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05.09.2014

06:25 Uhr

Girokonten

Die große Dispo-Show

VonJens Hagen

Der Leitzins liegt jetzt bei 0,05 Prozent – für den Dispo verlangen Banken aber immer noch bis zu 13. Jetzt warnen sie ihre Kunden, wenn sie ihr Konto überziehen. Die Politik jubelt – den Kunden bringt das aber wenig.

Vorhang auf! Eine deutliche Absenkung der Dispozinsen würde vielen Kunden mehr nützen als die Beratungsangebote der Banken. Getty Images

Vorhang auf! Eine deutliche Absenkung der Dispozinsen würde vielen Kunden mehr nützen als die Beratungsangebote der Banken.

Wenn Banken es ihren Kritikern mal Recht machen möchten, kann das zu kuriosen Situationen führen. So warnte die Commerzbank einen erfolgreichen Finanzvermittler aus Frankfurt, dass sein Konto einen „negativen Kontostand“ aufweist. „Dafür bezahlen Sie Zinsen“, klärten die Commerzbanker den Finanzprofi via Kontoauszug auf. Falls er den „Saldo länger in Anspruch zu nehmen“ gedenke, sollte sich der Kunde „über mögliche Alternativen beraten“ lassen.

Der Kunde wunderte sich über das Angebot. Er war um 527 Euro ins Minus gerutscht und das bei einem Dispo-Rahmen von 40.000 Euro. „Ein paar Tage später habe ich den kleinen Fehlbetrag aus der Portokasse wieder ausgeglichen“, erklärt der Kunde, der lieber anonym bleiben möchte. „Das Beratungsangebot der Commerzbank ist für uns völlig unpassend“, sagt der Vermittler, der täglich mit Bausparverträgen, Hypotheken und Ratenkrediten zu tun hat. „Paradox: Bei der niedrigen Summe bietet die Commerzbank weder Raten- noch Rahmenkredite an und die prompte Tilgung per Zahlungseingang kommt mich ohnehin günstiger“.

Ein Sprecher der Commerzbank erklärt, sein Institut möchte Kunden, „sensibilisieren und mögliche Alternativen aufzuzeigen“. Ein Ratenkredit sei eine mögliche Alternative zum Dispo wie auch Umbuchungen von anderen Konten oder Anlageprodukten. Die Bank möchte ihren Kunden Disziplin beibringen. „Weiterhin spielt die Planung regelmäßig anstehender Ausgaben oder die bewusste Kostenkontrolle bei spontanen Ausgaben eine wichtige Rolle“, erklärt der Commerzbank-Sprecher.

Die Commerzbank ist nicht das einzige Institut, das seine Kunden aktuell vor den eigenen Dispokrediten warnt. Der Vorstoß soll im Sinne der Kunden sein. Denn Dispokredite erscheinen in Zeiten des historischen Zinstiefs beinahe aberwitzig teuer. Die Commerzbank verlangt im Neugeschäft etwa einen Satz von 11,4 Prozent, die teuersten Institute bis zu 13 Prozent. Mit dem Girokonten-Vergleich auf Handelsblatt Online können Interessenten die günstigsten Dispo-Offerten individuell ermitteln.

Auch die ING-Diba verschickt jetzt „Dispo-Warnbriefe“. Den Kunden sollen günstigere Kreditalternativen angeboten werden. „Wir würden uns freuen, wenn andere Kreditinstitute unserem Beispiel folgen, denn das verbessert das Vertrauen der Menschen in die Bankenbranche“, sagt Roland Boekhout, Vorstandsvorsitzender der ING-Diba. Die Direktbank senkte zusätzlich den Zinssatz beim Dispo um 0,1 Prozentpunkte auf 7,85 Prozent, die auch bei geduldeter Überziehung des Disporahmens anfallen.

