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09.07.2012

11:41 Uhr

Jürgen Wasem im Interview

Garantie-Zins sollte besser gesenkt werden

VonThomas Schmitt

ExklusivDer Zinssturz am Kapitalmarkt belastet die Private Krankenversicherung. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem empfiehlt daher, den garantierten Zins für Versicherte zu senken. Die Folge wäre: starke Beitragserhöhungen.

Der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem

Der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem

Herr Professor Wasem, die privaten Krankenversicherer haben für ihre Versicherten eine gewaltige Vorsorge für das Alter gebildet, insgesamt 170 Milliarden Euro, davon 146 Milliarden Euro in der Kranken- und 24 Milliarden Euro in der Pflegeversicherung. Reicht das, um steigende Beiträge im Alter für die neun Millionen Privatversicherten erträglich zu halten?
Der absolute Betrag sagt wenig. Es kommt darauf an, wie diese Summe zustande gekommen ist und ob auch alle Eventualitäten berücksichtigt sind. Und da ist festzuhalten: Die regulären Alterungsrückstellungen werden zunächst etwas weltfremd kalkuliert.

Wieso denn das?

Die ursprüngliche Kalkulation der Versicherer sieht zum Beispiel keinen Ausgleich der Inflation vor. Inflationsannahmen fehlen in den Berechnungen der Versicherungsmathematiker. Angenommen wird auch, dass es keinen kostentreibenden medizinischen Fortschritt gibt und dass auch die Lebenserwartung der Versicherten gleich bleibt. Beides ist unrealistisch. Tatsache ist: Die Menschen werden immer älter, und die moderne Medizintechnik kostet auch immer mehr.

Der PKV-Rechnungszins: Bedeutung, Entwicklung und Streit

Spekulationen

Im Zuge der Finanzkrise ist schon öfter über eine Absenkung des Rechnungszinses in der PKV spekuliert worden. Der Grund: Die privaten Krankenversicherer verzinsen ihre Altersrückstellungen mit 3,5 Prozent. Die Rendite für Bundesanleihen liegt deutlich darunter.

Das Prinzip der drei Säulen

Die Kapitaldeckung in der PKV ruht auf drei Säulen
- den Alterungsrückstellungen, die mit der Prämie gezahlt werden und die mit 3,5 Prozent verzinst werden;
- den Zinserträgen, die der Versicherer über die Mindestverzinsung hinaus am Kapitalmarkt erwirtschaftet und zum größten Teil den Kunden gutschreibt;
- einem zehnprozentigen Zuschlag, der separat angelegt wird und der Beitragssteigerungen im Alter abfedern soll.

Alterungsrückstellungen

Insgesamt haben die PKV-Versicherten inzwischen mehr als 170 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen angespart. Davon entfällt die Masse (mehr als 146 Milliarden Euro) auf die Krankenversicherung und der kleinere Teil (mehr als 24 Milliarden Euro) auf die Pflegeversicherung.

Überzins

In der PKV werden generell von allen über den Rechnungszins hinausgehenden Kapitalerträgen (Überzins) 90 Prozent den Versicherten gutgeschrieben. Zudem sind 80 Prozent des Rohüberschusses der Unternehmen der Rückstellung für Beitragsrückerstattung zuzuführen.

Zuschlag

Seit Januar 2000 wird für Neukunden in der Privaten Krankenversicherung vom 22. bis zum 61. Lebensjahr ein sogenannter 10-Prozent-Zuschlag berechnet. § 12a Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) besagt: Die Zinserträge der Unternehmen, die über den jeweils geltenden Rechnungszins (überwiegend 3,5 Prozent) hinausgehen, kommen zu 90 Prozent den Versicherten zugute. Hiervon ist ein Teil für die über 65-jährigen Versicherten bestimmt. Dieses Geld ist innerhalb von drei Jahren zur Vermeidung oder Begrenzung von Prämienerhöhungen oder zur Prämienermäßigung zu verwenden, heißt es im Zahlenbericht des PKV-Verbandes.

Entwicklung des Rechnungszinses

Der Rechnungszins in der PKV ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesenkt worden. Damit bewiesen die Krankenversicherer eine größere Stabilität als die Lebensversicherer, deren Garantiezins zuletzt von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent gesenkt worden war, zeitweise aber auch schon bei vier Prozent lag.

2009

Die private Krankenversicherungsbranche hat im Jahr 2009 eine Nettoverzinsung von 4,27 Prozent erreicht. Die gut 40 Unternehmen lagen also deutlich über dem Rechnungszins von 3,5 Prozent.

2010

Die Alterungsrückstellungen für die Versicherten erhöhten sich bis Ende 2010 um 8,7 Prozent auf gut 158 Milliarden Euro. Mit einer Nettoverzinsung von 4,23 Prozent habe die Branche den Rechnungszins von 3,5 Prozent sicher bedient, erklärte der Verband.

2011

In den Unterlagen des PKV-Verbandes finden sich keine Angaben darüber, wie sich der Rechnungszins im Jahre 2011 entwickelt hat. Die FTD berichtete: Die Branche habe zurzeit keine Probleme, die 3,5 Prozent zu verdienen, wie PKV-Verbandsvorsitzender Reinhold Schulte sagt. Er ist auch Vorstandschef der Signal Iduna. 2011 seien es im Schnitt rund vier Prozent gewesen.

