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23.05.2017

13:11 Uhr

Falsches Sparen

Sie haben schon 1.300 Euro verloren!

VonJessica Schwarzer

Die Nullzinspolitik der EZB trifft Sparer besonders hart. Das ist bekannt. Wie hart aber, das dürfte vielen konservativen Anlegern nicht bewusst sein. Die Experten der Comdirect kommen zu einem erschreckenden Ergebnis.

Die Deutschen bunkern ihr Geld in schlecht oder gar nicht verzinsten Sparformen. dpa

Sparschwein

Die Deutschen bunkern ihr Geld in schlecht oder gar nicht verzinsten Sparformen.

DüsseldorfFalsches Sparen kostet viel Geld. Wie viel, haben jetzt die Experten der Comdirect ausgerechnet. Das erschreckende Ergebnis: Jeder Haushalt hat seit Oktober 2010 bereits 1.300 Euro verloren. Das sind insgesamt 51 Milliarden Euro. Doch richtig spüren tun die Sparer das nicht. Denn ihnen wird natürlich kein Geld vom Konto abgebucht, aber trotzdem schwindet die Kaufkraft des Ersparten. Der Realzins-Radar der Direktbank zeigt, dass die Verzinsung von Spareinlagen in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich unter der Inflationsrate lag. Unterm Strich verloren Sparer deshalb Geld. „Nie war der Wertverlust festverzinslicher Anlagen höher als aktuell“, sagt Arno Walter, Vorstandsvorsitzender der Comdirect.

Noch dramatischer wird die Lage, wenn man sich eine aktuelle Studie der DZ Bank anschaut. „Im Vergleich zum ‚Normalzinsniveau‘ summieren sich die Zinseinbußen der Bürger durch niedrige Zinsen von 2010 bis 2016 auf 344 Milliarden Euro“, schreibt Volkswirt Michael Stappel. Der Normalzins misst sich an der historischen Entwicklung der durchschnittlichen Umlaufrendite inländischer Schuldverschreibungen.

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen – und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt – wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

Während sein Niveau in den 70er-, 80er- und 90-Jahren mit 7,3 Prozent relativ hoch lag – zurückzuführen auf die relativ hohen Inflationsraten – lag der Normalzins in den zehn Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise im Schnitt bei 4,2 Prozent. Ab Mitte 2009 ging es dann runter auf durchschnittlich 1,4 Prozent, allerdings bei zeitweise sehr niedrigen Inflationsraten. „2012, 2013 und im letzten Jahr fiel die durchschnittliche inflationsbereinigte Umlaufrendite sogar negativ aus“, so Stappel. Für Sparer ist das fatal.

Besserung ist nicht in Sicht. Denn mit der zuletzt wieder ansteigenden Inflation liegt der Realzins bei Tages- und Festgeld mittlerweile schon bei minus 1,6 Prozent. Die Prognose der Comdirect sieht den Realzins in den kommenden Jahren sogar auf unter minus zwei Prozent absinken, bevor er langsam wieder steigt. Setzt sich diese Entwicklung wirklich fort, so verlieren Sparer in den kommenden 20 Jahren mehr als 550 Milliarden Euro. Das sind 14.000 Euro im Schnitt pro Haushalt. Laut der Experten ist das in etwa die durchschnittliche Sparleistung von drei Jahren.

Kommentare (5)

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G. Nampf

23.05.2017, 13:52 Uhr

Wieder ein tendenziöser "Kauft Aktien um jeden Preis"- Artikel, diesmal etwas subtiler verpackt und mit einer Prise Panikmache gewürzt.

Das HB ist zur Drückerkolonne der Banken-Lobby verkommen.

Ich habe meine Aktien verkauft, denn ich meine, daß die Party bald vorbei ist.

Frau Edelgard Kah

23.05.2017, 15:00 Uhr

Eigentlich ist es eine Banalität: Wenn die EZB die Zinsen abschafft, dann gibt es keine Zinsen mehr. Dann gehen die Sparer leer aus. Aber Staat und Unternehmen sparen hohe Milliardenbeträge an Zinsen. Des einen Leid ist des anderen Freud.

Eine andere Frage ist, ob die Sparer ihre unverzinsten Guthaben in andere Anlageformen umschichten sollen. Das würde bedeuten, dass unvorstellbar hohe Beträge in den Aktien- und Immobilienmarkt fließen. Aber auf diesen Märkten gibt es wegen der Null-Zins-Politik der EZB schon heute Preisblasen, die ohnehin irgendwann platzen müssen. Werden die Preisblasen durch Zufluß weiterer gigantischer Beträge noch mehr überdehnt, brauchen wir auf ihr platzen nicht lange zu warten.

G. Nampf

23.05.2017, 15:50 Uhr

@Edelgard Kah 23.05.2017, 15:00 Uhr

Das ist die freundlich formulierte Variante meines Kommentars ...;-)

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