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25.03.2013

15:13 Uhr

Illegale Geschäfte

Skandalvertreter Göker wird wieder aktiv

VonJens Hagen

Skandalvertreter Mehmet Göker macht wieder von sich reden. Hat er aus dem Exil weiter Policen nach Deutschland verkauft? Wer waren seine Helfer? Jetzt ließen Staatsanwälte Büros von Versicherungsvertrieben durchsuchen.

Mehmet Göker: Machte er aus dem Exil in der Türkei weiter Geschäfte?

Mehmet Göker: Machte er aus dem Exil in der Türkei weiter Geschäfte?

DüsseldorfVergangenen Dienstag, kurz nach 16, Uhr erreichte die Redaktion von Handelsblatt Online ein geheimnisvoller Anruf. „Razzia“, erklärte der sichtlich aufgebrachte Informant aus der Vertriebsbranche, „die Staatsanwälte haben mein Büro durchsucht – und die Geschäftsstellen anderer namhafter Versicherer und Vertriebe“. Entsprechende Schreiben der Justiz hätte der gestresste Vertreter anzubieten, gegen ein üppiges Informationshonorar. Die Redaktion lehnte ab, das Handelsblatt zahlt grundsätzlich nicht für Tipps aus zweifelhafter Quelle.

Wer sich auf die Spur von Mehmet Göker begibt, muss mit solchen Anrufen rechnen. Göker beschäftigte einst rund 1.400 Mitarbeiter, machte mehr als 60 Millionen Euro Umsatz mit dem Vertrieb von Versicherungen. Vor allem private Krankenpolicen brachte der Mann mit ausgeprägten Sinn für Protz unters Volk. Ein Film über sein Leben – Göker erinnert in Gestus und Habitus eher an einen amerikanischen Gangster-Rapper als an einen sonoren Finanzberater – machten den Rolls-Royce-Fahrer zu einer Kultfigur, nicht nur unter Versicherern, jedoch zu einer zweifelhaften.

Mehmet Göker über private Krankenversicherer

Nach der Pleite

In einem Interview sprach Mehmet Göker im Juli 2011 auch über die Versicherer. Die Perspektive nach der Pleite der MEG.

Quelle: Interview mit Klaus Stern, Juli 2011, Türkei, im Bayern-Trikot

Göker lieferte

„Die Versicherer haben immer bekommen, was sie wollten.“

Angst der anderen

„Mir hat mal ein hochrangiger Mitarbeiter einer großen deutschen Krankenversicherung gesagt, dass viele Versicherungsvorstände und Mitarbeiter Angst haben, wenn wirklich rauskommt, wie das alles abgelaufen ist."

Seine Schuld

"Ich habe Schuld, ganz klar, aber es wurde auch vieles - fahrlässig ist vielleicht das falsche Wort, aber..."

Eine Million auf Abruf

„Wissen sie, es gab eine Situation. Da hat die MEG eine Million Euro gebraucht. Bar. Dann gab es von mir einen Anruf bei einem Versicherer, am Telefon. Ich sage Hallo Herr Soundso, ich brauche eine Million Euro bis morgen. Da war ich 29, 30. Da sagt: Ja, ja, okay, ich melde mich in einer Stunde. Ich sage: Gut. Anderthalb Stunden später rufe ich an, nein, eine Stunde später rufe ich an, weil kein Rückruf kam. Ich sage: Was ist denn mit der Million? Sagt er: Was denn? Ist doch vor 50 Minuten raus.“

Ein riesiges Rad

„Können Sie sich jetzt vorstellen, welches Rad da gedreht wurde? Wie viele Menschen kennen Sie, die Sie mal anrufen und sagen: Ich brauche eine! (zeigt den Daumen) Dann rufen Sie eine Stunde später und sagen: Sie wollten mir doch antworten. Er sagt: Machen Sie doch ruhig, Herr Göker, das Geld ist vor 50 Minuten raus. Zwei Stunden später war es auf dem Konto. Eine!“ (zeigt den Daumen)

Keine Unterschrift

„Jetzt hat man vielleicht mal annähernd eine Größenordnung, was damals ablief. Auf Zuruf habe ich von Versicherern Millionen bekommen. Keine Unterschrift. Und einige haben davor natürlich Angst. Ja, ist nicht schön?“

 

Die Staatsanwaltschaft Kassel jagt den Mann wegen Untreue und Insolvenzverschleppung. Göker war in die Türkei untergetaucht, nach Angaben ihm nahestehender Personen lebte er auch eine Zeit lang in den USA. Die Staatsanwaltschaft macht jetzt ernst, laut eines Berichts des „Spiegel“ durchsuchten 34 Beamte vergangene Woche die Büros von Versicherungsvermittlern und Maklergruppen in sechs Bundesländern.

