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06.05.2015

18:16 Uhr

Inflation

Zentralbanker zweifeln an Inflationszielen

Eine Teuerungsrate von gut zwei Prozent pro Jahr gilt für Währungshüter weltweit als ideal. Doch immer mehr Ökonomen fordern höhere Inflationsraten. Sich an die Ziele zu halten, fällt ihnen immer schwerer.

Unter den G7-Staaten schafft es gerade einmal die Kanadische Zentralbank, die Zinsen auf dem angestrebten Niveau zu halten. dpa

Europ�ische Zentralbank

Unter den G7-Staaten schafft es gerade einmal die Kanadische Zentralbank, die Zinsen auf dem angestrebten Niveau zu halten.

LondonZu den Aufgaben der Notenbanken gehört auch die Kontrolle der Inflation. Die Notenbanken bestimmen den Wert, um den sich die Währung ihres Landes verbilligen soll. Doch es ist unruhig geworden um diese Praxis der Währungshüter.

Der Grund: Die von ihnen einst gesetzten Inflationsziele werden derzeit von nahezu allen Notenbanken verfehlt. Das gilt für die Fed in den USA ebenso wie für die EZB in der Eurozone, für Großbritannien und für Japan - sie alle liegen teils sehr deutlich unter den eigenen Zielvorgaben für die angestrebte Teuerung. Unter den G7-Staaten schafft es derzeit mit Kanada gerade einmal eine Notenbank.

Als Reaktion ließe sich der Zielwert senken und so die Vorgaben leichter erreichen. Stattdessen werden angesichts der Lage jene Stimmen lauter, die im Gegenteil höhere Ziele über die international weitgehend üblichen zwei Prozent in Richtung von möglicherweise bis zu vier Prozent fordern.

Details zum EZB-Anleihekaufprogramm

Zusätzliche Staatsanleihen und Wertpapiere

Die EZB wird neben dem bereits begonnen Erwerb von gesicherten Bankanleihen (Covered Bonds) und Kreditverbriefungen (ABS) zusätzlich Staatsanleihen und Wertpapiere bestimmter internationaler Institutionen kaufen.

Schrittweise und auf breiter Basis

Die Käufe sollen „schrittweise und auf breiter Basis“ durchgeführt werden, um die Preisbildung auf den Finanzmärkten nicht zu stören.

Auch Papiere mit negativer Rendite

Grundsätzlich seien auch Käufe von Papieren mit negativer Rendite (also mit sehr hohem Kurswert) möglich. Allerdings nur, solange die Rendite der Papiere über dem Einlagensatz der Notenbank von derzeit minus 0,2 Prozent liegt.

Diese Papiere sollen gekauft werden

Die EZB will unter anderem Papiere der folgenden internationalen Institutionen kaufen: Schuldtitel der beiden Rettungsschirme EFSF und ESM, der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der Europäischen Union (EU).

Diese Anleihen sollen gekauft werden

Unter anderem will die EZB auch Anleihen der folgenden nationalen Förderbanken (Agencies) kaufen: Papiere der deutschen KfW, der Landeskreditbank Baden-Württemberg, der NRW-Bank, der französischen Anstalten CADES und UNEDIC sowie der spanischen Staatsbank ICO.

Vorkehrung gegen das Austrocknen

Die von der Notenbank erworbenen Schuldtitel sollen per Wertpapierleihe wieder in den Markt gegeben werden. Experten hatten dies erwartet. Sie sehen darin eine Vorkehrung gegen ein Austrocknen einzelner Anleihemärkte.

Bereits vor fünf Jahren wurden solche Ideen formuliert vom IWF-Ökonomen um Olivier Blanchard, und prompt gutgeheißen vom Nobelpreisträger Paul Krugman. Jetzt aber sind es die Zentralbanken und deren Umfeld selber, die offenbar die Zeit für eine Neubewertung der Inflationsziele kommen sehen.

