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08.10.2015

14:27 Uhr

Fällt der Garantiezins?

Was Sie jetzt zur Lebensversicherung wissen sollten

VonFrank Matthias Drost, Kerstin Leitel, Sara Zinnecker

Die Bundesregierung will den Garantiezins bei klassischen Lebenpolicen abschaffen. Warum eigentlich? Und ist der Schritt aus Kundensicht eher ein Risiko oder eher eine Chance? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die Regierung will Versicherern künftig nicht mehr vorgeben, welche Zinsen sie Lebensversicherungskunden versprechen dürfen.

Garantiezinsen

Die Regierung will Versicherern künftig nicht mehr vorgeben, welche Zinsen sie Lebensversicherungskunden versprechen dürfen.

Berlin, München, DüsseldorfDer Gesetzesentwurf sorgt für Aufregung: Geht es nach dem Wirtschaftsministerium, soll der Höchstrechnungszins bei der Lebensversicherung, umgangssprachlich auch Garantiezins genannt, für die großen Versicherer ab 1.1.2016 wegfallen. Übersetzt bedeutet das: Die Regierung will Versicherern künftig nicht mehr vorgeben, wie viel sie Kunden bei einer klassischen Lebensversicherung versprechen dürfen. Auf den ersten Blick scheint dies alarmierend – schließlich schätzen deutsche Sparer die Sicherheit und hängen ein Stück weit an den Garantien. Tatsächlich birgt die neue Vorgabe Risiken, aber auch Chancen. Ist die Abschaffung des Garantiezinses gut oder schlecht für Lebensversicherungskunden? Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist eigentlich der Höchstrechnungszins?
Der Höchstrechnungszins ist bei der klassischen Lebens- und Rentenversicherung der Zinssatz, den Versicherungsunternehmen ihren Kunden maximal für das angesparte Geld versprechen dürfen. Für Versicherer ist der Zins also eine gesetzlich vorgegebene Obergrenze, die den Wettbewerb um allzu kühne Zinsversprechen unterbinden sollte. Festgelegt wird der Zins seit jeher vom Bundesfinanzministerium, das dabei aber den Empfehlungen aus der Versicherungsbranche folgt.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Was ist der Unterschied zum Garantiezins?
Der Höchstrechnungszins wird umgangssprachlich Garantiezins genannt. Aus Sicht des Kunden ist die entscheidende Information, wie viel der Versicherer ihm mindestens für das Ersparte zusichern, also garantieren, muss. Die Garantie ist also die Untergrenze. In der Regel kommen auf die garantierte Verzinsung dann noch die sogenannten Überschüsse, die der Versicherer zum Beispiel durch gute Kapitalanlagen erzielt. Die Überschussbeteiligung liegt aber im Ermessen des Versicherers.

Warum soll der Höchstrechnungszins jetzt abgeschafft werden?
Offizieller Grund ist die Einführung des europäischen Regelwerks zur Kapitalausstattung der Versicherer zum 1.1.2016 (Solvency II). Das Regelwerk gibt vor, wie hoch bestimmte Anlageklassen mit Kapital hinterlegt werden müssen. Auch Garantieversprechen müssen mit einem bestimmten Anteil an Kapital abgesichert sein. Mit diesen neuen Vorgaben zur Kapitaldeckung werde „der bisherige Höchstrechnungszins für die Zwecke der Aufsicht nicht mehr benötigt“, heißt es vom Bundesfinanzministerium.

Lebensversicherungen: Regierung will Garantiezins abschaffen

Lebensversicherungen

Regierung will Garantiezins abschaffen

Die Deutschen lieben Sicherheit, sie hängen an der garantierten Verzinsung bei der Lebensversicherung. Doch ab 2016 will die Regierung keinen Mindestzins mehr vorgeben. Was das für die Kunden bedeutet.

Wird es künftig keine Lebenpolicen mit Garantieversprechen mehr geben?
Es wird Versicherern auch künftig möglich sein, Lebensversicherungen mit einer garantierten Verzinsung anzubieten. Allerdings müssen sie zusehen, dass sie die Eigenkapitalvorschriften, die sich aus Solvency II ergeben, erfüllen. Grundsätzlich müssen die Versicherer umso mehr Kapital für die Garantien zurückhalten, je weiter die mittlere Laufzeit der Anlagen und die mittlere Laufzeit der Garantien auseinanderliegen. Garantien sind also weiterhin für die Versicherer teuer.

Kommentare (6)

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Rainer von Horn

08.10.2015, 14:42 Uhr

Wenn der Leitzins bei Null liegt oder gar negativ ist und die Zinskurve durch QE und Purchase Programmes durch die EZB ebenfalls plattgewalzt (Swapsatz 10 Jahre unter 1%) ist und Spreadaufschläge auf Staatsanleihen, Pfandbriefe, ABS und seit einiger Zeit sogar bei Unternehmensanleihen durch weitere Kaufprogramme runter"geregelt" (=manipuliert) sind, dann tragen die klassichen Geschäftsmodelle bei Banken und Versicherern nicht mehr wie zuvor. Und dann ist es folgerichtig, nicht mehr das zu garantieren, was nicht mehr garantiert werden kann.

Die ab 2018 gültigen LCR-Vorschriften werden zudem dafür sorgen , dass insbesodere staatliche Stellen Kapital zum Nulltarif erhalten, um dieses dann in zweifelsfreie Staatsprojekte zu investieren, sprich zu versenken.

Herr stefan kinlel

08.10.2015, 15:04 Uhr

Wissen sollen die Kunden in erster Linie, daß sich die LV nirgendwo rechnet. Außer für den Anbieter.
Das Risiko ist stets auf Seiten der Kunden. Dumm, wer das noch macht. Wahrscheinlich nur Deutsche.

Herr August Autograf

08.10.2015, 15:23 Uhr

Zuerst sollte man betonen, dass es sich um eine Änderung der Deckungsrückstellungsverordnung handelt. Diese betrifft ausschließlich die Kalkulation der Deckungsrückstellung im Jahresabschluss eines Lebensversicherers. Sie hat auf die Vereinbarungen zwischen Versicherer und Versicherten, also Beiträge und Leistungen, keinen Einfluss. Durch Wegfall des Höchstrechnungszinses in der Verordnung dürfen in Zukunft die Versicherer mit einem höheren Zins im Jahresabschluss rechnen, als sie es bei Beibehaltung von diesem dürften. Indirekt hat dies durch § 138 VAG in der ab 1.1.2016 geltenden Fassung (bis dahin § 11 VAG) die Folge, dass die Versicherer in Zukunft noch höhere Zinsen in den Beiträgen garantieren können, als mit der alten Verordnung. D.h., das ist nicht das Ende des Garantiezinses in den Beiträgen, sondern geradezu eine Einladung jetzt noch höhere Zinsen mit den Kunden zu vereinbaren. Hier wird ein bisher beschränkendes Verbot aufgehoben, nicht etwa etwas strenger reguliert.

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