Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2012

13:15 Uhr

Interview

„Die Deutschen bevorzugen Rechnungen“

VonKatharina Schneider

Im Interview erklärt E-Commerce-Experte Achim Himmelreich, welche die Bezahlsysteme der Zukunft sind. Mit einem Trick lassen sich sogar die auf Bargeld fixierten Deutschen vom Zahlen mit dem Handy begeistern.

Achim Himmelreich, Vorsitzender der Fachgruppe e-commerce im BVDW: Die Deutschen wollen Sicherheit und Rabatte.

Achim Himmelreich, Vorsitzender der Fachgruppe e-commerce im BVDW: Die Deutschen wollen Sicherheit und Rabatte.

Der Deutschen liebstes Zahlungsmittel ist immer noch das Bargeld. Schon das Bezahlen per Debit- oder Kreditkarte hinkt deutlich hinterher. Hat Mobile Payment – Bezahlen per Handy –hierzulande überhaupt eine Chance?
Der große Vorteil beim Mobile Payment ist, dass die Kunden ihr Smartphone sowieso immer dabei haben und das gilt auch für deutsche Nutzer. Komplett verdrängen wird die Technik das Bargeld auf absehbare Zeit sicher nicht, aber bei den Kunden steigt bereits die Nachfrage nach solchen Systemen.

Ein Zwischenschritt zum Mobile Payment sind kontaktlose Bezahlkarten der Sparkassen, Mastercard und Visa. Welchen Stellenwert haben sie?
Kurzfristig helfen die Angebote wie Girogo, Paypass und Paywave dabei, die Kunden daran zu gewöhnen, dass man zum Bezahlen keine Geldscheine und Münzen über den Ladentisch reichen und noch nicht einmal eine Karte aus der Hand geben muss. Langfristig werden sie wohl eher eine Ergänzung zu anderen Zahlungsmitteln sein, aber nicht im Mittelpunkt stehen.

Wenn die Kartenzahlung in den Hintergrund rückt und die Kunden lieber mit dem Handy bezahlen, bedeutetet das dann das Ende für Visa und Co.?
Im Gegenteil. VISA und Mastercard werden ja in die Smartphones integriert. Deshalb werden die Handy-Angebote keine Konkurrenz sein, sondern eine Ergänzung zu den bisherigen Karten. Die Anbieter sind dadurch noch breiter aufgestellt.

Das Wichtigste zum kontaktlosen Bezahlen

Wie funktioniert kontaktloses Bezahlen?

Das kontaktlose Bezahlen funktioniert per Funk. Die Karten mit Girogo-, Paypass- oder Paywave-Technologie sind mit einem speziellen Chip (NFC - Near Field Chip) ausgestattet. Die Daten werden verschlüsselt mit dem Terminal an der Kasse ausgetauscht, wenn die Karte im Abstand von maximal vier Zentimetern davorgehalten wird. Der Inhaber gibt seine Kreditkarte oder Girocard dabei nicht aus der Hand.

Für welche Beträge ist das gedacht?

Vor allem für Kleinbeträge, die üblicherweise bar bezahlt werden: Tageszeitung, Kaffee. Nutzer neuartiger Visa- oder Mastercard-Karten können kontaktlos bis zu einem Betrag von 25 Euro ohne Geheimnummer (PIN) oder Unterschrift bezahlen. Liegt der Betrag darüber, sind PIN oder Unterschrift notwendig. Wer die SparkassenCard nutzt, muss - wie zuvor bei der Geldkarte - ein Guthaben von höchstens 200 Euro auf die Karte laden und kann dann Beträge bis 20 Euro kontaktlos bezahlen. Nächstes Jahr entscheidet die Kreditwirtschaft über höhere Summen.

Ist die Technik sicher?

Nach Angaben der Sparkassen werden beim Bezahlvorgang nur zahlungsrelevante Daten wie Betrag und Kartennummer ausgetauscht: „Es werden keine Kundeninformationen, keine Namen, an den Handel weitergegeben“, sagt Werner Netzel, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen-und Giroverbands. Visa führt aus, Zahlungen seien „besonders sicher“. Weil nur noch der Chip und nicht der Magnetstreifen zum Einsatz komme, gebe es keine Chance für Kriminelle, die durch manipulierte Automaten Kartendaten abschöpfen. Auch Mastercard will die Sorge vor ungewollten Abbuchungen nehmen: Die Karte funktioniere nur, wenn sie sich im Abstand von höchstens vier Zentimetern vom Terminal befinde.

Was passiert beim Vorhalten zweier Karten?

Wird mehr als eine Karte während des Bezahlvorganges an das Bezahlterminal gehalten, findet keine Abbuchung statt. Der Vorgang wird dann abgebrochen.

Wie kontrolliere ich meine Abbuchungen?