Etwa der vormalige Fed-Gouverneur Ben Bernanke, der sich für ein Inflationsziel von mehr als zwei Prozent offen zeigte und es so ausdrückte: Es gebe „nichts magisches“ an dieser Zahl. Der Chef der Fed Bank of Boston, Eric Rosengren, sagte im gleichen Monat, es könne sein, „dass die Inflationsziele zu niedrig gesetzt wurden“. Sein Kollege aus San Francisco John Williams, stellte in der „New York Times fest“: Wenn Produktivität und Demographie auf eine Zukunft mit weniger Wachstum deuteten, so sei es legitim zu fragen, ob in einer solchen Welt ein zweiprozentigen Inflationsziel ausreichend hoch sei.

Den Hintergrund des Ansinnens erklärte Chefökonom Jeremy Lawson von Standard Life Investments so: Eine Anhebung würde die derzeitigen Inflationserwartungen anschieben, die so genannten Realzinsen damit senken und das wiederum würde dem Wirtschaftswachstum einen weiteren Schub geben. Mehr Inflation würde zudem die Schuldenlasten erleichtern und dem Arbeitsmarkt nützen. Derzeit seien Lohnkürzungen in konjunkturellen Abwärtsphasen kaum zu vollziehen, daher würden eher Stellen abgebaut. Eine höhere Inflation würde hingegen die Reallöhne reduzieren und den Unternehmen letztlich eine höhere Belegschaft sichern.

Weiterer Effekt laut Tony Yates, früher bei der Bank of England: Höhere Inflationsziele ließen mehr Spielraum für langfristige Leitzinsanhebungen, was mehr Raum schaffe für die Senkung derselben in Abwärtsphasen, bevor der Nullzins erreicht sei.

Als Grund für die Grenze von zwei Prozent wird gewöhnlich die Preisstabilität angegeben. Die Notenbanken argumentieren, dass durch eine Inflation von zwei Prozent Deflationsrisiken vermieden würden. Nach Angaben der EZB ist dies notwendig, da die Notenbanken bei der Deflation weniger Steuerungsmöglichkeiten haben. Sprich: Wenn der Zinssatz null erreicht, kann auch die EZB nicht mehr viel ausrichten. Höhere Zinsen sind für die Zentralbank hingegen einfacher festzulegen. Für die Verbraucher hingegen bedeutet Inflation eine Verteuerung der Preise, weil das Geld dadurch an Wert verliert.

Kommentare (1)

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Herr Werner Wilhelm

06.05.2015, 18:37 Uhr

Wenn man die Zielinflationsrate über die Marke von 2 % anheben will, dann wirft das die Frage auf wie man das erreichen soll. Durch Geldpolitik ja wohl nun nicht, die ist am Ende angekommen. Also sollen wohl die Löhne jährlich um 4 % steigen. Dann wird eine Lohn-/Preisspirale in Gang gesetzt bei dem die Arbeitnehmer _immer_ den Kürzeren ziehen.

Außerdem setzen sich die Nominalzinsen aus Realzinsen plus Inflation zusammen. Das bedeutet, dass sich Investitionen unter Umständen nicht mehr lohnen, wenn sie kreditfinanziert werden müssen. Genau das Gegenteil verfolgt nämlich die derzeitige Nullzinspolitik der Zentralbanken. Also ich sehe da einen erheblichen Widerspruch.

Ich hoffe mal, man verfolgt nicht die Absicht die hohen Staatsverschuldungen weginflationieren zu wollen. Das geht schief. Wenn die Geldpolitik am Ende ist, kommt die hohe Zeit der staatlichen Konjunkturprogramme auf Pump um das jährliche Wachstum zu induzieren. Der Staat muss dann ebenfalls höhere Zinsen bezahlen und das dann auch noch für eine Wirtschaft die unter der Inflation leidet.

Ich glaube daher, dass unsere Starökonomen hier wieder mal einer Schnappsidee aufsitzen.

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