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14.12.2016

10:43 Uhr

Krankenversicherung

Privaten Versicherern fehlen 189.000 Kunden

Innerhalb von fünf Jahren haben die privaten Versicherer rund 189.000 Kunden verloren. Experten bescheinigen der PKV bereits jetzt eine düstere Zukunft – aus mehreren Gründen.

Bei den privaten Krankenkassen waren 2015 rund 8,8 Millionen Menschen versichert. dpa

Krankenversicherung

Bei den privaten Krankenkassen waren 2015 rund 8,8 Millionen Menschen versichert.

BerlinDie privaten Krankenversicher haben nach einem Bericht der „Saarbrücker Zeitung“ (Mittwoch) in den vergangenen fünf Jahren unterm Strich rund 189.000 Vollversicherte verloren. Seit 2012 wechselten demnach auch durchgängig mehr privat Versicherte in das gesetzliche Kassensystem als umgekehrt, schreibt das Zeitung unter Berufung auf Daten der Bundesregierung, die die Linke im Bundestag angefordert hatte.

Zwischen 2012 und 2015 wechselten demnach gut 609.000 privat Versicherte in eine gesetzliche Krankenkasse. Den Weg vom gesetzlichen ins private System (PKV) gingen nur noch knapp 520.000 Versicherte. Unter dem Strich wechselten also rund 90.000 Menschen mehr von der privaten Versicherung in eine gesetzliche Kasse als umgekehrt.

Krankenversicherung: Warum sich die PKV kaum noch lohnt

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Warum sich die PKV kaum noch lohnt

Privat Krankenversicherten drohen drastische Beitragserhöhungen. Die PKV wird immer unattraktiver.

„Die private Krankenversicherung hat ihren Zenit überschritten“, meinte die Sozialexpertin der Linken, Sabine Zimmermann. Den Menschen sei jahrelang erzählt worden, dass privat immer besser sei als öffentlich. Die konkreten Erfahrungen überzeugten aber jetzt immer mehr Versicherte, sich doch besser auf die gesetzliche Krankenversicherung zu verlassen, betonte Zimmermann.

Der Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz, verwies darauf, dass die PKV oft weniger Leistungen als die gesetzlichen Krankenkassen böte und vor allem Rentner unter den hohen Versicherungsprämien litten. „Das hat sich mittlerweile herumgesprochen“, so Lanz.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Im vergangenen Jahr waren bei den privaten Versicherern rund 8,8 Millionen Menschen versichert. 2012 waren es noch fast neun Millionen gewesen. Im gleichen Zeitraum ist der Zahl der Mitglieder in den gesetzlichen Kassen von 52,4 auf 54,2 Millionen gestiegen.

Von

dpa

Kommentare (12)

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Herr Riesener Jr.

14.12.2016, 11:14 Uhr

Wer macht hier eigentlich so oft Lobby-Arbeit für die gesetzlichen Krankenkassen ?? Seit wann sind Zitate von Linken-Politikern repräsentativ?? Und wer glaubt wirklich, dass die Gesetzlichen mehr Leistungen anbieten als die Privaten??

Herr Manfred Richter

14.12.2016, 11:20 Uhr

Ich denke die Entwicklung war schon lange klar. Einerseits sind bei den Privaten die Beiträge exorbitant gestiegen und Rabattierungen (Selbstbehalte) wurden zunehmend zurückgefahren, andererseits spielt auch die Erschwerung eines (späteren) Wechsels von der Privaten in die Gesetzliche eine wichtige Rolle.
So wie die Situation gibt es nach meiner Auffassung nur die Strategie, auf die Beiträge der gesetzlichen als 'Basis' aufzusetzen und PRO-Aktiv Zusatzleistungen in großer Varietät anzubieten!

Herr Ferdinand Loeffler

14.12.2016, 11:47 Uhr

@Riesener: Dem kann ich nur zustimmen. Die Beiträge in der PKV sind nach wie vor kaum höher, als in der GKV, insbesondere, wenn beide Partner Arbeitnehmer sind und gut verdienen. Der Anstieg in der GKV ist überweigend durch den Niedriglohnsektor verursacht, den alle anderen subventionieren. Die wachsende Zahl der Rentner bezahlt ja auch keine kostendeckenden Beiträge. Der GKV wird die Finanzierung schon noch um die Ohren fliegen. Und es ist ein Märchen, dass die GKV Beiträge kaum steigen.

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