Auf der Karte mit Girogo werden die letzten 15 Bezahlvorgänge und die letzten drei Ladevorgänge gespeichert. Um sie auslesen zu können, brauchen die Kunden allerdings eine Applikation (App) für ihr Smartphone oder müssen einen Terminal im Handel aufsuchen. Bei Paypass und Paywave findet sich jede einzelne Buchung auf dem Kontoauszug.

Wo kann heute schon kontaktlos bezahlt werden?

Abgesehen von den Händlern, die Paypass akzeptieren, kann heute schon in den Stadien von Bayer Leverkusen und Mainz 05 kontaktlos bezahlt werden. Auch in vielen Universitäten und Kantinen gibt es bereits solche Bezahlkarten.

Wie könnte die Entwicklung weiter gehen?

Die NFC-Technik kann auch in Mobiltelefone integriert werden - so wie es heute bereits Google Wallet nutzt. Mit einer speziellen Software könnte das Smartphone dann nicht nur die Geldbörse des Kunden, sondern auch den Kassenterminal des Verkäufers ersetzen. Auf diese Weise könnte man etwa bei Taxifahrern oder Paketboten mobil bargeldlos bezahlen.

Also bahnt sich doch eher ein Siegeszug für die Kreditkartenanbieter an?
Deutschland ist in Sachen Kreditkarte noch ein Entwicklungsland. Hierzulande hat gerade Mal jeder Vierte eine Kreditkarte, in den USA beispielsweise sind es weit mehr als die Hälfte. Die Deutschen bevorzugen immer noch Rechnungen und das Lastschriftverfahren. Damit Mobile Payment schnell Erfolg hat, muss man mit dem Smartphone auch auf das Girokonto zugreifen können.

Was bedeutet das technisch?
Technisch ist es kein Unterschied, ob ich mit dem Smartphone auf das Kreditkarten- oder das Girokonto zugreife. Wichtig ist nur, dass die Kontodaten im Smartphone - oder im Web beziehungsweise der Cloud gespeichert sind und per NFC-Chip an das Kassenterminal übertragen werden.

Kommentare (21)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.10.2012, 13:47 Uhr

"Der Handel rüstet seine Terminals nicht auf, weil die Kunden noch keine Smartphones oder Karten mit NFC-Chip haben. Und die Banken sind zurückhaltend mit der Herausgabe der Karten, weil erst wenige Händler die Technik akzeptieren."

Und das ist auch gut so!! Ich wünsche mir, dass Deutschland diesbezüglich ein Entwicklungsland bleibt und die Bevölkerung sich weigern wird, dieses unsichtbare Geld zu akzeptieren und zu gebrauchen. So sind Lug, Trug, Manipulation und Kontrolle einigermaßen im Zaume zu halten. Außerdem, warum soll ich freiwillig preisgeben, wann ich wo und was für wieviel konsumiert habe.

Numismatiker

18.10.2012, 14:26 Uhr

@beate

Besser kann man es nicht formulieren.

JaJa

18.10.2012, 14:28 Uhr

Bargeld bedeutet Freiheit!

Mit Kreditkarten und Mobile Payment geht man konsequent den vorgezeichneten Weg in die Sklaverei und Abhängigkeit von dubiosen Providern, Zahlungsdienstleistern wie PayPal und staatlichen Überwachungsbehörden.
Kontosperrung (unvorhergesehene technische Probleme), Guthabenreduzierung (staatliche Zwangsmaßnahmen), Dispo-Zinserhöhung oder Überwachung sämtlicher Zahlungsvorgänge sind dann mit nur einem Mausklick eines zuständigen Beamten, Banksters oder Mitarbeiters des Anbieter dieser tollen Zahlungsinfrastruktur möglich. Ziel ist es, den Kunden zu ködern und ihn dazu zu bewegen, die Kontrolle über sein eigenes Geld aufzugeben und völlig in fremde Hände zu legen.
Dass es zu keinen Mehrkosten für den Kunden komme, kann auch nur ein naiver Mensch glauben, den man täglich mit dem Klammerbeutel pudert. Mit Treuepunkten und Kostenfreiheit ködert man die Leute, dann versucht man die Zahlungen mit Bargeld zu erschweren und verweist auf die hohen Kosten und Risiken (Schwarzarbeit, Terrorismusfinanzierung) des Bargeldverkehrs...
Sobald man Bargeldzahlungen (natürlich nur für Normalmichel - für gewisse Kreise gibt es das richtige Geld) weitgehend verunmöglicht hat, zieht man die Daumenschrauben an und "beteiligt" den Kunden an den Kosten...
Eine Wahl wird der Kunde dann freilich nicht mehr haben, wenn die schöne neue Welt der feisten Mobilzahlungs- und Paypal-Apologeten das barbarische Relikt Bargeld verdrängt hat...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×