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11.07.2014

12:01 Uhr

Gesetz

Bundesrat billigt Reform der Lebensversicherung

Der Bundesrat hat das von Union und SPD vereinbarte Lebensversicherungskonzept gebilligt. Mit dem Gesetz sollen die Renditezusagen der Branche an die Kunden abgesichert werden. Das führt für die Versicherer zu Problemen.

Der Bundesrat billigt die Lebensversicherungsreform. Die Versicherer haben nach wie vor ein Problem. dpa

Der Bundesrat billigt die Lebensversicherungsreform. Die Versicherer haben nach wie vor ein Problem.

BerlinDer Bundesrat hat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause der von Union und SPD vereinbarten Lebensversicherungsreform zugestimmt. Die Länderkammer billigte am Freitag das bereits vom Bundestag verabschiedete Gesetz, mit dem die Renditezusagen der Branche an ihre Kunden besser abgesichert werden sollen. Wegen der historisch niedrigen Zinsen für Staatsanleihen fällt es den Versicherern zunehmend schwerer, die Erträge zu erwirtschaften, die sie zur Erfüllung ihrer Versprechen an die Kunden benötigen.

Vorgesehen ist unter anderem, dass die Aufsichtsbehörde BaFin die Ausschüttung von Dividenden verbieten kann, bevor nicht alle Kunden-Ansprüche abgesichert sind. Außerdem kann sie die Auszahlung von Buchgewinnen aus alten Staatsanleihen an die jährlich drei Millionen ausscheidenden Kunden beschränken. Dies kann - je nach Vertrag - erhebliche Geldeinbußen bedeuten. Allerdings bleibt damit für die Gesamtheit der übrigen fast 60 Millionen betroffenen Versicherten mehr von den Reserven übrig.

Die wichtigsten Fragen zur Lebensversicherung

Wie funktioniert die Lebensversicherung?

Es gibt verschiedene Arten von Lebensversicherungen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von Hinterbliebenen bei Todesfällen. Die Kapitallebensversicherung soll dagegen zugleich auch Altersvorsorge sein. Es gibt eine Anspar- und eine Auszahlungsphase. Wird letztere erreicht, schüttet der Versicherer die vorher vom Kunden regelmäßig eingezahlten Beiträge aus. Für viele Kapitallebensversicherungen werden nach Ende der Ansparphase eine bestimmte Summe und bestimmte regelmäßige Zahlungen garantiert.

Was ist die Bewertungsreserve?

Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, auch wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 müssen Versicherungen die Hälfte der Bewertungsreserve an ihre Kunden auszahlen, deren Verträge auslaufen.

Was ist der Garantiezins?

Viele Verbraucher haben sich auch deshalb für Kapitallebensversicherungen entschieden, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital praktisch eine Art von Mindestverzinsung garantieren: den sogenannten Höchstrechnungszins, umgangssprachlich Garantiezins genannt. Dieser wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Aktuell beläuft er sich auf 1,75 Prozent, ab 1.1.2015 nun wird er auf 1,25 Prozent gesenkt.

Früher lag der Satz deutlich höher, in den 90er Jahren teils bei vier Prozent. Seit 2000 geht es bergab. Der Grund: Versicherer müssen die Gelder ihrer Kunden in krisensicheren Anlageformen investieren. Die Renditen dafür sind seit Jahren aber sehr niedrig.

Was bedeutet das niedrige Zinsniveau konkret für Lebensversicherungen?

Bei Lebensversicherungen mit Garantiezins bildet dieser nur einen Teil der Gesamtverzinsung, welche die Versicherer zahlen. Dazu kommen noch zusätzliche Renditen, wenn Versicherer das Geld der Versicherten besonders gut anlegen. Da die Zinsen für Anleihen krisenfester Staaten aber zurückgehen, schrumpfen generell sowohl Garantiezins als auch Überschussbeteiligungen. Zu beachten ist, dass Bestandskunden in der Regel von Senkungen des Garantiezinses nicht betroffen sind.

Sind Lebensversicherungen für Verbraucher noch attraktiv?

Versicherer sagen ja: Weil sie durch niedrigere Garantiezinsen weniger Geld zur Sicherung von Beitragsgarantien und für eine Mindestverzinsung zurücklegen müssen, könnten sie höhere Risiken eingehen – und damit auch für die Versicherten höhere Gesamt-Renditen erwirtschaften. Verbraucherschützer dagegen stehen klassischen Lebensversicherungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach fließt zu viel Geld in Abschluss- und Verwaltungskosten, sodass der Sparanteil auf der Strecke bleibt.

Ist es sinnvoll, alte Verträge zu kündigen?

In vielen Fällen nicht. Kunden sollten laut Verbraucherschützern auch bedenken, dass die Kündigung eines laufenden Vertrags immer mit Verlusten verbunden ist. Ob diese Verluste von einer jetzt eventuell noch höheren Beteiligung an den Bewertungsreserven ausgeglichen werden, muss im Einzelfall berechnet werden. Zudem ist besonders bei Altverträgen, die schon vor 2005 abgeschlossen wurden, zu beachten, dass sie bei der Auszahlung im Alter noch steuerfrei sind, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestanden hat.

Die Bundesbank hatte vergangenes Jahr mit einem Stresstest Alarm geschlagen, wonach bis 2023 wegen der niedrigen Zinsen 32 von 85 deutschen Lebensversicherern die gesetzlichen Eigenkapital-Vorschriften nicht mehr erfüllen könnten. Diese Zahl verringert sich der Bundesbank zufolge mit der Reform auf 13 Versicherer.

Von

rtr

Kommentare (8)

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Frau Conny Rhein

11.07.2014, 14:05 Uhr

Dieser Beschluss wird vielen Aktionären nicht gefallen, denn die attraktiven Renditen der Lebensversicherer sind auch ein Argument für den Kauf der Titel in ein Depot!
Natürlich kann keine Versicherung den Garantiezins aufrechterhalten bei diesem Zinsniveau, aber die Politik sollte sich zuerst einmal Gedanken darüber machen, was diese billige Zinspolitik wirklich bringt und nicht mit diesen Maßnahmen versuchen ein Loch zu stopfen und ein anderes aufzureissen.

Herr Andre Kostolany

11.07.2014, 14:20 Uhr

warum übernimmt HB einfach die Argumente der Versicherungslobby? Die Zusagen der Versicherer können doch hauptsächlich deswegen nicht gehalten werden, weil die Prämien der Kunden zugunsten des Vertriebs und der Aktionäre veruntreut wurden. Daran wird sich nicht viel ändern und deshalb wird wieder mal das BVG einschreiten müssen.

Herr Kai Hahn

11.07.2014, 19:07 Uhr

Dank an die Regierung!

Diese Regierung ist das ALLERLETZTE! Hauptsache sie erhöhen sich immer schön ihre Diäten und uns lassen sie im Regen stehen.

Das offenlegen der Provisionen der Versicherungsvertreter ist dank dieser Regierung nun auch endgültig vom Tisch. Immer hübsch der Versicherungslobby beugen.

Statt Streichung der Bewertungsreserven hätte man die Versicherer zwingen können die Differenzen durch die Niedrigzinsen von den üppigen Gewinnen dieser Branche zu bestreiten. So schlecht scheint es den Versicherungen nun auch nicht zu gehen. Unser Vertreter fährt immerhin noch einen 7er BMW.

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