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06.08.2014

13:44 Uhr

Die Schufa im Test (Teil III)

Black Box Schufa

VonJens Hagen

Wie bewertet die Schufa die Bonität der Bürger? Das Wissen um ihre Score-Formel hütet die Schufa wie ihren Augapfel. Warum die Bonitätsprüfung geheim bleiben soll – und wer dagegen aufbegehrt.

Black Box Schufa: Verbraucher können nicht genau nachvollziehen, wie die Auskunftei auf ihre Bewertungen kommt.

Black Box Schufa: Verbraucher können nicht genau nachvollziehen, wie die Auskunftei auf ihre Bewertungen kommt.

Was für Coca Cola das Geheimrezept im Panzerschrank ist, ist für die Schufa ihre Score-Formel. Sie entscheidet nach einem statistischen Rechenmodell, wie aus den Daten über Girokonten, Krediten und Wohnanschriften eine tragfähige Auskunft über die Ausfallwahrscheinlichkeiten für Hypotheken, Ratenkredite und Handyrechnungen werden. Bis auf die Datenschutzbehörden, denen die Schufa ihre Formel unter Vertraulichkeit offenbarte, bleibt sie für die Bewerteten eine Black Box.

Da die Schufa keine Auskunft darüber gibt, wie sie ihre Scores erstellt, kann niemand wissen, welches Geldgebaren den Score positiv oder negativ beeinflusst. Die Folge kann ein finanzstatistisches Fehlverhalten der Verbraucher sein, das üble Folgen haben kann. Dieser Schluss legt zumindest eine Schufa-Selbstauskunft nahe, die Handelsblatt Online vorliegt.

Diese Daten verwendet die Schufa in ihrem Score

Das Verfahren

Um die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, mit der ein Kredit ausfällt, erstellt die Schufa einen Prozentwert, den so genannten „Schufa-Score“. Hat jemand zum Beispiel einen Wert von 85 Prozent, so beträgt dessen Kreditausfallwahrscheinlichkeit 15 Prozent. Für ihr Scoring verwendet die Wirtschaftsauskunftei eine Vielzahl von Daten. Generell gilt: Nicht jede Information fließt auch in die Berechnung ein. Und: Auch, wenn bestimmte Daten über eine Person nicht vorliegen, können sie deren Score beeinflussen. Ein Überblick.
Quelle: Anhang einer Schufa-Verbraucherauskunft

Allgemeine Daten

Zu den allgemeinen Daten, die in den Schufa-Score einfließen, zählen zum Beispiel das Geburtsdatum und das Geschlecht. Zudem erfasst die Auskunftei die Anzahl der Adressen, welche die Person in ihrem Geschäftsverkehr mindestens einmal verwendet hat.

Kreditaktivität des letzten Jahres

Hierbei ermittelt Schufa ob und wie viele Kreditgeschäfte innerhalb der letzten 12 Monate eine Person angefragt und abgeschlossen hat.

Zahlungsstörungen

Zu den Zahlungsstörungen, die in den Schufa-Score einfließen, zählen nicht nur geplatzte Kredite. Auch, wer seine Handyrechnungen und die Bestellungen bei Einzelhändlern nicht pünktlich zahlt, riskiert einen schlechteren Schufa-Score. Neben der Art der unerfüllten Kredite achtet die Auskunftei auch auf deren Anzahl: Je mehr unbezahlte Rechnungen sich stapeln, umso schlechter die Bonität.

Häufigkeit der Kreditnutzung

Wie oft und welche Art von Krediten eine Person in Anspruch nimmt, erfasst die Schufa ebenfalls. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Informationen beim Scoring berücksichtigt werden, steigt, je mehr Unternehmen dem Schuldner Kredit gewähren.

Die Länge der Kreditnutzung

Hierbei untersucht die Auskunftei die Laufzeit der Kredite, die eine Person bedient. Dabei deute eine lange Laufzeit auf viel Erfahrung im Umgang mit finanziellen Verpflichtungen, so die Auskunftei.

Anschriftendaten

In der Regel verwendet die Schufa bei ihrem Scoring keine Bewertung der Anschrift des Kreditnehmers. Wenn jedoch nur wenige Informationen zur Person vorliegen, verwendet die Auskunftei Informationen aus der direkten Umgebung der Anschrift. Text: Julia Rotenberger.

Eine 25-jährige, vermögende Frau aus dem Rheinland blitzte etwa bei einer Hypothekenbank mit ihrer Anfrage nach einem Immobilienkredit ab. Die Sonderaktion blieb der Frau verwehrt, weil der Hypotheken-Score der Schufa ein erhöhtes Kreditrisiko ausweist. Die Bank lehnt Kunden mit schlechteren Schufa-Scores pauschal ab.

