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17.06.2013

07:01 Uhr

Krankenversicherung

Privatpatienten tappen in die Zinsfalle

VonThomas Schmitt

ExklusivPrivatversicherte müssen mit höheren Beiträgen rechnen. Ihre Altersrückstellungen werden künftig niedriger verzinst. Millionen Kunden sind davon langfristig betroffen. Wer schwächelt und was den Versicherten droht.

Die Altersrückstellungen der meisten PKV-Kunden werden derzeit noch mit mindestens 3,5 Prozent verzinst. Doch diesen Rechnungszins schaffen viele Versicherer nicht mehr. Getty Images

Die Altersrückstellungen der meisten PKV-Kunden werden derzeit noch mit mindestens 3,5 Prozent verzinst. Doch diesen Rechnungszins schaffen viele Versicherer nicht mehr.

DüsseldorfDie Serie von Negativnachrichten für die private Krankenversicherung (PKV) reißt nicht ab. Nun wird der Leitzins der Branche wieder zum Thema für die Versicherten. Gemeint ist nicht der Leitzins der Europäischen Zentralbank, der die Sparer derzeit umtreibt, sondern der sogenannte Rechnungszins.

Mit diesem Satz werden die Altersrückstellungen verzinst, die in späteren Jahren den Beitragsanstieg in der PKV dämpfen sollen. Dieser Zins beträgt derzeit für die neun Millionen Altkunden 3,5 Prozent. Er ist damit viel höher als der Garantiezins der Lebensversicherung, der nur noch 1,75 Prozent beträgt.

Doch 18 Unternehmen reißen aktuell diese Marke – und das zum Teil erheblich, wie aus einer Antwort des Finanzministeriums auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Harald Weinberg hervorgeht, die Handelsblatt Online vorliegt. Die von den Mathematikern der Deutschen Aktuarvereinigung ermittelten Werte lägen zwischen 2,86 Prozent und 3,48 Prozent, schreibt der parlamentarische Staatssekretär Hartmut Koschyk.

Der PKV-Rechnungszins: Bedeutung, Entwicklung und Streit

Spekulationen

Im Zuge der Finanzkrise ist schon öfter über eine Absenkung des Rechnungszinses in der PKV spekuliert worden. Der Grund: Die privaten Krankenversicherer verzinsen ihre Altersrückstellungen mit 3,5 Prozent. Die Rendite für Bundesanleihen liegt deutlich darunter.

Das Prinzip der drei Säulen

Die Kapitaldeckung in der PKV ruht auf drei Säulen
- den Alterungsrückstellungen, die mit der Prämie gezahlt werden und die mit 3,5 Prozent verzinst werden;
- den Zinserträgen, die der Versicherer über die Mindestverzinsung hinaus am Kapitalmarkt erwirtschaftet und zum größten Teil den Kunden gutschreibt;
- einem zehnprozentigen Zuschlag, der separat angelegt wird und der Beitragssteigerungen im Alter abfedern soll.

Alterungsrückstellungen

Insgesamt haben die PKV-Versicherten inzwischen mehr als 170 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen angespart. Davon entfällt die Masse (mehr als 146 Milliarden Euro) auf die Krankenversicherung und der kleinere Teil (mehr als 24 Milliarden Euro) auf die Pflegeversicherung.

Überzins

In der PKV werden generell von allen über den Rechnungszins hinausgehenden Kapitalerträgen (Überzins) 90 Prozent den Versicherten gutgeschrieben. Zudem sind 80 Prozent des Rohüberschusses der Unternehmen der Rückstellung für Beitragsrückerstattung zuzuführen.

Zuschlag

Seit Januar 2000 wird für Neukunden in der Privaten Krankenversicherung vom 22. bis zum 61. Lebensjahr ein sogenannter 10-Prozent-Zuschlag berechnet. § 12a Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) besagt: Die Zinserträge der Unternehmen, die über den jeweils geltenden Rechnungszins (überwiegend 3,5 Prozent) hinausgehen, kommen zu 90 Prozent den Versicherten zugute. Hiervon ist ein Teil für die über 65-jährigen Versicherten bestimmt. Dieses Geld ist innerhalb von drei Jahren zur Vermeidung oder Begrenzung von Prämienerhöhungen oder zur Prämienermäßigung zu verwenden, heißt es im Zahlenbericht des PKV-Verbandes.

Entwicklung des Rechnungszinses

Der Rechnungszins in der PKV ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesenkt worden. Damit bewiesen die Krankenversicherer eine größere Stabilität als die Lebensversicherer, deren Garantiezins zuletzt von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent gesenkt worden war, zeitweise aber auch schon bei vier Prozent lag.

2009

Die private Krankenversicherungsbranche hat im Jahr 2009 eine Nettoverzinsung von 4,27 Prozent erreicht. Die gut 40 Unternehmen lagen also deutlich über dem Rechnungszins von 3,5 Prozent.

