Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.05.2013

16:30 Uhr

Krankenversicherung

Privater Schutz? Bloß schnell weg!

VonThomas Schmitt

ExklusivSeit Jahrzehnten lockt die Private Krankenversicherung – mit günstigen Beiträgen und besseren Leistungen. Doch 2012 hat diese Erfolgsgeschichte ein Ende. Was nun anders ist und wie die Feinde der PKV dies nutzen. 

Getty Images

DüsseldorfZahlen lügen nicht, aber sie sagen auch nicht alles. Fast neun Millionen Menschen schützt die Private Krankenversicherung (PKV) hierzulande, etwa elf Prozent der Bevölkerung. Besonders viele Beamte sind darunter, aber auch jede Menge gut verdienende Angestellte und Selbstständige. Was bedeutet es da schon, wenn die Zahl der Privatpatienten um 20.067 Personen sinkt? 

Zunächst zur Zahl selbst: Hier sind Wanderungsbewegungen zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung zusammengefasst, es ist also eine Nettozahl. Dass dieser sogenannte Nettoneuzugang sinkt, ist äußerst selten. Der PKV-Verband musste lange in seinem Archiv suchen, bis er etwas Ähnliches fand. Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre gab es schon einmal einen Aderlass. 

Damals waren die gesetzlichen Krankenkassen für Landwirte geöffnet worden, die sich zuvor vornehmlich privat versichert hatten.

 

Die Beitragsspirale in der PKV

Rechenspiele

Die Beitragssteigerung in der PKV ist umstritten. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Zahlen der Branche. Ein Überblick über verschiedene Berechnungen von Experten.

Mittelwerte

Die Ergebnisse hängen von den Berechnungsmethoden ab. Wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnitte, die natürlich sowohl nach oben wie nach oben vom Mittelwert abweichen können.

Tendenz

Angestellte bezahlen eher überdurchschnittlich mehr, Beamte eher unterdurchschnittlich.

Männer

Laut Morgen & Morgen stiegen die Beiträge für Neuverträge 2012 um 4,4 Prozent. Männer zahlen überproportional mehr:

2006: 4,54%

2007: 4,91%

2008: 4,55%

2009: 5,37%

2010: 5,62%

2011: 5,67%

2012: 5,24%

Frauen

Bei weiblichen Versicherten fallen die Steigerungen in diesem Jahr deutlich niedriger aus.

2006: 3,87 %

2007: 4,29 %

2008: 3,46 %

2009: 3,94 %

2010: 4,20 %

2011: 4,29 %

2012: 3,87 %

2001 bis 2012: Beitragssteigerung laut Map-Report

Schnitt über 12 Jahre: 4,1 Prozent

2012: 1,98%
2011: 4,95%
2010: 6,97%
2009: 1,23%
2008: 2,71%
2007: 4,89%
2006: 3,37%
2005: 2,77%
2004: 6,86%
2003: 5,28%
2002: 4,51%
2001: 3,65%

2006 bis 2011: Beitragsanstieg laut Assekurata

Schnitt über sechs Jahre: 4,18 Prozent
Schnitt Angestellte: 4,8 Prozent

2011: 4,17%
2010: 6,75%
2009: 2,23%
2008: 3,72%
2007: 2,74%
2006: 5,46%

2006 bis 2010: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über fünf Jahre: 2,88 Prozent

2010: Prämie: 2706,10 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,67%
2009: Prämie: 2560,94 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,54%
2008: Prämie: 2522,20 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,66%
2007: Prämie: 2480,91 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,69%
2006: Prämie: 2415,99 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,87%

Quelle: Zahlenbericht der PKV

2001 bis 2005: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über zehn Jahre: 4 Prozent

2005: Prämie: 2348,64 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,60%
2004: Prämie: 2289,15 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,95%
2003: Prämie: 2160,60 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 7,73%
2002: Prämie: 2005,53 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,32%
2001: Prämie: 1904,22 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 4,00%

1996 bis 2004: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über 15 Jahre: 3,73 Prozent

2000: Prämie: 1831,05 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,55%
1999: Prämie: 1768,28 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,67%
1998: Prämie: 1705,69 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,07%
1997: Prämie: 1654,88 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,32%
1996: Prämie: 1617,42 Euro: Veränderung zum Vorjahr: 3,27%

Die Inflationsraten: 1989 bis 2011

Schnitt: 2,2 Prozent

Im Lichte dieser Erfahrung wirkt ein Rückgang von knapp 20.100 Personen nicht sonderlich dramatisch. Dennoch handelt es sich um einen bemerkenswerten Einschnitt. Schließlich geht es hier um die Zahl, die im Konkurrenzvergleich von privater und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) am stärksten beachtet wird – auch politisch.

Manager der PKV belegten damit früher regelmäßig die vermeintliche Attraktivität des eigenen Systems, weil die Zahl der privat Versicherten nach dem Einbruch Ende der 60er-Jahre wieder kontinuierlich nach oben ging. Vorstände der gesetzlichen Krankenkassen ärgerten sich im Gegenzug, weil ihnen zahlungskräftige Kunden verloren gingen. Denn oft wurden gut verdienende Kassenmitglieder von PKV-Vermittlern abgeworben. 