Erstaunlich: Laut kostenpflichtiger Selbstauskunft ist der Basisscore mit 97,1 Prozent alles andere als schlecht. Die Ausfallwahrscheinlichkeit beträgt so weniger als drei Prozent. Guter Durchschnitt bei Kreditnehmern, „der Schufa liegen ausschließlich positive Vertragsinformationen vor“, steht in der Selbstauskunft. „Erst ab Schufa-Scores von weniger als 88 bis 92 Prozent winken Vertragspartner regelmäßig ab“, sagt Michael Kaiser, der als Referatsleiter des hessischen Datenschutzbeauftragten die Schufa überwacht.

Was könnte aber zu der negative Einschätzung beim Immobilienkredit in diesem Falle geführt haben? Die Schufa erklärt, dass Score-Werte kaum an einzelnen Merkmalen festgemacht werden können. „Statistisch relevant sind insbesondere Abhängigkeiten einzelner Daten untereinander“, erklärt ein Schufa-Sprecher. Da die Schufa keine genauen Angaben macht, wie sie ihre Scores berechnet, lohnt ein Blick auf die Auffälligkeiten in der Selbstauskunft der Immobilien-Interessentin. Ein Finanzexperte hilft dabei.

Kommentare (5)

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Herr Manfred Zimmer

06.08.2014, 16:10 Uhr

"Wie bewertet die Schufa die Bonität der Bürger?"

Wenn die Unterlagen der Schuf nicht in Ordnung sind, dann kann sie den Bürgern nur schaden, Wer anderen einen Schaden zufügt, haftet für den angerichteten Schaden.

Sie haben die Bürokratie der Schufa untersucht und eindeutig fehlerhaftes Informationsmaterial an den Tag gebracht. Jetzt sollte es auch noch möglich sein, jemanden zu finden, der den Schaden effektiv nachweisen kann. Anschließend sollte der Schufa die Betriebserlaubnis entzogen werden.

Meine Erfahrung ist schon seit langem, dass insbesondere dann gravierende Fehler passieren, wenn sich die Akteure zu sicher sind. Dieser Fall sollte auch hier gelten, zumal den Bürgern der Einblick verwehrt wird.

Wir kennen gleiches unter den Medizinern, unter den Anwälten und nicht zuletzt bei den Juristen und Richtern. Es ist an der Zeit, dass die Bürger sich wehren.

Herr Philipp Lanher

06.08.2014, 17:49 Uhr

Es ist ein Unding, dass hier Richter immer noch Pro Schufa und sonstigen Scoring-Firmen urteilen und ich kann nur hoffen, dass es damit bald ein Ende hat.

Transparenz wird in so vielen Bereichen gefordert. Dort, wo der Kreditnehmer abhängig von einem Score ist, sollte diese Transparenz erst Recht gelten.

Darüber hinaus kann ich nur jedem Bürger dringend empfehlen, sich jedes Jahr bei den gängigen Score-Firmen kostenlose Eigenauskünfte zu besorgen. Nur so behält man den Überblick.

Die Politik ist dringend gefordert, mehr Verbraucherschutz in dem Bereich zu etablieren. Mindestens hat jedes Scoring-Unternehmen dem betroffenen Bürger anlassbezogen schriftlich und natürlich kostenlos zu informieren, wenn sein Score unter einen Wert von 95% rutscht oder analoge Kriterien unterschreitet, die der Kreditvergabe hinderlich sein könnten.

Nur dann hätte der betroffene Bürger rechtzeitig die Gelegenheit Gegenmaßnahmen einzuleiten. Es kann an dieser Stelle nicht sein und ist empfunden eine Frechheit, wenn die Schufa dafür im Rahmen eines Services Geld verlangt.

Hier wird dann noch Kasse mit der Angst gemacht. Frech sowas.

Herr Ben Hu

07.08.2014, 09:40 Uhr

"Erstaunlich: Laut kostenpflichtiger Selbstauskunft ist der Basisscore mit 97,1 Prozent alles andere als schlecht. Die Ausfallwahrscheinlichkeit beträgt so weniger als drei Prozent."

Da ist gar nichts erstaunlich. HB, seid Ihr wirklich so naiv? Auf welchen Zeitraum ist diese Aussage denn bezogen? Im Risikomanagement, und dazu zählt die Schufa ja, bezieht sich eine solche Aussage in der Regel auf einen Zeitraum von einem Jahr.

Wenn ich jetzt mit einem PD von 2,9% einen Mobilfunkvertrag für 2 Jahre abschließe, dann sind die daraus resultierenden 5,8% Ausfallwahrscheinlichkeit(vereinfacht) durchaus überschaubar, zumal sich mein Risiko auf wenige Monate Rechnung und die zukünftigen entfallenen Gewinne aus dem Umsatz erstrecken.

Wenn ich aber mit einer PD von 2,9% einen 30 Jahre laufenden Immokredit betrachte, dann liegt die Ausfallwahrscheinlichkeit bei 87% !!! Nur weiß leider niemand statistisch gesehen, ob der Ausfall in 1,5,10 oder 25 Jahren eintritt. Aber wenn die Wahrscheinlichkeit bei 87% liegt, dass ich zumindest einen Teil meines Geldes nicht zurück bekomme, dann würde ich mein Geld auch nicht so langfristig verleihen wollen.

Soviel zu "erstaunlich".

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