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14.09.2012

11:48 Uhr

GKV gegen PKV

Das nächste Duell in der Krankenversicherung

VonThomas Schmitt

Krankenkassen attackieren, Versicherer kontern. In der jüngsten Runde des Systemstreits zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung heißt es nun: Frau möchte Mann unter die Fuchtel zwingen.

Zwei Teilnehmer trainieren in der israelischen Selbstverteidigungssportart Krav Maga in Kornwestheim. Dieser Sport vereint Abwehr und Vermeidung von Gefahren. dpa

Zwei Teilnehmer trainieren in der israelischen Selbstverteidigungssportart Krav Maga in Kornwestheim. Dieser Sport vereint Abwehr und Vermeidung von Gefahren.

Düsseldorf.Die oberste Lobbyistin der Krankenkassen ringt mit dem Vorsitzenden des größten Krankenversicherers um die Meinungshoheit. Es geht um die Zukunft der Krankenversicherung – und um die Gunst der Politik. Die Streitfrage: Sollten neun Millionen Kunden der Privaten Krankenversicherung in die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) eingegliedert werden?

Doris Pfeiffer, die Chefin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, ist dafür. Denn sie hält die private Krankenversicherung dauerhaft nicht für überlebensfähig. "Aus meiner Sicht wird sich das System PKV auf Dauer nicht tragen", sagte Pfeiffer in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Vermutlich bedürfte es daher gar keiner politischen Entscheidung, für oder gegen die PKV.

Warum die PKV scheitern könnte

Politische Mehrheit

Private und gesetzliche Krankenversicherung konkurrieren vor allem um Selbstständige und besser verdienende Kunden. Die Privaten haben die Nase vorn, obwohl ihre Beiträge langfristig stärker steigen. Doch die Gesetzlichen repräsentieren mit mehr als 70 Millionen Versicherten nach wie vor die große Masse – entsprechend ist ihr politisches Gewicht. Demgegenüber sind nur neun Millionen Menschen vollständig privat versichert.

Kampagne

Die Krankenkassen werben ganz offen um die Abschaffung der Konkurrenz. Ein Beispiel war Jürgen Graalmann, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Sein Credo in einem Welt-Interview: „Die private Krankenversicherung kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich halte das Geschäftsmodell der PKV in der Vollversicherung für gescheitert.“ Graalmann nennt dafür vier Gründe.

Beiträge

Die Beiträge in der PKV steigen immer weiter, monieren die Kritiker. In die Schlagzeilen geriet die PKV auch, weil manche Kunden unter extremen Erhöhungen leiden mussten. Zum Teil war die Ursache dafür eine verfehlte Geschäftspolitik der Versicherer und falsche Versprechen von Beratern.

Kosten

Die Krankenkassen sehen die private Konkurrenz vor einem „immensen Kostenproblem“. Ursache ist: Die PKV-Unternehmen können die Kosten von Arzneimitteln nicht so gut drücken wie die Krankenkassen. Zudem rechnen Ärzte oft für Privatpatienten mehr ab als für Kassenpatienten. Zudem war der Druck, die Kosten im Griff zu halten, bisher geringer als bei den Krankenkassen.

Unzufriedenheit

Aus Umfragen schließen die Krankenkassen: Jeder dritte Privatpatient würde gerne zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Vor allem ältere PKV-Kunden haben das Problem, dass sie im Rentenalter wahrscheinlich deutlich mehr als in der GKV zahlen.

Bürgerversicherung

SPD und Grüne haben mit einer Einheitsversicherung ein scheinbar attraktives Gegenmodell zur bisherigen Zweiteilung im Gesundheitswesen entworfen. AOK-Manager Graalmann kann damit gut leben, er sähe private und gesetzliche Anbieter dann als gleichberechtigte Wettbewerber.

Debeka-Chef Uwe Laue hält derlei für unsinnig, denn die Privaten ständen besser da. „Es wird Zeit, dass mit gängigen Vorurteilen und Klischees aufgeräumt wird“, erklärte er. „Die PKV ist mit ihrem Aufbau an Reserven für das Alter deutlich besser auf die demografische Entwicklung vorbereitet als die GKV, die dafür keine Reserven hat. Auch vor diesem Hintergrund ist die PKV mehr denn je ein unverzichtbarer Bestandteil des deutschen Gesundheitssystems.“

Beide setzen damit den Systemstreit fort, der bereits seit Monaten zwischen GKV und PKV tobt. Linke Politiker und Krankenkassen sind die Speerspitze der Kampagne gegen die PKV. Selbst in CDU und FDP mehren sich jedoch inzwischen die Kritiker. Im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl zieht sich damit die Schlinge zu: Die PKV kämpft immer verzweifelter ums Überleben. Denn die Anti-PKV-Front will nicht nur an die Rücklagen der Privaten, viele würden die PKV in ihrer heutigen Form am liebsten abschaffen und durch eine Bürgerversicherung für alle ersetzen. 

GKV gegen PKV: Was die Kämpfer fordern

Debatte

Politiker, Manager und Ökonomen diskutieren seit Monaten über die Zukunft der Krankenversicherung in Deutschland. Einige Auszüge.

PKV-Direktor Leienbach

Volker Leienbach, PKV-Verband:
„Deutschland hat dank seines Zwei-Säulen-Systems aus Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung eine auch im internationalen Vergleich hervorragende Gesundheitsversorgung mit kurzen Wartezeiten, freier Arztwahl und medizinischem Fortschritt für alle.“

Die Linken

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg sagte dem Handelsblatt: „Die Zahlen der Bundesregierung belegen, dass die PKV ihre besten Zeiten hinter sich hat.“ Beiträge und Ausgaben stiegen rasant und deutlich stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Zinsentwicklung bei den Alterungsrückstellungen zeige, dass die PKV nicht demographiefest sei. 

