ausgedrückt. Richtig ist, dass so ziemlich allen das Problem bekannt ist. Die Auswirkungen und Gefahren werden unterschätzt, zumal niedrige Zinsen schließlich auch einen positiven Effekt haben. Um es kurz zu machen: Die Politik hat nicht die gleichen Ziele, wie diejenigen, die auf vernünftige Bewertungen auf den Märkten angewiesen sind und denkt deswegen, dass es sich um ein Problem geringer Priorität handelt.

In Wirklichkeit ist aber der kaputte Markt fast die wichtigste Baustelle, wenn man den Euro erhalten möchte. Es dauert aber noch ein weilchen, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat.

Herr Ercole Domenico

22.07.2015, 10:52 Uhr

Das man besser von Kapitalerträge als von der Arbeit leben kann ist an sich eine Ungerechtigkeit.
Der Garantizins sollte der Inflation entsprechen, also variabel.
Ich sehe Nichts was dagegen spricht.

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