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29.09.2014

15:39 Uhr

Im Niedrigzinsumfeld

Versicherer kämpfen gegen den Anlagenotstand

VonSara Zinnecker

Je länger die Zinsen extrem niedrig bleiben, umso mehr steigt der Druck auf Deutschlands Versicherer, Rendite für ihre Kunden zu erwirtschaften. Erste Unternehmen stellen ihr Anlageverhalten offenbar schon um.

Immer im Einsatz für die Rendite der Kunden: Die Lebensversicherer. Getty Images

Immer im Einsatz für die Rendite der Kunden: Die Lebensversicherer.

Die nackten Zahlen für sich betrachtet, lassen bei Deutschlands Versicherern wenig Aktionismus vermuten: Seit Jahren legen sie das garantierte Vermögen ihrer Kunden ungefähr zu gleichen Teilen in die gleichen Anlageklassen an, nämlich in Rentenpapiere, inklusive Hypotheken und Darlehen (88 Prozent im Jahr 2013), in Aktien (3,4 Prozent), Beteiligungen an Unternehmen (3,4 Prozent), Immobilien (1,6 Prozent) und sonstige Anlagen (1,6 Prozent).

Seit Jahren bemängeln Kritiker, die Unternehmen seien nach der Dotcom-Blase zu vorsichtig geworden, würden ihre Aktienquoten nicht ausschöpfen und wertvolle Rendite verschenken. In Zeiten niedriger Kapitalmarktzinsen wiegt die Kritik umso schwerer.

JP Morgan Asset Management sieht vor dem Hintergrund des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes einen „enormen Druck“ auf den Versicherern lasten, für Anleger und Versicherungsnehmer angemessene Renditen auf das investierte Kapital zu erzielen. In der Tat müssen etwa Lebensversicherer Garantiezinsen von drei Prozent und mehr für Altverträge erwirtschaften, mit sicheren festverzinslichen Anlagen wie deutschen Staatsanleihen ist dies jedoch nicht zu erzielen.

Noch prekärer sieht es laut JP Morgan für Schadenversicherer aus: Um etwa Schäden im selben Ausmaß wie bislang regulieren zu können, müssten die Unternehmen demnach eine Kapitalrendite von 12 Prozent erreichen.

Im Grunde also haben die Unternehmen gar keine andere Wahl als ihr Anlageverhalten umzustellen: Sie müssen andere, rentablere Investments in Betracht ziehen und Anlageschwerpunkte verschieben. Auch wenn die jüngsten Zahlen den Kurswechsel noch nicht eindeutig belegen können – immer mehr Branchenkenner und teils die Versicherer selbst berichten über eine Veränderung im Anlageverhalten.

Kennzahlen der Versicherungswirtschaft

Infobox

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat im Statistischen Taschenbuch der Versicherungswirtschaft 2014 die neuesten Kennzahlen der deutschen Versicherer veröffentlicht. Nachfolgenden finden Sie die wichtigsten Entwicklungen von 1980 bis heute.

Anzahl der Versicherungsunternehmen

Lebensversicherungsunternehmen
1980: 108
2000: 119
2013: 90

Krankenversicherungsunternehmen
1980: 51
2000: 55
2013: 48

Schadens-/Unfallversicherungsunternehmen
1980: 344
2000: 254
2013: 210

Rückversicherungsunternehmen
1980: 33
2000: 41
2013: 29

Beiträge der Lebensversicherungen

1980: 13,2 Milliarden Euro
2000: 61,2 Milliarden Euro
2013: 90,8 Milliarden Euro

Beiträge der Unfallversicherungen

1980: 17,9 Milliarden Euro
2000: 49,4 Milliarden Euro
2013: 60,6 Milliarden Euro

Beiträge der Krankenversicherungen

1980: 4,8 Milliarden Euro
2000: 20,7 Milliarden Euro
2013: 35,8 Milliarden Euro

Beiträge der Rückversicherer

1980: 7,1 Milliarden Euro
2000: 28,8 Milliarden Euro
2012: 43,9 Milliarden Euro
2013: k.A.

Leistungen der Erstversicherer

Lebensversicherer
1980: 15,2 Milliarden Euro
2000: 88,1 Milliarden Euro
2013: 116,2 Milliarden Euro

Krankenversicherer
1980: 4,6 Milliarden Euro
2000: 24,1 Milliarden Euro
2012: 40,7 Milliarden Euro
2013: k.A.

Schadens-/Unfallversicherer
1980: 14,3 Milliarden Euro
2000: 40,4 Milliarden Euro
2013: 49,6 Milliarden Euro

Anteil der Erstversicherungsbeiträge

Lebensversicherung

1980: 36,7 Prozent
2000: 46,6, Prozent
2013: 48,5 Prozent

Krankenversicherung

1980: 13,4 Prozent
2000: 15,8 Prozent
2013: 19,1 Prozent

Schadens-/Unfallversicherung
1980: 49,9 Prozent
2000: 37,6 Prozent
2013: 32,3 Prozent

Kapitalanlagenbestand der Erst- und Rückversicherer

1980: 126,2 Milliarden Euro
2000: 802,7 Milliarden Euro
2013: 1393 Milliarden Euro

Bestand an Versicherungsverträgen

Lebensversicherungen
1980: 65,8 Millionen
2000: 87,6 Millionen
2005: 96,9 Millionen
2013: 91,8 Millionen

PKV
1980: 24,1 Millionen
2000: 47,8 Millionen
2012: 68,1 Millionen

Schadens-/Unfallversicherungen
1980: 157,8 Millionen
2000: 262,1 Millionen
2013: 299,7 Millionen

„Einige Versicherungsunternehmen haben ihr Anlageverhalten bereits geändert“, schreibt JP Morgan. Man habe die Suche nach rentablen Investments auf „sämtliche Anlageklassen und Regionen ausgeweitet“. Auch die Finanzaufsicht Bafin reagierte im Sommer auf zahlreiche Anfragen von Versicherern – und erlaubte ihnen, künftig mehr als die an sich vorgesehenen fünf Prozent des garantierten Kundenvermögens, des sogenannten Sicherungsvermögens, in riskantere Hochzinsanleihen zu investieren.

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