Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.01.2012

13:05 Uhr

Gesundheit

So wehren sich Patienten gegen Ärztepfusch

VonThomas Schmitt

Die Regierung will weniger Kunstfehler. Doch sie stärkt die Rechte der Patienten nur halbherzig. Betroffene müssen daher auch künftig viele Hürden auf dem Weg zu ihrem Recht nehmen.

Erotik-Sternchen Carolin Wosnitza ("Sexy Cora") starb bei einer Brustoperation Ende Januar 2011. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung könnte der Herzstillstand der 23-Jährigen durch einen Fehler der Ärzte bei der Beatmung ausgelöst worden sein. dapd

Erotik-Sternchen Carolin Wosnitza ("Sexy Cora") starb bei einer Brustoperation Ende Januar 2011. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung könnte der Herzstillstand der 23-Jährigen durch einen Fehler der Ärzte bei der Beatmung ausgelöst worden sein.

DüsseldorfCarolin Wosnitza machte zu Lebzeiten durch ihre Oberweite auf sich aufmerksam. Seit ihrem Tod im Januar 2011 verbinden viele mit „Sexy Cora“ jedoch auch Ärztepfusch. Eigentlich wollte sie vor einem Jahr ja nur ihre Brust zum wiederholten Mal vergrößern lasen, von Körbchengröße 70 F auf 70 G. Doch während der Operation kam es zu einem Herzstillstand, bei dem das Gehirn für einige Minuten keinen Sauerstoff erhielt. Wenige Tage später starb sie.

War die Ursache dafür ein Behandlungsfehler? Zunächst wurde Medikamentenmissbrauch als Todesursache vermutet. Doch inzwischen ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Hamburg wegen fahrlässiger Tötung gegen die an der Operation beteiligte Anästhesistin und den Chirurgen. Ein Gutachten kam dabei zu dem Schluss, dass wahrscheinlich bereits bei der Narkose erhebliche Fehler bei der Beatmung gemacht worden seien. Auf Anfrage von „stern.de“ bekräftigte der Ehemann der Toten, Tim Wosnitza, die Aussagen der Gutachter. 

Hier erhalten Patienten mehr Rechte

Behandlungsvertrag

Im Bürgerlichen Gesetzbuch wird die Vertragsbeziehung zwischen Patienten und Ärzten, aber auch anderen Heilberufen wie Heilpraktikern, Hebammen, Psycho- oder Physiotherapeuten erfasst. Patienten müssen künftig verständlich und umfassend informiert werden, etwa über erforderliche Untersuchungen, Diagnosen und beabsichtigte Therapien. Auf gesonderten Kosten müssen sie hingewiesen werden.

Aufklärung

Das wird nun ausdrücklich gesetzlich geregelt. Vor jedem Eingriff müssen alle Patienten umfassend über die konkrete Behandlung und die sich daraus ergebenden Risiken aufgeklärt werden. Dazu muss rechtzeitig vorher ein persönliches Gespräch geführt werden, damit sich der Patient seine Entscheidung gut überlegen kann. Eine bloß schriftliche Aufklärung reicht nicht.

Dokumentation

Patientenakten sind vollständig und sorgfältig zu führen. Patienten bekommen nunmehr ein gesetzliches Recht auf Akteneinsicht. Fehlt die Dokumentation oder ist sie unvollständig, wird im Prozess zu Lasten des Behandelnden vermutet, dass die nicht dokumentierte Maßnahme auch nicht erfolgt ist.

Grobe Fehler

Für Haftungsfälle wird es mehr Transparenz geben. Bei „groben“ Behandlungsfehlern sind Beweiserleichterungen zugunsten des Patienten vorgesehen.

