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23.01.2009

14:07 Uhr

Immer weniger Neukunden

Lebensversicherungen als Ladenhüter

VonThomas Schmitt

Die Finanzkrise trifft die Lebensversicherer stärker als erwartet. Die wichtigste Sparte der Versicherungswirtschaft mit Beitragseinnahmen von 80 Mrd. Euro im Jahr kommt von drei Seiten unter Druck. Die Folge für Kunden: Ab 2010 könnte die laufende Verzinsung ihrer Verträge weiter sinken.

Potenzielle Kunden von Lebensversicherungen spüren die Krise und schieben derzeit langfristige Ausgabenverpflichtungen vor sich her. Foto: Archiv

Potenzielle Kunden von Lebensversicherungen spüren die Krise und schieben derzeit langfristige Ausgabenverpflichtungen vor sich her. Foto: Archiv

FRANKFURT. Die Finanzkrise trifft die Lebensversicherer gleich dreifach: Die Kunden schieben langfristige Altersvorsorge-Verträge vor sich her. Der Zinsrückgang am Kapitalmarkt erschwert lukrative Anlagen, und die mageren Reserven wirken wie ein Korsett. Für dieses Jahr ist die Überschussbeteiligung kein Thema mehr, weil sich alle festgelegt haben. Im Schnitt sind dies noch knapp 4,3 Prozent.

Insbesondere das vierte Quartal hat eingeschlagen, denn potenzielle Kunden spürten die Krise. Sie schieben nun langfristige Ausgabenverpflichtungen vor sich her, stellen Manager fest. Dazu zählt die Altersvorsorge, auch wenn diese für nötig und über eine Versicherung für sinnvoll gehalten wird. In der Branche wird daher inzwischen ein Einbruch des Neugeschäfts von zehn Prozent oder mehr für möglich gehalten. Auch wenn die Versicherer mit solchen Prognosen so früh im Jahr nicht in die Öffentlichkeit gehen, intern planen sie bereits damit. So fiel auf, dass in einer Umfrage des "Map-Report" nur der Raiffeisen-Versicherer R+V eine "akute Nachfrageschwäche" verneinte.

Die meisten Unternehmen sind damit wesentlich pessimistischer als noch im November. Da glaubte der Branchenverband GDV, dass die "Lebensversicherer unverändert im Neugeschäft weiter wachsen" - sowohl bei den laufenden Beiträgen als auch im Einmalgeschäft. Gleichwohl räumte die Verbandsspitze schon ein, dass die Lebensversicherung die gesamte Branche belaste. Der damalige GDV-Präsident Bernhard Schareck prognostizierte für 2009 einen Beitragsrückgang von 1,5 Prozent in der wichtigsten Teilsparte. Als Grund gab er aber nur ein Strukturproblem an: Es gibt immer mehr Policen, die regulär ablaufen. Das heißt: Die Lebensversicherer zahlen mehr Geld aus als sie auf der anderen Seite wieder einnehmen.

Die zweite große Gefahr für Lebensversicherer ist der anhaltende Zinsrückgang. Je dauerhafter die Renditen unter drei Prozent fallen, umso stärker kommt die Branche unter Druck, weil sie 80 Prozent ihres Kapital in festverzinslichen Werten anlegt.

Bei niedrigen Zinsen erwirtschaften Versicherer deutlich weniger, was die Gutschrift für Kunden drückt: "Die Zinsentwicklung schädigt den langfristigen Vorsorgesparer", sagt Branchenkritiker Manfred Poweleit. Außerdem erhöht sich die Gefahr, dass noch nicht einmal der Garantiezins erwirtschaftet wird. Im Schnitt liegt dieser Rechnungszins branchenweit bei 3,4 Prozent, wobei in Hochzinsjahren sogar Verträge mit vier Prozent Garantie verkauft wurden.

Die dritte Zeitbombe verbirgt sich in den Bilanzen der Lebensversicherer. Analysten schätzen, dass Ende 2008 die meisten europäischen Versicherer stille Lasten auf ihre Kapitalanlagen ausweisen mussten. Das verringert den Spielraum, Risiken einzugehen, also etwa neue Aktien zu kaufen. Auch deshalb urteilen die Analysten der WestLB: "Aktien als Anlageklasse sind zweitrangig geworden."

Umso wichtiger werden Unternehmensanleihen, die verstärkt gekauft wurden, aber nach dem Lehman-Kollaps über alle Ratingklassen hinweg deutlich an Wert verloren haben. "Unternehmensanleihen als nächste toxische Assetklasse?", so fragen die WestLB-Analysten bereits. In der Falle sitzen übrigens fast alle. Selbst Lebensversicherer, deren stille Reserven im Dezember durch den Zinsrückgang bei Staatsanleihen hochschossen, können sich nicht zurücklehnen. Sie müssen ja Verträge auszahlen. Doch womit? Viele Rentenpapiere sind unverkäuflich, weil der Sekundärmarkt momentan nicht läuft.

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