Zwar wandern jährlich Hunderttausende Deutsche zwischen Krankenkassen und privaten Versicherern hin und her. Doch gewonnen haben in diesem Vergleich in den vergangenen Jahrzehnten immer nur die Privaten. Mal waren es unter dem Strich nur 66.000 Personen zugunsten der PKV, wie im Jahr 1996. In guten Jahren lag der Saldo jedoch auch über 200.000: Zwischen 2001 und 2003 war das zum Beispiel so. 

Kommentare (65)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Hermosa

08.05.2013, 17:32 Uhr

Tja, wie sich die Zeiten ändern!

Ich kann mich noch erinnern als ich ebenfalls über einen Wechsel in die PKV nachdachte. Mich aber dann doch für die GKV + Zusatvers. entschied. Was im Nachhinein die bessere Wahl war.

Nur

Menschen in meinem Umfeld rieten mir damals dringend in die PKV zu wechseln. Gründe: bessere Versorgung, billiger und ganz besonders "Image"...wir haben doch eine GKV( gesetzlich K.) nicht nötig!

Tja, wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am b....

Denn exakt diese Personen wollen jetzt ganz dringend zurück in die GKV , können aber nicht, da zu lange in der PKV....
Einmal PKV immer PKV!

Gründe:

- Kinder ( PKV jedes Familienmitglied wird einzeln versichert)
- Krankheit ( z.B. große Probleme Übernahme von Kst. Psychotherapeuten
- überdimensional steigende Beiträge
- Rücklagen fürs Alter
- große Schwierigkeiten bei einem evtl. Wechsl in eine andere PKV.. Rücklagen können nicht mitgenommen werden
- ectpp

Man sollte den Mund einfach nicht zu voll nehmen und auf andere heruntergucken

Bescheidenheit ist nicht nur eine Tugend!

In diesem Sinne...schönes Wochenende!

Account gelöscht!

08.05.2013, 17:35 Uhr

"Eine Bürgerversicherung würde die funktionierenden Strukturen des deutschen Gesundheitswesens zerstören und die gute Versorgung von Millionen von Menschen gefährden.“

So ein Quatsch. Die Bürgeversicherung bzw, die Auflösung der PKV bedeutet mehr Gerechtigkeit und sinkenden Preise, denn die Kosten der PKV-Leistungen für die selbe Behandlungsmethode ist doppelt bis dreimal so hoch wie bei der GKV.

Das PKV-System ist das teuerste der Welt und um keinen Deut effektiver: Im Gegenteil, der Anreiz unnütze und teure Behandlungen durchzuführen ist zumindest aus der Arztperspektive deutlich höher, quaasi zwangsläufig.

Die GKV bezahlt z.B grunsätzlich keine Homöpathie, die PKV macht da sehr wohl einige Ausnahmen.


Das PKV System wird in ein paar Jahren am Ende sein, spätetens wenn die "Geburtenstraken" PKV-Versicherten deutlich mehr Leistungen benötigen.

dann wird deeutlich, das eben auch die PKV keine individuell abgesicherte und bezahlte Leistung ist sondern letztlich nur nach einem Solidar- und Umlageprinzip funktioniert und nur funktinieren kann und konnte, weil es die GKV und eine ungleiche Lohn- und Einkommensverteilung und eine unagemessenen Subvention der PKV-Versicherten gab und gibt.

Hermann.12

08.05.2013, 17:36 Uhr

Wenigstens bleibt dieser Artikel erstmals einigermaßen fair, bis auf die Stimmen gegen die privaten Versicherer, die vor allem dadurch auffallen, was sie nicht sagen.
Die Kritik insbesondere der Unternehmensberater und der Technikerkasse greift nämlich wesentlich zu kurz, weil sie volkswirtschaftliche Entwicklungen zwar feststellt, die ungünstig für die Privaten wirken, aber außen vorlässt, das dies staatlichen Manipulationen bei der Währungspolitik geschuldet ist, mit der der Staat wiederum sich finanziert und damit indirekt zu Lasten auch der privaten Versicherer.
Damit wäre das Geschäftsmodell der privaten in einer gesunden Volkswirtschaft sehr wohl stabil.
Es wurde auch festgestellt, das Private nur selten den Höchstbeitrag der gesetzlichen Versicherung erreichen. Das wird auch so bleiben.
Das alleine sollte schon Fragen aufwerfen bezüglich der gesetzlichen Versicherungen und dabei wäre vor allem interessant, wie viele Problemversicherte in der gesetzlichen Versicherung die Preise treiben und wie deren Kosten in Relation zu privat Versicherten Problemkunden ist. Denn das könnte der einzige vernünftige Ansatzpunkt zur Kritik von Seiten der gesetzlichen Versicherungen sein.
Ebenso fehlt jeder Vergleich über die Ausgabenstruktur zwischen gesetzlicher und privater Versicherung, also dem Kostenanteil. Es würde mich nicht wundern, wenn der bei so manchem gesetzlichen Versicherer die private Konkurrenz sogar noch bei Spitzenprovisionen schlagen würde.

Es bleibt also ein ziemliches Geschmäckle übrig, wenn hier direkte und indirekte staatliche Eingriffe in den Markt, sei es hinsichtlich der Preise, der Leistungen oder schlicht der Regeln genutzt werden, um etwas schlecht zu reden, was eigentlich sogar besser sein müsste.

H.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×