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15.06.2015

15:49 Uhr

Debatte um Scheine und Münzen

Warum das Bargeld bleibt – vorerst

Mehr als jeden zweiten Einkauf zahlen die Deutschen noch bar. Drei Viertel sprechen sich zudem gegen eine Abschaffung von Scheinen und Münzen aus. Trotzdem sind sich Experten sicher: Das Bargeld ist ein Auslaufmodell.

Bargeld wird in Deutschland so schnell nicht verschwinden. Trotzdem bereiten sich Banken langsam darauf vor. dpa

Geld in der Kasse

Bargeld wird in Deutschland so schnell nicht verschwinden. Trotzdem bereiten sich Banken langsam darauf vor.

Frankfurt/MainGrinsend fährt die alte Dame mit dem fahrbaren Rollstuhl an der Supermarktkasse vor – und bezahlt ihren Einkauf bargeldlos per Smartphone-App. Der Werbefilm des Bezahldienstes Yapital sorgt für Lacher bei der Bundesbank-Konferenz am Montag in Frankfurt – wohl auch deshalb, weil allen im Saal klar ist: Ganz so schnell wie manche Nicht-Bank es gerne hätte, lassen sich Schein und Münze nicht aus Deutschland verdrängen.

Umfragen sprechen eine deutliche Sprache: Drei Viertel der Deutschen sind gegen eine Abschaffung des Bargelds wie mancher Volkswirt sie fordert, ergab kürzlich eine repräsentative Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC stellte fest, dass immerhin vier von zehn Verbrauchern hierzulande auch künftig nicht bargeldlos mit ihrem Mobiltelefon bezahlen möchten. Vor allem die Angst vor dem Klau sensibler Bankdaten bremst die Begeisterung vieler Menschen für moderne Technologien.

Diese Länder fahren Kampagnen gegen Bargeld

Dänemark

In ein Regierungsprogramm zur Konjunkturankurbelung hat die dänische Regierung den Plan geschrieben, für kleine Geschäfte, Tankstellen und Restaurants den bisherigen gesetzlichen Annahmezwang für Bargeld aufzuheben. Begründet wird das mit den Kosten, die das Zählen und Bearbeiten des Bargelds mit sich bringt. In den nordischen Ländern hat das elektronische Bezahlen das Zahlen mit Bargeld bereits weitgehend verdrängt.

Frankreich

Ab September 2015 wird für Bürger, die in Frankreich leben, die Bargeldzahlungsgrenze auf 1.000 Euro (bis dahin 3.000 Euro) begrenzt. Für ausländische Bürger liegt die Grenze – um den Tourismus nicht zu stark zu beeinträchtigen ‒ bei 10.000 Euro (bisher 15.000 Euro). Quelle: Buch „Bargeldverbot“, S. 27

Belgien

Seit Januar 2014 hat sich die zulässige Bargeldsumme für Waren und Dienstleistungen von 5.000 Euro auf 3.000 Euro verringert.

Spanien

Barzahlungen von über 2.500 Euro sind nach einem Gesetz vom 30. Oktober 2012 verboten, wenn eine der Parteien professionell oder gewerblich tätig ist. Es dient angeblich dem Kampf gegen Steuerbetrug.

Italien

Barzahlungen von mehr als 1.000 Euro sind in Italien seit Anfang 2012 verboten (Direktive zur Nachvollziehbarkeit von Finanzierungen, vor der Barzahlung mit hohen Beträgen wird gewarnt).

Griechenland

Ab Jahresanfang 2011 sind Geschäfte mit einer Barzahlung von 1.500 Euro und mehr illegal, wenn zumindest ein Partner gewerblich aktiv ist.

Schweden

Kampagne zur Bargeldabschaffung „Bargeldfrei jetzt!“ (Kontantfritt Nu), getragen von der Gewerkschaft für Finanzdienstleister „Finansförbundet“ und „Svensk Handel“ mit Sprüchen wie „Bargeld braucht nur noch deine Oma ‒ und der Bankräuber“ oder „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“.

„Die Bargeldlos-Mentalität liegt noch in weiter Ferne, aber sie kommt“, bringt es Ludger Gooßens vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) auf den Punkt. „Ich bin überzeugt: Die Zukunft des Bezahlens ist kontaktlos.“

Noch ist Bargeld Zahlungsmittel Nummer eins in Deutschland, wie die Deutsche Bundesbank in ihrer jüngsten Studie zu dem Thema feststellte. Mehr als die Hälfte (53,2 Prozent) der Umsätze an der Ladenkasse werden bar abgewickelt. Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann sagte am Donnerstag: „Eine Verdrängung des Bargelds ist aus meiner Sicht auf absehbare Zeit kein realistisches Szenario, unter anderem deshalb nicht, weil sich das Bargeld als Zahlungsmittel bei uns weiterhin großer Beliebtheit erfreut.“ Jeder solle so bezahlen können, wie er wolle - also bar oder unbar, betonte der Banker.

Doch der Trend zur Nutzung von Plastikgeld hält seit Jahren an. Experten erwarten, dass der Anteil von Schein und Münze am Umsatz des Einzelhandels mittelfristig unter 50 Prozent sinken wird.

Die Konkurrenz für die etablierten Banken beim Thema Bezahlen wird immer größer. „Die Banken wissen: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen“, konstatiert Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele. Immerhin macht er der klassischen Finanzbranche zugleich Hoffnung: „Zahlungsverkehr erfordert letztlich immer noch Banken. Denn Zahlungen müssen durch die Übertragung von Forderungen abgewickelt werden. Auch Apple Pay, PayPal und Co. müssen letztlich die Zahlung von einem Konto eines Kunden erhalten.“

Kommentare (6)

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Herr Jürgen Fieser

15.06.2015, 17:00 Uhr

Die Abschaffung des Bargeldes ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg der Enteignung der Sparer.Die Finanzmafia in Komplizenschaft mit den Politmarionetten weiss immer genau, wieviel ich noch auf dem Konto habe. Man kann Negativzinsen darauf erheben, man kann es besteuern und schließlich kann man übers Wochenende mit einem Mausklick das Konto auf Null stellen.
Das Edelmetall, das ich sicher verwahre, sowie zu gewissem Grad auch mein Bargeld ist dem Zugriff dieser Plünderer entzogen.

Herr Werner Wilhelm

15.06.2015, 17:02 Uhr

Ein Experte ist jemand der sehr viel über ein Thema weiß, aber halt kein Insider ist. Diese wissen, dass bei Abschaffung des Bargelds eine Parallelwährung entstehen wird, die zwei Alternativen bietet:

1. Man toleriert sie, dann ist nichts gewonnen.
2. Man verbietet sie, dann entsteht eine "schwarze" Infrastruktur, die noch für weitere unangenehme Dinge nützlich ist.

Deshalb wird die Abschaffung des Bargelds _nie_ kommen. Möglich/denkbar/richtig wäre die Abschaffung der Verpflichtung Bargeld anzunehmen.

Herr Michael Mouse

15.06.2015, 19:06 Uhr

Ich stelle mir grade vor.... lange Schlange bei Aldi am Samstag Mittag und der NFC Scanner fällt aus. Niemand hat mehr Bargeld.... :-)
Bargeld bedeutet auch Freiheit !! Wer meint , dieses erhebliche Stück Freiheit, der Bequemlichkeit oder den paar Minuten Zeit "Gewinn" an der Kasse opfern zu müssen ( zu wollen ). Der tut mir leid !!

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