Die Vertreter stehen unter Verdacht, mit Göker kooperiert und von ihm vermittelte private Krankenversicherungen eingereicht zu haben. Die Adressen sollen laut „Spiegel“ von Gökers insolventer MEG stammen, Göker hätte die Daten nach der Pleite nicht verwenden dürfen. Ein ehemaliger Partner sitze laut Staatsanwaltschaft Kassel bereits in Untersuchungshaft.

Göker hatte sich mit dem Verkauf von privaten Krankenversicherungen verhoben und mehr als 20 Millionen Euro Schulden angehäuft. Seinen Zufluchtsort Kusadasi in der Türkei soll er allerdings nicht nur als Ruhesitzgenutzt haben. Nach „Spiegel“-Informationen wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, illegal weiterhin in Deutschland Policen vertrieben zu haben. Gökers Anwalt erklärte, diesem Vorwurf bereits „entgegengetreten zu sein“. Die „Auswüchse dieses Ermittlungsverfahrens“ könne er nicht nachvollziehen.

Göker selbst zeigte sich bereits in einem früheren Interview ungnädig gegenüber den Anklagevertretern. „Meiner Meinung nach geht es dabei nur um die Karrieregeilheit von Staatsanwalt Eckhard Töppel. Er ermittelt seit 2006 gegen mich, kann immer noch keine Erfolge dabei vorweisen. Jetzt hat er sich Vincent geschnappt, um seine Karriere zu retten.“ Oberstaatsanwalt und Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel waren für eine Stellungnahme tagelang nicht erreichbar, Allianz und Arag bestreiten, dass es in ihren Außenstellen zu Durchsuchungen kam.

Versicherungsvertreter: Das Katz- und Mausspiel des Mehmet Göker

Versicherungsvertreter

Das Katz- und Mausspiel des Mehmet Göker

Seit drei Jahren lebt, feiert und arbeitet der Powerverkäufer Mehmet Göker in der Türkei. Aus dem Exil heraus hält er die privaten Krankenversicherer und ihre Vertriebe weiter in Atem – genauso wie den Staatsanwalt.

Kommentare (9)

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WKElsdorf

25.03.2013, 19:00 Uhr

Typen, wie Göker arbeiten systemrelevant auf Strukturbasis mit unverschämt hohen Provisionen. Solange ein solches System politisch von der FDP geschützt und von der CDU mit schlechtem Gewissen akzeptiert wird,können solche Leute von überall tätig werden. Sie sind der Fluch des ehrlichen Maklers und der fleissigen Agenturen vor Ort. Solange diese Marschmeierei von allen Versicherungsgesellschaften zur permanenten Umdeckung von Lebens- und Krankenversicherungen außerordentlich belohnt wird, ist gegen Göker und seine Entourage nichts zu machen.
WKElsdorf

weinreich

25.03.2013, 23:46 Uhr

Man könnte fast annehmen, das Handelsblatt und/oder die Journalisten Hagen/Schmidt haben eine besondere Beziehung zu Herrn Göker so oft wird in deser Zeitung über diesen Herrn und seine Vergangenheit bzw. Gegenwart redundant berichtet. Entweder haben einige Personen beim Handelsblatt, oder/und die Journalisten Geld durch Herrn Göker verloren oder den - sich immer wiederholenden - Journalisten geht immer einer ab wenn sie über Göker schreiben dürfen. Bitte geben Sie doch mal neue Informationen, die nicht schon in vorherigen Artikeln über Herrn Göker ausführlich dargestellt haben. Diese Räuberpistole ist abgelutscht. Finden Sie mal heraus, welche Versicherung noch Geschäfte "inndirekt" mit der "neuen Göker Group" macht. Das ist m.E. informativer Journalismus und nicht die Redundanzen der letzten Artikel.

goldeneye

26.03.2013, 07:45 Uhr

Es ist schlimm, dass solchen Typen nicht das Handwerk gelegt wird. Na ja, das bestätigt halt immer mehr, dass die deutsche Justiz absolut INKOMPETENT ist. Habe selbst etwas in dieser Richtung erlebt! Da ging es aber "nur um knapp 1 Mio", aber die Staatsanwaltschaft lief den Typ laufen und der treibt jetzt weiterhin sein Unwesen, wieder mal undter einem falschen Namen, wie das so oft passierte. Aber auch das Füh ren eines falschen Namens + Titels ist hierzulande anscheinend von der Justiz anerkannt!!!!!!

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