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30.05.2017

20:46 Uhr

Interview Kurt von Storch

„Vielleicht ist der Nullzins ein Segen für Anleger“

VonJessica Schwarzer

Der Dax ist auf Rekordkurs, aber die Zahl der Aktionäre bleibt niedrig – trotz Nullzinsen auf dem Sparbuch. Vermögensverwalter Kurt von Storch wagt einen Erklärungsversuch und blickt gar nicht so pessimistisch nach vorn.

Der Vermögensverwalter engagiert sich für die finanzielle Bildung von Kindern.

Kurt von Storch

Der Vermögensverwalter engagiert sich für die finanzielle Bildung von Kindern.

DüsseldorfDie wirtschaftliche und finanzielle Bildung der Deutschen liegt Vermögensverwalter Kurt von Storch, Mitgründer der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, am Herzen. Mit seinem Partner hat er deshalb auch die Flossbach-von-Storch-Stiftung gegründet. Gemeinsam mit „Handelsblatt macht Schule“ hat diese den Schülerwettbewerb „econo=me“ ins Leben gerufen. Ein Gespräch über die Anlagekultur der Deutschen, ihre Angst vor Aktien und die mangelnde Finanzbildung.

Der Dax hat sich in den vergangenen acht Jahren verdreifacht, die Zahl der Aktionäre in Deutschland bleibt niedrig. Woran liegt das?
Die Deutschen fürchten Aktien. Börse bedeutet für sie Kasino, der Aktionär gilt als Spekulant. Die Abneigung ist historisch gewachsen – und deshalb nur sehr schwer zu ändern. Leider. Deswegen geht der Aufschwung an den Aktienmärkten auch an den meisten Anlegern in Deutschland vorbei, während die Inflation ihre niedrig verzinsten Spareinlagen langsam aber sicher entwertet. Die Deutschen werden im internationalen Vergleich ärmer, weil sie Angst haben vor Kursschwankungen.

Warum sind die Deutschen so ängstlich?
Ich tue mich als Psychologe etwas schwer. Generell gibt es verschiedene Studien, die belegen, dass temporäre Kursverluste weit mehr schmerzen, als dass mögliche Kursgewinne die Anleger erfreuen. Anlageformen, die im Zeitverlauf deutlicher schwanken, sind da per se suspekt. Die Deutschen sind zudem hochemotional, was das Thema Geld, das eigene Vermögen betrifft.

Dieser wissenschaftliche Befund gilt nicht nur für die Deutschen …
Das stimmt. Aber die deutschen Verlustängste haben eine gewisse Historie. Immer dann, wenn in Deutschland so etwas wie eine Aktienkultur hätte entstehen können, ging es schief. Nehmen Sie die Zeit zur Jahrtausendwende, als viele Deutsche erstmals überhaupt Aktien gekauft haben, etwa die der Deutschen Telekom. Der folgende Crash hat, etwas überspitzt formuliert, eine Generation von potenziellen Aktionären verbrannt. So etwas bleibt im Gedächtnis. Das Problem war die Erwartungshaltung vieler Anleger damals. Sie glaubten, über Nacht an der Börse zum Millionär werden zu können. Die Gier hat sie damals in Aktien getrieben; heute ist es die Angst, die sie von der Börse fernhält.

Der Dax kletterte jüngst von Rekord zu Rekord, lockt das vielleicht Privatanleger an?
Sie meinen, genauso wie zur Jahrtausendwende (lacht)?

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen – und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt – wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

Wenn Sie so wollen.
Der Vergleich hinkt. Damals waren die Bewertungen weit höher als heute, das heißt die Kurse waren nicht durch die entsprechenden Unternehmensgewinne gerechtfertigt. Wobei sich das in der Rückschau immer leicht sagen lässt. Zwar sind die Bewertungen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen; sie liegen aber immer noch nahe der historischen Durchschnittswerte, sind also nicht übertrieben hoch. Schon gar nicht, wenn man sich die Anlagealternativen anschaut – wenn es für zehnjährige Bundesanleihen weniger als 0,4 Prozent Rendite gibt. Von daher würde ich es sehr begrüßen, wenn die Deutschen sich entschlössen, wieder in Aktien zu investieren.