Wo die schlechtesten Schuldner Deutschlands leben

Platz 1

Die Schufa möchte mit dem Privatverschuldungsindex (PVI) die Gefahr einer Überschuldung darstellen. Je niedriger der Index desto besser. Basis für den Index sind verschiedene kreditrelevante Informationen, darunter etwa trotz Mahnung nicht gezahlte Rechnungen, Verbraucherinsolvenzen etc. Laut Schufa-Auswertung wohnen die schlechtesten Schuldner in Pirmasens.
Pirmasens, kreisfreie Stadt
PVI 2012: 2109 Punkte
PVI 2013: 2017 Punkte
PVI 2014: 1954 Punkte
Änderung 2013/14: - 3,12 Prozent

Platz 2

Wilhelmshaven, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1815 Punkte
PVI 2013: 1810 Punkte
PVI 2014: 1786 Punkte

Änderung 2013/14: - 1,33 Prozent

Platz 3

Bremerhaven, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1806 Punkte
PVI 2013: 1796 Punkte
PVI 2014: 1787 Punkte

Änderung 2013/14: - 0,50 Prozent

Platz 4

Mönchengladbach, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1774 Punkte
PVI 2013: 1747 Punkte
PVI 2014: 1738 Punkte

Änderung 2013/14: - 0,52 Prozent

Platz 5

Duisburg, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1715 Punkte
PVI 2013: 1719 Punkte
PVI 2014: 1716 Punkte

Änderung 2013/14: - 0,17 Prozent

Platz 6

Gelsenkirchen, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1715 Punkte
PVI 2013: 1709 Punkte
PVI 2014: 1717 Punkte

Änderung 2013/14: + 0,47 Prozent

Platz 7

Neumünster, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1708 Punkte
PVI 2013: 1692 Punkte
PVI 2014: 1658 Punkte

Änderung 2013/14: - 2,01 Prozent

Platz 8

Delmenhorst, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1676 Punkte
PVI 2013: 1665 Punkte
PVI 2014: 1650 Punkte

Änderung 2013/14: - 0,90 Prozent

Platz 9

Herne, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1630 Punkte
PVI 2013: 1637 Punkte
PVI 2014: 1657 Punkte

Änderung 2013/14: + 1,22 Prozent

Platz 10

Offenbach am Main, kreisfreie Stadt

PVI 2012: 1616 Punkte
PVI 2013: 1592 Punkte
PVI 2014: 1596 Punkte

Änderung 2013/14: - 0,25 Prozent

Politiker und Banker sind voll des Lobes. „Es ist eine gute Entwicklung für Verbraucherinnen und Verbraucher, wenn Banken ihren Kunden bei der Inanspruchnahme des Dispos einen Hinweis geben“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas. „Ich hoffe, dass die Branche hier nachzieht.“ Maas hatte erst vor kurzem gefordert, Banken müssten ihren Kunden ein Beratungsgespräch anbieten, wenn diese über längere Zeit teure Dispokredite nutzen.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

04.09.2014, 17:40 Uhr

diese "Nummer" ist genauso unwichtig und überflüssig wie das seinerzeit neu gestaltete Logo des Arbeitsamtes oder der deutschen Bahn AG.

Wenn man den "Schuldnern" schon helfen "will" ( ein Witzwort in diesem Zusammenhang ); macht doch einfach die Zinsen im Allgemeinen günstiger; und damit meine ich nicht nur 0,5%.
Oder...mein Gott...die kalte Progression abschaffen; da bleibt wenigstens was in der Lohntüte und kann zum "Schuldentilgen" genutzt werden.

Im Gesamtpaket betrachtet kann man aber auch nicht wirklich erwarten das Banken auf das Dispokredit-Zinsgeschäft verzichten wollen. Ich glaube die Targobank ( ex-CityBank )lebt doch allein davon, wenn man sich das Geschäftsmodell mal anschaut; aber gut...im Optionsscheingeschäft waren die kaum zu toppen ^.


Herr Ralph Fischer

05.09.2014, 07:28 Uhr

Es würde völlig reichen, wenn man Zinsen mit mehr als 10% über dem Zinsatz der EZB als Sittenwidrig verbietet.

Herr André Hink

05.09.2014, 08:28 Uhr

Die Dispozinsen sind längst an einen Referenzzins gekoppelt, überwiegend ist das der EURIBOR-3-Monatsgeld (OLG Düsseldorf Urteil vom 05.04.2012 AZ.: I-6U 7/11). Nur mit der Zinsanpassung wurde es nicht so genau genommen, beziehungsweise von einem Ermessen auf Bankenseite ausgegangen, welches es nicht geben darf(OLG Düsseldorf Urteil vom 05.05.2014 AZ.: I-9 U 64/13).

Dies wird bei all der Medialenpräsenz zum Thema der hohen Dispozinsen in den letzten Jahren nicht erwähnt!

Überhöht abgerechnete Zinsen können zurückgefordert werden.

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