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22.05.2013

14:08 Uhr

Keine Garantie für Garantie

Lebensversicherungen sind zum Haare raufen

VonThomas Schmitt

ExklusivDas Zinstief trifft Lebensversicherungen heftiger als gedacht. Wer auf hohe Schlusszahlungen hofft, könnte enttäuscht werden. Denn die Versicherer kürzen, wo sie nur können - selbst Verträge mit stolzen Garantiezinsen.

DüsseldorfDieter Heinze (Name geändert) ist empört. Seine Lebensversicherung ist bald fällig, dann soll er sein Geld samt Zinsen zurückerhalten. Noch im April 2012 hatte ihm sein Versicherer ein sattes Zubrot angekündigt – für den Fall, dass er bis zum Ende durchhält. Stolze 8.430 Euro sollte sein Schlussüberschuss betragen.

Doch als er im März die Abrechnung erhielt, wollte er seinen Augen kaum trauen: Kein Schlussüberschuss! Aufgebracht rief bei seiner Versicherung an und fragte nach, wo denn die versprochene Belohnung hin sei. Die Antwort: Das habe der Vorstand gestrichen. Betroffen sei aber nicht jeder Vertrag, sondern nur solche mit besonders hohen Zinsen.

Pech für Heinze, hatte er doch in den 90er-Jahren ausgerechnet Lebensversicherungen mit  einem Garantiezins von vier Prozent abgeschlossen. Aktuell beträgt die Garantie nur noch 1,75 Prozent auf das Sparguthaben, doch damals war das anders, weil die Zinsen noch viel höher waren.

Rendite 2013: Was Lebensversicherungen bringen

Studie

Die Ratingagentur Assekurata hat zum elften Mal ihre Analyse zur Gewinnbeteiligung deutscher Lebensversicherer vorgelegt. 69 Unternehmen nahmen in diesem Jahr teil. Das entspricht einem Marktanteil von 94,14 Prozent.
Die Studie 2013 kann auf der Internetseite www.assekurata.de bestellt werden. Assekurata nimmt bei seinen Berechnungen Musterverträge mit 25 Jahren Laufzeit an.

Garantiezins

Alte Zusagen schmerzen: Knapp zwei Drittel der Verpflichtungen deutscher Lebensversicherer müssen mit einem garantierten Zins von mindestens 3,00 Prozent bedient werden. Die durchschnittliche Garantiezinsanforderung der Bestände liegt noch bei 3,15 Prozent.

Nachschlag

Wegen des niedrigen Zinsniveaus mussten die Lebensversicherer auch im Jahr 2012 eine zusätzliche Nachreservierung der Verträge mit einem Garantiezins von 4,00 Prozent vornehmen.

Aussicht

Bald sind weitere Nachschläge erforderlich, dafür reicht es, wenn die Zinsen so bleiben wie sie sind. In diesem Fall müssen auch Verträge mit einem Garantiezins von 3,5 Prozent zusätzlich gesichert werden.

Laufende Verzinsung

Von 66 Gesellschaften senken 58 für 2013 ihre laufende Verzinsung (auch Überschussbeteiligung genannt) gegenüber dem Vorjahr. Kein Unternehmen hebt sie an.

Rentenversicherung

In der privaten Rentenversicherung wird im Durchschnitt eine laufende Verzinsung in Höhe von 3,61 Prozent gewährt. Im Vorjahr lag der Wert bei 3,91 Prozent.

Gesamtverzinsung

Für einen Mustervertrag einer privaten Rentenversicherung geht die Gesamtverzinsung bei Bewertungsreserven gleich Null um 0,32 Prozentpunkte auf 4,24 Prozent zurück. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Rückgang damit mehr als verdoppelt.

Schlussüberschuss

Bei allen untersuchten Produktarten werden durchschnittlich rund 15 Prozent der Überschüsse über die deklarierten Schlussüberschüsse erbracht. Ausnahme ist die Riester-Rente mit rund 13 Prozent. In der Spitze können bei einzelnen Anbietern bis zu 50 Prozent der Ablaufleistungen aus Schlusszahlungen kommen.