FDP

FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann fordert "grundlegende Veränderungen" von der Branche. „Ich bezweifle, ob die Vollversicherung in der heutigen Gestalt in der Zukunft noch so bestehen bleiben kann“, sagte er dem „Stern“.

Gesundheitsökonom

Können die Versicherer überhaupt noch 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften?
Professor Jürgen Wasem:
„Im Moment gelingt das noch, weil die Alterungsrückstellungen langfristig angelegt sind. Doch auf Dauer ist das zu bezweifeln, vor allem wenn die Kapitalmarktzinsen so niedrig bleiben wie derzeit. In der Lebensversicherung wurde daher der Garantiezins ja bereits auf 1,75 Prozent gesenkt.“

AOK

Jürgen Graalmann, Verbandschef der Krankenkassengruppe AOK:
„Ich halte das Geschäftsmodell der PKV im Bereich der Vollversicherung für gescheitert.“

Barmer GEK

Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der größten Krankenkasse Barmer GEK:
„Ich bin nicht dafür, die PKV abzuschaffen, sondern für einen fairen Wettbewerb beider Systeme. Allerdings müssen die privaten Krankenversicherer eine Reihe von Problemen angehen."

Debeka

Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende des mit 2,2 Millionen Vollversicherten größten privaten Krankenversicherers:
"Die PKV ist die bessere Alternative im Gesundheitswesen.“ Laue beklagt eine „Anti-PKV-Propaganda, bei der Einzelfälle ohne Hintergründe und Beweise skandalisiert werden, um ein funktionierendes System Schritt für Schritt kaputt zu reden“.

Signal Iduna

Die Krankenkassen halten das Geschäftsmodell der PKV für gescheitert. Hat ihr letztes Stündchen bald geschlagen? 

Reinhold Schulte, Chef des PKV-Verbandes und des Versicherers Signal Iduna:
„Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung. Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch. Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös.“

 

Die Krankenkassen verweisen zur Begründung ihrer Haltung immer wieder auf die steigenden Beiträge. Das Problem sei das Geschäftsmodell der PKV: "Wenn man jungen Versicherten niedrige Prämien mit einem scheinbar unbegrenzten Leistungsangebot offeriert, kann das auf Dauer nicht funktionieren", sagte Pfeiffer. Dies mache sich im Zusammenhang mit dem medizinischen Fortschritt, mit Kostensteigerungen und der demografischen Entwicklung zunehmend bemerkbar.

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Kommentare (26)

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andi

14.09.2012, 12:01 Uhr

juhu mehr Staat als Privat !

tomek

14.09.2012, 12:10 Uhr

Ich bin privat versichert und das ist auch gut so.

Schön wie die Freggel von der GKV sich ihre Welt schönreden:

"GKV: alle 32 Jahre, Steigerungsrate 2,2 Prozent pro Jahr
PKV: alle 17 Jahre, Steigerungsrate 4,1 Prozent pro Jahr
Zum Vergleich das BIP: alle 29 Jahre, bei einer Steigerungsrate von 2,4 Prozent
Quelle: Prognose in der AOK-Faktensammlung"

Und was war eben noch eine Seite eher zu lesen? - Richtig:

"Schnitt über 40 Jahre: 5,72 Prozent"

hermann.12

14.09.2012, 12:14 Uhr

De Streit ist mehr von Eigeninteressen der jeweiligen Kassen getragen, als von sinnvollen Überlegungen.
In der Tat gibt es in der PKV Probleme, die aber zum Teil staatlich geschaffen wurden.
Im Falle der Auflösung der PKV würde ich als Privatversicherter allerdings darauf bestehen, das meine Altersrückstllngen in Form einer Lebensversicherung auf mich übertragen würden, meinetwegen zweckgebunden als Altersrente auszahlbar.
Ich gaube mit solch einer Regelung löst sich das politische Interesse an einer Abschaffung der PKV ganz schnell auf.
Auch deshalb wurde politisch nicht verlangt, dass Altersrückstellungen übertragbar sind, damit wäre der Zugriff darauf unmöglich gworden.
Ohne diese kalte Enteignung wäre aber eine Überführung ins gesetzliche System eher teurer für die GKV.
Ich persönlich wünsche mir daher eher eine Gesetzesnovelle, die es mir als Kunden erlaubt meine Alterrückstellungen auf andere Versicherer zu übertragen.
Das würde den Markt in der PKV ganz schnell bereinigen.
Daran ist wder die Politik, noch die GKV interessiert, aber ebensowenig die PKV. Womit nur noch der "verar..." Kunde bleibt.
Gegenüber einer Bürgerversicherung bin ich sehr skeptisch, weil solche Monopolbetriebe nie wirtschaftlich arbeiten und somit letztlich immer zu überteueren Leistungen führen.
Am Anfang mag so eine Versicherung noch günstig sein, das ist aber wegen des Eigenlebens einer solchen Organisation ohne Konkurrenz auf Dauer völlig unmöglich. Profitieren würden einige politische Hofschranzen, die aufgrund der Größe der "Behörde" sehr gut dotierte Vorstandsgehälter und entsprechende politische Macht erhielten.
Was meistens der einzige bleibende Effekt von Zentralisierungen bleibt.
Möglihweise spkulierend a einige linke Politiker darauf, weil sie ja nach Verlust von Mandaten meist "untergebracht" werden müssen.
Eine solche Organsation bietet dafür viele warme Plätze.

H.

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