2010

Die Alterungsrückstellungen für die Versicherten erhöhten sich bis Ende 2010 um 8,7 Prozent auf gut 158 Milliarden Euro. Mit einer Nettoverzinsung von 4,23 Prozent habe die Branche den Rechnungszins von 3,5 Prozent sicher bedient, erklärte der Verband.

2011

In den Unterlagen des PKV-Verbandes finden sich keine Angaben darüber, wie sich der Rechnungszins im Jahre 2011 entwickelt hat. Die FTD berichtete: Die Branche habe zurzeit keine Probleme, die 3,5 Prozent zu verdienen, wie PKV-Verbandsvorsitzender Reinhold Schulte sagt. Er ist auch Vorstandschef der Signal Iduna. 2011 seien es im Schnitt rund vier Prozent gewesen.

Widerstand der PKV

Im Oktober 2010 erklärte der PKV-Verband: „Es gibt keine Überlegungen des PKV-Verbandes, den in der Kalkulationsverordnung festgelegten Höchstrechnungszins zu senken. Wir haben auch keinerlei Hinweise, dass die dafür zuständige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) etwa beabsichtigen würde, den Rechnungszins in der Kalkulationsverordnung abzusenken.

Vorstoß der Allianz

Die Allianz Private Krankenversicherung plädierte 2011 nach einem Bericht der Ärzte Zeitung für eine allgemeine Absenkung des Rechnungszinses in der privaten Krankenversicherung (PKV). Das liege im Interesse der Kunden und deshalb der gesamten Branche, sagte Vorstand Christian Molt bei der Fachkreistagung Krankenversicherung der Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte in Köln. "Eine moderate Absenkung des Rechnungszinses wäre sinnvoll. Wir sollten diesen Weg in der Branche gehen."

Erste Senkungsrunde

Der Rechnungszins für die Alterungsrückstellungen, der seit Jahren bei 3,5 Prozent liegt, ist von vielen Anbietern gesenkt worden, aber nur für neue Verträge. Ab 2014 sind auch Altkunden betroffen.

Das heißt: Diese 18 Krankenversicherer müssen den Rechnungszins in ihren Tarifen absenken. Die Folge davon sind höhere Beiträge, denn die Kunden sollen ja in gleicher Höhe wie bisher für niedrige Beiträge im Alter vorsorgen.

Die konkrete Höhe dieser Rücklage ist dabei von Tarif zu Tarif und Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.  Als Faustregel gilt für Verträge ab dem Jahr 2000: Mindestens zehn Prozent des monatlichen Beitrags, in der Regel aber mehr, sollten vom Versicherer in die Altersrückstellung wandern und dann mit dem jeweiligen Rechnungszins pro Jahr bedient werden.

Die Zinsprobleme der 18 Anbieter könnten sich für die betroffenen Kunden frühestens Anfang 2014 auswirken, erwartet das Finanzministerium. Wie stark am Ende in den jeweiligen Tarifen die Beiträge steigen, ist derzeit aber noch unklar. Dies kann von Versicherer zu Versicherer unterschiedlich sein und hängt auch von der jeweiligen Finanzkraft des Unternehmens ab.

Kommentare (76)

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icke

17.06.2013, 07:24 Uhr

erst sind viele aus der Solidargemeinschaft ausgeschieden und jetzt werden viele überlegen wie man wieder in die Gesetzliche kommt. Das ganze System ist falsch. Jeder sollte wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung eine Grundabsicherung erhalten und wer mehr möchte kann privat vorsorgen.

Ende2013

17.06.2013, 08:29 Uhr

"Kunden blicken ohnehin in der PKV ganz selten durch."
"Selbst Branchenkenner blicken nicht mehr durch"
Wie kann man solch ein PKV System aufrecht erhalten.
Der Versicherte weiß nicht gehören die Altersrückstellungen ihm oder der Gesellschaft.
Wechsel zu anderem PKV Anbieter unmöglich, da Verlust von Altersrückstellungen.
Wechsel in Basis oder Standardtarif zu teuer.
Tarife im Alter nicht bezahlbar!!!!!
Gibt es denn keine Möglichkeit über Gerichte prüfen zu lassen, ob solche Verträge überhaupt zulässig sind.Es gibt unter den PKV Gesellschaften doch keinen richtigen Wettbewerb. Der Versicherte ist dem Versicherer ausgeliefert. Schlimm für PKV Kunden ist auch, dass man überhaupt keine Transparenz und Planbarkeit hat.
man kann die Tarifsteigerungen glauben oder nicht.
Ein system bei dem man nicht nach Einkommensmöglichkeiten bezahlt, ist ein Lotteriespiel mit eventuell fatalem Ausgang.

Account gelöscht!

17.06.2013, 08:34 Uhr

Ich bin Hellseher.
Habe das nämlich schon 2009/2010 mit der "temporären" Leitzinssenkerei hervorgesehen, dass das die Versicherungen / Altersrückstellungen in die Bredouille bringen würde.

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