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08.11.2013

14:39 Uhr

EZB-Entscheidung

Zinssenkung setzt Lebensversicherungen unter Druck

Die Lebensversicherung gehört zu den Lieblingen der Deutschen, wenn es um Altersvorsorge geht. Das Zinstief bringt die Versicherer allerdings zun ehmend in Schwierigkeiten. Nun wollen sie sich an die Umstände anpassen.

Die Lebensversicherung ist für Millionen Deutsche der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die niedrigen Zinsen nagen aber seit Jahren an den Erträgen. dpa

Die Lebensversicherung ist für Millionen Deutsche der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die niedrigen Zinsen nagen aber seit Jahren an den Erträgen.

MünchenDie Zins-Talfahrt in Deutschland bringt die Lebensversicherung weiter unter Druck. Seit Jahrzehnten ist sie der Liebling der deutschen Sparer für die Altersvorsorge, weil sie feste Zinsen für Jahrzehnte garantiert und den Todesfall absichert. Mit rund 90 Millionen Verträgen gibt es mehr Lebensversicherungen in Deutschland als Einwohner. Der Wert der meisten Lebensversicherungen geht aber in den Keller, weil die Versicherer ihr Geld nicht mehr so profitabel angelegen können wie früher. Die erneute Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank auf ein Rekordtief könnte die Probleme verschärfen.

Die Lebensversicherer müssen bei alten Verträge mit hohen Garantien von bis zu 4 Prozent zu erfüllen. „Wir befürchten, dass sich zukünftig immer mehr Lebensversicherer aus dem aktiven Geschäft verabschieden werden und nur noch die Bestände verwalten wollen.“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten. Das Beispiel der Victoria zeige bereits, dass Kunden dann mit schlechteren Überschüssen rechnen müssen.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Deutschlands größter Versicherer Allianz warnte am Freitag vor den finanziellen Folgen der EZB-Entscheidung. „Hier werden die Zinserträge jeglicher Sparer weiterhin angegriffen werden“, sagte Finanzvorstand Dieter Wemmer. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sprach nach der Überraschungsbotschaft aus Frankfurt von einem fatalen Signal für alle Altersvorsorgesparer in Deutschland.

„Die niedrigen Zinsen gehen massiv zu ihren Lasten“, warnte Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung. Der Bund der Versicherten sieht das gesamte Modell der Lebensversicherung in Gefahr. Das Geschäftsmodell der Branche werde durch die Zinssenkung „final auf den Prüfstand gestellt“, sagte Vorstand Axel Kleinlein dem „Tagesspiegel“.

Probleme machen den Lebensversicherungen vor allem die alten Verträge. Aus den 1990er Jahren haben viele Sparer noch Verträge mit einem Garantiezins von vier Prozent auf das Sparguthaben, die ihnen die Versicherer nun liefern müssen. Das gelingt ihnen immer schlechter, weil jedes Jahr alte, hochverzinste Anleihen, in denen die Versicherer viel Geld angelegt haben, auslaufen. Mit der Neuanlage verdienen sie längst nicht mehr soviel.

Inzwischen liegt der Garantiezins zwar nur noch bei 1,75 Prozent – auch das ist heutzutage aber viel. Die Garantiezinsen müssen die Konzerne in ihrer Bilanz finanziell absichern, was hohe Kosten verursacht. Zusätzlich zum Garantiezins erhalten die Kunden eine Überschussbeteiligung, mit der sie von der Geldanlage-Strategie der Versicherung profitieren. Auch deren Wert ist in den vergangenen Jahren gesunken. Die durchschnittliche Gesamtverzinsung einer Lebensversicherung lag nach Angaben des GDV zuletzt aber immer noch bei mehr als 4 Prozent. Aus Sicht vieler Sparer bleibt sie damit trotz aller Probleme ein wichtiger Baustein zur Altersvorsorge.

Kommentare (13)

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Lebensunversicherter

08.11.2013, 14:45 Uhr

Die EZB hat schon eine Lösung: Staatsanleihen von Spanien, Italien, Griechenlad usw.
Die EU kann ja die Lebensversicherer verstaatlichen und dann dazu zwingen die Gelder in Staatsanleihen zu investieren oder besser Zwangskonvertieren.

Account gelöscht!

08.11.2013, 15:04 Uhr

"Den Kunden garantierten die neuen Lebensversicherungen immerhin den Erhalt ihres Kapitals."

Es wird den Kunden eine Zahl auf einem Fetzen Papier garantiert. Ob die Kaufkraft dieser Zahl bei Auszahlung noch für den Kauf einer Wohnung reicht oder nur für eine Monatsmiete steht in den Sternen.

Aber letztlich ist es ja auch egal. Denn spätestens, wenn das Gesparte ausgezahlt wird, wird auch die Rechnung von Draghis für Deutschland völlig unverantwortliche Kreditverschlechterungs-/Kreditbetrugsprogramm fällig gestellt, was Billionenabschreibugen (oder alternativ jahrelanges Deflationssiechtum) erfordern dürfte. Dafür kann dann ein Großteil des verbliebenen Ersparten verheizt werden.

Die erste Abschreibungs-Welle dürfte schon jetzt im Zusammenhang mit der EU-weiten Bankenabwicklung-/Haftung anrollen. Schäuble versucht noch die Belastungen aus den Verlusten der EU-Spielbanken in Zweckgesellschaften und durch Buchungstricks zu verstcken, was ihm nicht gelingen wird.

mw65719

08.11.2013, 15:28 Uhr

@Lebensunversicherter
Die Versicherungen müssen doch jetzt schon den Großteil der Geldanlagen in (vor allem deutschen) Staatsanleihen tätigen. Versicherungen müssen nicht verstaatlicht sein, um über Gesetze solche Vorschriften zu erhalten. Nur geringe Beträge dürfen von Versicherungen als "Beimischung" in Aktien oder auch Unternehmensanleihen gesteckt werden.
Abgesehen davon galt aber auch jahrelang, dass Versicherungsnehmer gar keine andere Art der Anlage durch die Versicherungen wünschten (gilt bei vielen auch heute noch), weil gerade in Deutschland (Land der uninformierten, verängstigten Anleger) andere Anlgen als deutsche Staatspapiere als unverantwortliche Zockerei gelten

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