Kostenerstattung

Wenn eine Krankenkasse nicht schnell genug arbeitet, können die Versicherten sich die Leistung selbst beschaffen und erhalten die entstandenen Kosten erstattet, wenn die Krankenkassen ohne hinreichenden Grund über einen Antrag auf eine Leistung nicht innerhalb von drei Wochen nach Antragseingang bzw. innerhalb von fünf Wochen, wenn von der Krankenkasse eine gutachterliche Stellungnahme des MDK eingeholt wird, entscheiden.

Hilfe der Krankenkassen

Kranken- und Pflegekassen sind künftig verpflichtet, ihre Versicherten bei der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen zu unterstützen. Dies kann etwa geschehen durch Leistungen, mit denen die Beweisführung der Versicherten erleichtert wird, zum Beispiel medizinischen Gutachten.

Vorbeugung in Kliniken

Behandlungsfehlern möglichst frühzeitig vorzubeugen, hat höchste Priorität. Kliniken müssen künftig Beschwerden professionell managen.

Beteiligung von Patienten

Patientenorganisationen werden insbesondere bei der Bedarfsplanung stärker einbezogen.

Informationen der Behörden

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung erstellt künftig eine umfassende Übersicht der Patientenrechte und hält sie zur Information für Interessierte bereit.

Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht typisch für Streitfälle über möglichen Ärztepfusch: Die meisten Vorwürfe wegen medizinischer Behandlungsfehler betreffen Bereiche, in denen viel operiert wird: die Chirurgie vor allem, aber auch Orthopädie und Gynäkologie. Oft dauert es Monate, bis die Fakten vorliegen. Und bis es dann zu einem Prozess kommt, kann leicht mehr als ein Jahr vergehen. Ohne zahlreiche Fakten aus den Patientenunterlagen und Gutachten von Experten haben Betroffene zudem kaum eine Chance auf Schadenersatz.

Ansprüche werden oft gestellt, denn Ärzte machen häufiger etwas falsch als gedacht. Die Zahl der Behandlungsfehler lässt sich dennoch bisher nur schätzen, weil keine Zahlen offiziell gesammelt werden. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. geht in einer Schätzung von 17.000 Todesfällen durch Behandlungsfehler jährlich aus. Diese Zahl mache deutlich, wie wichtig es ist, Behandlungsfehler so weit wie möglich zu vermeiden, stellt das Gesundheitsministerium fest. 

Deshalb hat die Regierung nun beschlossen, den Patienten mehr Rechte zu geben. Das für die Patienten maßgebliche Recht sei derzeit zersplittert und selbst für Juristen schwer zu überblicken, lautet die Selbsterkenntnis. In manchen Fällen soll es daher künftig einfacher werden für Betroffene, Schadenersatz und Schmerzensgeld gerichtlich sowie außergerichtlich geltend zu machen. 

Hier könnte mehr für Patienten passieren

Leichte Fehler

Schön wäre es aus Verbrauchersicht, wenn der Arzt nicht nur bei groben Fehlern seine Unschuld beweisen müsste. Bei sogenannten „einfachen“ Behandlungsfehlern bleibt es jedoch dabei, dass der Patient den Behandlungsfehler sowie die Ursächlichkeit dieses Fehlers für eine Gesundheitsschädigung nachweisen muss. "Das ist ein Trostpflaster für Patienten", kritisieren die Grünen. Nach wie vor müssten Patienten bei fast allen Behandlungsfehlern den Nachweis führen, dass die Ärzte sie verursacht haben. Dies sei für Laien schwierig.

Fachchinesisch

Der Arzt könnte den Patienten in verständlicher Form schriftlich erläutern, was passiert ist. Wenn er das etwa bei einer Hüftoperation getan habe, könne man erst verstehen, was geschehen ist und ob eine Klage angebracht sei, glaubt die SPD. Das Fachchinesisch ist damit weiter erlaubt.

