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26.03.2013

10:40 Uhr

Krankenversicherung

Was wir von den Holländern lernen können

VonThomas Schmitt

ExklusivDie Niederlande haben seit 2006 eine Krankenversicherung für alle. Solch eine Bürgerversicherung wollen auch SPD, Grüne und Linke. Eine Blaupause liefern die Nachbarn nicht. Aber die Deutschen könnten es besser machen.

Der Gesundheitsökonom Stefan Greß aus Fulda hat die Reformen in den Niederlanden untersucht. Fotoquelle: Greß

Der Gesundheitsökonom Stefan Greß aus Fulda hat die Reformen in den Niederlanden untersucht.

Fotoquelle: Greß

DüsseldorfAndere Länder, andere Keime. „30 Jahre lang war Hygiene egal, das wird auch an den Unis nur dünn gelehrt“, sagt eine Hygiene-Ärztin. In der Pflege gehört Hygiene fest zur Ausbildung, im Krankenhaus nicht. Ganz im Gegensatz zu unseren Nachbarn. 

In den Niederlanden kommt kein Patient in den OP oder auf eine Station, bis er nicht auf multiresistente Keime gecheckt ist. Ein Schnelltest dauert eine Stunde und kostet 20 Euro. In Deutschland gilt diese Vorsichtsmaßnahme nur für „Risikopatienten“. Die Niederlande überwachen außerdem streng die Antibiotika-Verordnungen. Auch das senkt die Resistenzrate – genauso wie die Zahl der Todesfälle.

Warum die PKV scheitern könnte

Politische Mehrheit

Private und gesetzliche Krankenversicherung konkurrieren vor allem um Selbstständige und besser verdienende Kunden. Die Privaten haben die Nase vorn, obwohl ihre Beiträge langfristig stärker steigen. Doch die Gesetzlichen repräsentieren mit mehr als 70 Millionen Versicherten nach wie vor die große Masse – entsprechend ist ihr politisches Gewicht. Demgegenüber sind nur neun Millionen Menschen vollständig privat versichert.

Kampagne

Die Krankenkassen werben ganz offen um die Abschaffung der Konkurrenz. Ein Beispiel war Jürgen Graalmann, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Sein Credo in einem Welt-Interview: „Die private Krankenversicherung kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich halte das Geschäftsmodell der PKV in der Vollversicherung für gescheitert.“ Graalmann nennt dafür vier Gründe.

Beiträge

Die Beiträge in der PKV steigen immer weiter, monieren die Kritiker. In die Schlagzeilen geriet die PKV auch, weil manche Kunden unter extremen Erhöhungen leiden mussten. Zum Teil war die Ursache dafür eine verfehlte Geschäftspolitik der Versicherer und falsche Versprechen von Beratern.

Kosten

Die Krankenkassen sehen die private Konkurrenz vor einem „immensen Kostenproblem“. Ursache ist: Die PKV-Unternehmen können die Kosten von Arzneimitteln nicht so gut drücken wie die Krankenkassen. Zudem rechnen Ärzte oft für Privatpatienten mehr ab als für Kassenpatienten. Zudem war der Druck, die Kosten im Griff zu halten, bisher geringer als bei den Krankenkassen.

Unzufriedenheit

Aus Umfragen schließen die Krankenkassen: Jeder dritte Privatpatient würde gerne zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Vor allem ältere PKV-Kunden haben das Problem, dass sie im Rentenalter wahrscheinlich deutlich mehr als in der GKV zahlen.

Bürgerversicherung

SPD und Grüne haben mit einer Einheitsversicherung ein scheinbar attraktives Gegenmodell zur bisherigen Zweiteilung im Gesundheitswesen entworfen. AOK-Manager Graalmann kann damit gut leben, er sähe private und gesetzliche Anbieter dann als gleichberechtigte Wettbewerber.

Klingt gut, doch genauso gut ließen sich jede Menge Beispiele finden, wo es im Gesundheitswesen der Niederlande nicht rund läuft. Wer nun das deutsche mit dem niederländischen System vergleichen will, steht vor einem Dilemma. „Das zentrale Problem bei diesen Vergleichen ist, dass Gesundheitssysteme ja aus ganz vielen Elementen bestehen, und man in einer soliden, unvoreingenommenen Analyse nicht wirklich solide sagen kann, welche Features mit welchen Merkmalen zusammen hängen“, sagt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, der an der Universität Duisburg Essen lehrt.

Dennoch kommen Systemvergleiche im Gesundheitswesen wieder in Mode. Der Grund: Es steht im Herbst eine Wahl an. Zwar schwimmt die gesetzliche Krankenversicherung (GKV), in der hierzulande 70 Millionen Menschen versichert sind, derzeit im Geld, dank der guten Beschäftigungslage. Doch das könnte sich auch schnell wieder ändern.

SPD, Grüne und Linke haben sich zudem programmatisch auf irgendeine Form von Bürgerversicherung festgelegt. Vor solch einer Einheitsversicherung im Gesundheitswesen hat vor allem die private Krankenversicherung (PKV) Angst. Rund neun Millionen Menschen sind dort voll krankenversichert. Das ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, allerdings ein wichtiger: Viele Beamte zählen dazu, Selbstständige und gut verdienende Angestellte.

Die PKV ist es auch, die seit einigen Jahren jegliche Ideen zur Bürgerversicherung kritisch hinterfragt. Dabei spielt auch die Niederlande immer wieder eine Rolle, weil dort bereits seit 2006 eine Einheitsversicherung existiert und dieses System auch bei vielen Politikern einen guten Ruf genießt. Eine PKV-Studie kam bereits 2010 zum Ergebnis: „Das System schneidet keineswegs so gut ab, wie in der politischen Diskussion in Deutschland in der Regel vermittelt wird.“

 

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

26.03.2013, 11:03 Uhr

Vor allem, wie man zur WM fährt ;-)

Rumpelstilzchen

26.03.2013, 11:16 Uhr

Europa hat uns leider gezeigt, dass man in der Gemeinschaft ausgeraubt wird!!!!
Europa, ein Bündnis von Schmarotzern!!!

aktionaer

26.03.2013, 11:21 Uhr

und wir können lerne, vor was unsere Freunde, die Bankster wirklich Angst haben.

Schlimmer als Zuchthaus ist für Politiker, Beamte und BaNKSTER; DASS SIE DAFÜR GERADE STEHEN SOLLEN; WAS SIE ANGERICHTET HABEN:

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