Widerstand der PKV

Im Oktober 2010 erklärte der PKV-Verband: „Es gibt keine Überlegungen des PKV-Verbandes, den in der Kalkulationsverordnung festgelegten Höchstrechnungszins zu senken. Wir haben auch keinerlei Hinweise, dass die dafür zuständige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) etwa beabsichtigen würde, den Rechnungszins in der Kalkulationsverordnung abzusenken.

Vorstoß der Allianz

Die Allianz Private Krankenversicherung plädierte 2011 nach einem Bericht der Ärzte Zeitung für eine allgemeine Absenkung des Rechnungszinses in der privaten Krankenversicherung (PKV). Das liege im Interesse der Kunden und deshalb der gesamten Branche, sagte Vorstand Christian Molt bei der Fachkreistagung Krankenversicherung der Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte in Köln. "Eine moderate Absenkung des Rechnungszinses wäre sinnvoll. Wir sollten diesen Weg in der Branche gehen."

Erste Senkungsrunde

Der Rechnungszins für die Alterungsrückstellungen, der seit Jahren bei 3,5 Prozent liegt, ist von vielen Anbietern gesenkt worden, aber nur für neue Verträge. Ab 2014 sind auch Altkunden betroffen.

Die Branche sieht das aber anders: Für die Versicherer zeigen die Zahlen, dass ihr „nachhaltiges Prinzip der Kapitaldeckung auch in den Zeiten der Banken- und Eurokrise stabil funktioniert“.

Da muss man unterscheiden. Ziel der Altersrückstellungen ist zunächst nur: Die jungen Mitglieder in der privaten Krankenversicherung (PKV) sollen heute schon vorsorgen. Schließlich steigen die Kosten für Krankheit in der Regel mit zunehmenden Alter. Und der Grundgedanke der PKV ist ja: Auch im Alter sollen die Versicherten ihre eigenen Kosten tragen. Dies funktioniert bisher.

Und was funktioniert nicht? Basis der Tarifberechnung ist ein Zinssatz, mit dem die Sparleistungen der Versicherten verzinst werden. Dieser Rechnungszins beträgt 3,5 Prozent. Darüber kann jeder PKV-Kunde doch froh sein in Zeiten niedriger Zinsen?
Sicher, denn die PKV-Kunden müssen heute entsprechend weniger Prämie zahlen, weil sie beim Ansparen für das Alter den Zins nicht auch noch ansparen müssen. Diese Leistung erbringt der Versicherer.

Allerdings fragen sich viele: Können denn die Versicherer überhaupt noch 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften?
Im Moment gelingt das noch, weil die Alterungsrückstellungen langfristig angelegt sind. Doch auf Dauer ist das zu bezweifeln, vor allem wenn die Kapitalmarktzinsen so niedrig bleiben wie derzeit. In der Lebensversicherung wurde daher der Garantiezins ja bereits auf 1,75 Prozent gesenkt.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

09.07.2012, 11:55 Uhr

"Die ursprüngliche Kalkulation der Versicherer sieht zum Beispiel keinen Ausgleich der Inflation vor. Inflationsannahmen fehlen in den Berechnungen der Versicherungsmathematiker. Angenommen wird auch, dass es keinen kostentreibenden medizinischen Fortschritt gibt und dass auch die Lebenserwartung der Versicherten gleich bleibt. Beides ist unrealistisch. "
Hier sind offensichtlich Profis am Werk!!!

Wie kann ein Mensch gesunden Verstandes annehmen, daß er mit Beiträgen von < 100€ im Monat (und damit wird geködert) nachhaltig versichert ist?
Selbst mit einem deutschen Schulabschluß sollten doch da Zweifel aufkommen.
Dabei sind die fürstlichen Arzthonorare (3facher Satz etc) noch gar nicht bedacht.

Hermann.12

09.07.2012, 12:08 Uhr

Die Rechnung unterliegt dem Fehler die Rahmenbedingungen als gesetzt zu sehen.
Letztlich benötigen wir i nder EURO zone eeine deutliche Inflation mit deutlichen Lohnerhöhungen insbesondere in Deutschland die aktuelle Politik ist darauf ausgelegt versteckt zu inflationieren,um Lohnerhöhungen zu vermeiden und damit die Dominanz der Anbieter über die Nachfrager zu erhalten.
Das wird letztlich nicht funktionieren. Mit höheren Zinsen aber, sind die hier angestellten Überlegungen Schnee von gestern.
Eine bessere Alterative wäre es ohehin, wenn die staatliche Aufsicht die Wettbewerbsverzerrungen in der PKV beseitigen würde. Dafür würde eine volle Mobilität der Altersückstellungen beim Wechsel des Versicherers reichen, ebenso wie ein Verbot subventionierter Einstiegstarife.
Zurzeit ist die Politik daran aber gar nicht interressiert, weil ansonsten der gesetzlichen Versicherung zu Viele Beiragszahler verloren gingen.
gerade deshlb wird der Druck auf die PKV derzeit so hoch gehalten, weil man sonst die GKV sanieren müßte.

H.

vandale

09.07.2012, 13:17 Uhr

In der Vergangenheit hat der hohe erwirtschaftete Zins von 6 - 8% die angeführten Schwächen der PKV neutralisiert.

Es hat mich sehr erstaunt, dass die Versicherungsaufsicht bislang nicht eingeschritten ist.

Vandale

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