Entschädigungsfonds

Schadenersatz kann teuer werden. Wenn dafür und für Anwaltskosten ein Fonds aufkommt, würde dies Klagen erleichtern. Finanzieren könnten dies zum Beispiel die Krankenkassen. Ohne einen Entschädigungsfonds seien die Ärzte gezwungen, jeden Fehler zu verschweigen und abzustreiten, schon allein deshalb, weil ihre Versicherung es verlange, kritisiert die SPD.

Offizielle Datenbank

Wenn alle Fehler in einer Datenbank dokumentiert werden, erleichterte dies den Überblick, in welchen Bereichen es hakt und bei welchen Ärzten oder Krankenhäusern. Private Initiativen sammeln dagegen Fehler:

Sammelhaftung für Ärzte

Oft sind mehrere Ärzte für die Behandlung verantwortlich. Dann könnten diese auch alle in Haftung genommen werden bei Fehlern, wenn der Verantwortliche nicht klar auszumachen ist.

Der Opposition und Vertretern von Patientenvereinigungen geht dies allerdings noch nicht weit genug. Sie fürchten, dass die Betroffene in vielen Fällen auch künftig sehr lange und intensiv um ihr Recht kämpfen müssen – im Zweifel vor Gericht. Dazu sind vor allem Privatversicherte entschlossen, wie eine Umfrage der der GfK Marktforschung Nürnberg bei 2.014 Bundesbürgern ergab. 

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Realo

17.01.2012, 14:44 Uhr

Alle machen Fehler, niemand ist perfekt, und ich möchte mal sehen, wie die Versicherungsprämien in die Höhe schießen werden, wenn zukünftig Ärzte für jeden Mist Schadensersatz zahlen dürfen. Und das soll dann bei den mickrigen Honoraren noch drin sein? Ich wette, da werden viele Ärzte im Extremfall ihre Sitze zurückgeben, denn man kann nicht auf der einen Seite die Patientenansprüche immer weiter hochsetzen (keine Wartezeit, keine Behandlungsfehler etc.) und auf der anderen Seite sagen, dass das System aber auf gar keinen Fall teurer werden darf.

Da werden sich auch die Patienten mal fragen müssen, ob sie bereit sind, dass ihre Prämien noch weiter nach oben schießen.

Alles undurchdachte Augenwischerei.

Account gelöscht!

17.01.2012, 14:47 Uhr

Was hat sich geändert? Schon heute ist die Beweislastumkehr bei grober Fahrlässigkeit Gerichtsstandard. Aber kommen Sie mal zu einem solchen Richterspruch, dass der Fehler grob fahrlässig ist. Ich selbst habe einen solchen Prozess durchgeführt. Die erstinstanzliche Entscheidung beim Landgericht war sehr kurios, so kurios, dass die Rechtsschutzversicherung, die normalerweise nur erstinstanlich erstattet, die zweite Instanz beim Oberlandesgericht auch bezahlte. Die Richterin beim Landgericht machte den Fakt ob der Behandlungsfehler grob oder nicht grob sei daran fest, ob der Sachverständige mit diesem Fall konfrontiert die beschuldigten Ärzte fristlos entlassen würde oder nicht. Der Sachverständige antwortete er würde nie jemand entlassen. Wo wir denn da hinkämen, wenn Ärzte bei jedem Fehler gefeuert würden. Darauf hin entschied die Richterin der Fehler sei kein grober Fehler und ich wurde entlassen. Das zweitinstanzliche Urteil korrigierte diese kuriose Ansicht der Richterin beim Landgericht.
So kann's gehen. Wie sich später herausstellte war die Richterin mit Personen am betroffenen Krankenhaus bekannt.

Account gelöscht!

17.01.2012, 17:25 Uhr

Jeder Handwerker kann für seine Arbeit zur Verantwortung gezogen werden. Dies sollte auch für Ärzte gelten. -
Die Schadensersatzhöhe ist im Falle eines Falles angemessen (und nicht in total illusorischen US-Höhen) zu bemessen. Auch darüber müssen die Gerichte wachen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×