Sie glauben aber nicht wirklich daran, oder?
Ich wage da keine Prognose. Auch wenn es etwas befremdlich klingen mag: Vielleicht ist der Nullzins kein Fluch, sondern Segen für die deutschen Anleger. Möglicherweise werden wir irgendwann rückblickend sagen, dass die lockere Notenbankpolitik sie dazu gezwungen hat, ihre Anlagestrategie zu überdenken und zu Aktionären zu werden. Das wäre doch was!

Kommentare (6)

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Herr Jürgen Clasen

31.05.2017, 08:19 Uhr

Unerfahrene Kleinanleger, die auf eigene Faust in Einzelwerte gegangen sind, haben sich in der Regel eine blutige Nase geholt. Anlass dazu, war meistens der Zeitungsfaktor, der immer zur Unzeit kommt und den Leuten weissmacht, das man mit Aktien leistungslos reich wird. Die Realität sah dann meistens so aus: 1929-33 Minus 90%. 2000 bis 2003 minus 70%. Daneben hatten wir die Asienkrise, Russlandkrise und den Crash von 1987. Mancheiner hat seine Einstandskurse lebenslang nicht wiedergesehen. Mein Tip. Versuchen Sie als Küken nicht schlauer zu sein als die Henne. Investieren Sie in Aktien- bzw Mischfonds. Suchen Sie nach den Besten, die nur wenig verloren haben in Baissezeiten. Sie müssen dabei nicht alles auf einmal einsetzen. Fangen Sie mit einer Beimischung an. Benutzen Sie dazu einen Sparplan. Befassen Sie sich mit Aktien, die eine gesetzlich festgelegte Garantiedividende zahlen, wegen eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages. Sie sind in der Regel sehr Kursstabil. So können Sie bis zu 4% Dividendenrendite einfahren, sind an einem Unternehmen beteiligt und nicht auf die denkbaren leeren Versprechungen angewiesen, das Anleihen zurückgezahlt werden. Glück auf!

G. Nampf

31.05.2017, 08:53 Uhr

"Deswegen geht der Aufschwung an den Aktienmärkten auch an den meisten Anlegern in Deutschland vorbei, während die Inflation ihre niedrig verzinsten Spareinlagen langsam aber sicher entwertet. Die Deutschen werden im internationalen Vergleich ärmer, weil sie Angst haben vor Kursschwankungen."

Nein. Die Deutschen wissen, daß die derzeitige Hausse nur deswegen stattfindet, weil die Notenbanken wie von Sinnen milliardenweise Geld aus dem Nichts per Tastendruck generieren und damit die Märkte (Aktien, Immobilien) befeuern.


Die Party geht vielleicht noch ein paar Jahre so weiter , aber dann ist Schluß mit lustig. Wer jetzt noch Aktien/Immobilien kauft, wird dann sehr, sehr viel Geld verlieren.

Lieber schleichend ein bißchen ärmer, als dann plötzlich richtig arm.

G. Nampf

31.05.2017, 08:56 Uhr

@ Jürgen Clasen 31.05.2017, 08:19 Uhr

- " Anlass dazu, war meistens der Zeitungsfaktor, der immer zur Unzeit kommt und den Leuten weissmacht, das man mit Aktien leistungslos reich wird"

Der "Zeitungsfaktor" ist hier im HBO schon lange sehr groß --> keine Aktien mehr kaufen.

- "Investieren Sie in Aktien- bzw Mischfonds"

Wenn die Aktienmärkte nach unten gehen, sind Aktienfonds genauso schlecht wie Aktien.

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