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20.05.2014

12:29 Uhr

Krankenversicherer

Wie Kassen Kranke drangsalieren

Versicherte werden immer wieder von ihrer Krankenkasse behelligt. Besonders unangenehm kann das dann sein, wenn die Versicherer die Krankschreibung anzweifeln. Datenschützer warnen vor Grenzüberschreitungen.

Beistand oder Belästigung? Manche Krankenkassen fragen ein- bis zweimal pro Woche bei den Versicherten nach, ob sie wieder arbeiten wollen. dpa

Beistand oder Belästigung? Manche Krankenkassen fragen ein- bis zweimal pro Woche bei den Versicherten nach, ob sie wieder arbeiten wollen.

BerlinSelbst Angela Merkel war aufgeschreckt. Zu Tausenden hatten sich Patienten über Krankenkassen beschwert, die ihnen ohne ausreichenden Grund Leistungen und Krankengeld verweigerten. „Wir gehen solchen Vorwürfen nach“, versprach die Kanzlerin im Bundestagswahlkampf. Doch seither hat sich offenbar wenig geändert: Bei den Kassen sind die Grenzen zwischen Kümmern um die Versicherten und Drangsalieren fließend.
Auf die Probleme hingewiesen hatte damals die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD). Die Regierung schloss sogar schärfere Gesetze nicht aus. Entwarnung geben die Berater der UPD aber bis heute nicht. „Beschwerden zum Thema Krankengeld haben nicht nachgelassen“, sagt Geschäftsführer Sebastian Schmidt-Kaehler. „Das ist eines der schwierigsten Beratungsthemen, weil es sehr angstbesetzt ist und weil es oft um die wirtschaftliche Existenz der Versicherten geht.“ Einen neuen Überblick will die UPD mit einem Jahresbericht Anfang Juli geben.

Was Versicherte in der GKV zahlen

System

In der gesetzlichen Krankenversicherung zahlen Versicherte einen vorgegebenen Prozentsatz ihres Einkommens – und zwar bis zu einem Höchstbeitrag, der jährlich angepasst wird.

Beitragsbemessungsgrenze

Die Einkommensgrenze für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung lag 2014 bei einem Einkommen von 4050 Euro, 2015 wird sie sich auf 4125 Euro im Monat erhöht.

Wechselgrenze

Zu unterscheiden sind Beitragsbemessungsgrenze und die Grenze für einen Wechsel in die PKV. Letztere ist höher gesetzt. Erst ab einem Monatseinkommen von 4575 Euro ist 2015 ein Wechsel in die PKV möglich. Bisher lag diese Verdienstgrenze bei 4462,50 Euro

Höchstsatz

Ein Kinderloser zahlte 2014 einen Höchstsatz von 15,5 Prozent. Das bedeutet bei einem Einkommen an der Beitragsbemessungsgrenze eine monatliche Prämie von 610,31 Euro. 2015 zahlt der Versicherte dann 14,6 Prozent gesetzlichen Beitrag auf die neue Bemessungsgrundlage (602,25 Euro) plus einen Zusatzbeitragssatz x, den die Krankenkasse festlegt.

Pflegeversicherung

Neben der Krankenversicherung muss auch in die Pflegeversicherung eingezahlt werden. Der Satz beträgt ab 2015 2,35 Prozent. Das entspricht 96,94 Euro für alle, die an der neuen Beitragsbemessungsgrenze von 4.125 Euro verdienen. 2014 zahlte ein Kinderloser somit 720,90 Euro im Monat für Kranken- und Pflegeversicherung zusammen.

Kinder

Wer Kinder hat, muss weniger in die Pflegeversicherung zahlen. Kinder sind zudem oft beitragsfrei in der Familienversicherung enthalten. In der PKV muss jedes Kind eine eigene Versicherung haben.

Selbstständige

Selbstständige ohne Anspruch auf gesetzliches Krankengeld zahlen etwas weniger, weil ihr Beitragssatz dann nur 14,9 Prozent beträgt. Insgesamt kommen sie 2014 auf 710,78 Euro.

Dass manche Krankenkassen krankgeschriebene Versicherte weiterhin drängen, wieder zu arbeiten, bestätigt auch der zuständige Referatsleiter bei der Bundesdatenschutzbeauftragten, Bertram Raum. Wie gehen Kassenmitarbeiter dabei vor?
„Einige Kassen fragen ein- bis zweimal pro Woche telefonisch bei den Versicherten nach“, sagt Raum. „Die meisten Krankenkassen schicken auch umfangreiche Selbstauskunftsbögen an die Versicherten, die den Eindruck entstehen lassen, dass die Zahlung des Krankengeldes von den umfangreichen Auskünften abhängt.“ Oft werde unzulässig nach Diagnosen und Befindlichkeit gefragt. Einige Kassen wollten Versicherte auch frühzeitig zu einer stationären Reha drängen. Denn dann zahlt die Rentenversicherung. In dem gesamten Bereich gebe es viele Eingaben.

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink sieht Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und die Aufsichten gefordert - also Bundesversicherungsamt und Landesregierungen. „Gerade für Menschen mit einer psychischen Erkrankung können Kontrollanrufe bestehende Krisen verschärfen“, meint sie. Alarmierend sei, dass sogar von Telefonterror die Rede sei. Klein-Schmeink warnt, die schwarz-rote Gesundheitsreform könnte Wettbewerb und Sparkurs bei den Kassen noch anheizen.

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