Bewertungsreserven

Die Bewertungsreserven im Markt haben infolge der Niedrigzinsphase gegenüber dem Vorjahr deutlich zugenommen.

Vergleichbarkeit

Sowohl für die laufende Verzinsung als auch für die Gesamtverzinsung bei Bewertungsreserven gleich Null gibt es keinen marktweit einheitlichen Zinsträger. Durch die Wahl des Zinsträgers verbessern (32 Unternehmen) und verschlechtern (sieben Unternehmen) sich die Deklarationssätze einzelner Anbieter optisch. Die Kunden sollten sich besser an den illustrierten Beitragsrenditen orientieren.

Beitragsrendite auf die Garantie

Für den Mustervertrag einer aufgeschobenen Rentenversicherung stagniert die garantierte Beitragsrendite mit durchschnittlich 0,92 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres und unterschreitet die aktuelle Inflationsrate.

Beitragsrendite der Hochrechnung

Die Versicherer rechnen den Kunden gerne vor, was raus kommt, wenn die Zinsen so bleiben wie heute. Das ist unverbindlich und nicht mehr als ein Versprechen. Auch daraus lassen sich Beitragsrenditen errechnen. Mit durchschnittlich 3,37 Prozent (Vorjahr 3,65  Prozent) liegen diese auf einem geringeren, „wenngleich gegenüber vergleichbaren Alternativanlagen weiterhin wettbewerbsfähigen Niveau“, urteilt Assekurata.

Vergangenheitsrenditen

30-jährige Verträge haben sich effektiv mit durchschnittlich 5,21 Prozent rentiert, 12-jährige Verträge dagegen nur mit 3,45 Prozent.

Tipp

Kunden, die sich für das Lebensversicherungssparen entscheiden, sollten über einen langen Zeitraum vorsorgen, ihren Vertrag bis zum Ende durchhalten und der Anbieterauswahl einen besonderen Stellenwert beimessen, rät Assekurata.

Wer daher heute noch einen  dieser Vierprozenter besitzt, dem ist somit eine vergleichsweise hohe Zinszahlung garantiert – und das Jahr für Jahr, selbst wenn der Versicherer das im Schnitt nicht mehr schafft und daher für alle anderen Kunden weniger ausschütten muss, also eine geringere Überschussbeteiligung zahlt. Der Grund dafür: Die einmal ausgesprochene Garantie muss der Lebensversicherer erfüllen.

Heinze wusste um diese Zusammenhänge und freute sich daher schon auf die Auszahlung in diesem Jahr. Er war sicher, gut wegzukommen, zumal auch eine politische Debatte in Berlin zu seinen Gunsten ausgegangen war. Politisch hatte die Opposition eine Änderung verhindert, die ihn vielleicht eine Menge Geld gekostet hätte. Dabei ging es um die Rücklagen der Versicherer in Kapitalanlagen, die Bewertungsreserven.

Umso überraschter war Heinze daher, als ihm seine Sachbearbeiterin erklärte: Eben weil es hier keine neue Regelung zugunsten der Versicherungsbranche gegeben habe, müsse der Versicherer nun an anderer Stelle reagieren – und eben seinen Schlussüberschuss streichen. Heinze kommentiert das äußerst ungehalten: „Als Versicherter fühlt man sich willkürlich verschaukelt.“

Kommentare (39)

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icke

22.05.2013, 14:34 Uhr

aber die Wahrheit ist doch auch, dass eine vergleichbare Kapitalanlage noch weniger Verzinsung bietet. Und bei alten Verträgen ist die Auszahlung noch steuerfrei.

krux

22.05.2013, 14:36 Uhr

Um Geld anzulegen braucht niemand auf der Welt eine Versicherung.

Account gelöscht!

22.05.2013, 14:40 Uhr

Sind es nicht die Versicherungen, die sich immer haarklein an den geschriebenen Bedingungen festklammern?

Und wenn als Garantiezins X geschrieben ist, dann muss es doch bitteschön auch X sein. Denn "GARANTIEZINS" ist nicht Überschußbeteiligung.

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