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30.05.2011

09:58 Uhr

Krankenversicherungen

Unter den Versicherten regiert die Angst

VonCornelia Schmergal, Cordula Tutt
Quelle:WirtschaftsWoche

Die Deutschen sind von der Krankenversicherung enttäuscht. Mit der ersten Kassenpleite droht der Akzeptanzverlust. Über die Ohnmacht der Versicherten.

Die City BKK ist insolvent: Rund 168.000 Versicherte suchen jetzt eine Ersatzkasse. Quelle: dapd

Die City BKK ist insolvent: Rund 168.000 Versicherte suchen jetzt eine Ersatzkasse.

BerlinDas Urteil erstreckt sich über 316 Seiten, und es fällt vernichtend aus: In Deutschland verliere das Gesundheitssystem „an der notwendigen Legitimation seitens der Patienten“. Das Vertrauen in die Krankenversicherungen sei in den vergangenen zehn Jahren „massiv erschüttert“ worden. Frage man die Zeitgenossen zwischen Rostock und Rosenheim nach ihrem Blick auf das Gesundheitssystem, so gäbe es drei verschiedene Aussagen: „Intransparenz des Systems, Ohnmacht des Einzelnen, Zukunftsangst.“ Man könnte es auch die Wahl zwischen Pest und Cholera nennen.

In einer umfassenden Untersuchung hat das Heidelberger Sinus-Institut im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung erstmals die Einstellung der Deutschen zur medizinischen Versorgung untersucht. „Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem“, heißt die Studie, und ihre Ergebnisse sind alarmierend: Die zwangsverpflichteten Beitragszahler haben den Glauben in eine gute Versorgung verloren – die Versicherung steckt in der Sinnkrise.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen tun ein Übriges, das restliche Vertrauen zu zerstören. Nach der Insolvenz der City BKK suchen rund 168.000 Versicherte eine Ersatz-Kasse. Doch die versuchen nach Kräften, die überwiegend älteren (und damit für sie teuren) City-Kunden abzuwimmeln und an Mitbewerber abzuschieben – obwohl sie gesetzlich verpflichtet sind, diese aufzunehmen. Geschäftsstellen fahren Minimaldienst, manche Kasse macht kurzerhand ganz dicht. Man müsse, so die Barmer, sich erst mal um die eigenen Mitglieder kümmern.

Die Angst regiert, weil das Beispiel der City BKK den Kassen ihr Dilemma vor Augen führt: So lange wie möglich wollen sie Zusatzbeiträge vermeiden – die Abwanderung enttäuschter Versicherter könnte sie sonst als Nächste die Existenz kosten. Gleichzeitig stehen einige Institute wie die Vereinigte IKK finanziell schwer unter Druck und bräuchten die Beiträge dringend – Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Das System wankt deshalb in seinen Grundfesten. Die Hintergründe beleuchten die Sinus-Forscher so gründlich wie selten. Für ihre Analyse griffen sie auf fünf repräsentative Studien mit zusammen rund 78.000 Befragungen und 120 mehrstündige Einzelinterviews zurück. Sie unterteilen die Bevölkerung regelmäßig in neun gesellschaftliche Gruppen – von „modernen Performern“ über die „bürgerliche Mitte“ bis hin zu „Hedonisten“. Nicht nur das Einkommen ist für die Einordnung entscheidend, sondern auch der Lebensstil oder die Wertvorstellungen der Befragten. Die Milieus sind demnach höchst verschieden – und dennoch herrscht überall die Meinung, „dass aus Kostengründen schon jetzt medizinisch notwendige oder sinnvolle Behandlungen nicht mehr übernommen werden“, wie es in der Analyse heißt. Die Adenauer-Stiftung stellt die Studie an diesem Montag vor. Der neue Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wird danach viel zu erklären haben.

Kommentare (3)

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07011943

30.05.2011, 11:37 Uhr

So ein Theater um die Krankenkassen. Warum werden diese nicht per Gesetz zusammengelegt, so dass nur noch ca. 4-5 Kassen übrig bleiben, dann ist genügend Geld für die Mitglieder vorhanden und die Zusatzbeiträge könnten wieder entfallen. Aber für den Gesundheitsminister ist das kein Thema, er hat ja genügend Geld.

Ruediger

30.05.2011, 16:26 Uhr

Wir sollten nicht nach Afrika sehen, um die dortigen Beispiele als Abschreckung für ein „weiter so“ heranzuziehen, sondern nach Australien oder Kanada schauen. Dort müssen alle, auch die Privilegierten, Mitglied einer Basisversicherung werden. Alle zahlen dafür den gleichen Beitrag. Wer ihn nicht erbringen kann, für den zahlt die Gemeinschaft.
Gelebte Solidarität nenne ich so etwas oder nach H. Krüger, „Allgemeine Staatslehre“, ist das ein verfassungsrechtliche Muss in einer Demokratie.

Account gelöscht!

23.06.2011, 14:53 Uhr

Sehr geehrte Leser,

ich habe erheblich Zweifel, dass bei Kranken- und Rentenversicherungen der freie Markt funktioniert. Warum? Erst nach Jahrzehnten weiß man, ob eine Kauf-Entscheidung richtig war und das Unternehmen gut gewirtschaftet hat. Das heißt de facto hat man fast keine Chance seine Entscheidung revidieren. Wenn man die Leistung wirklich braucht - Rente, Krankenversicherung im Alter - ist es meist schon viel zu spät sich anders zu entscheiden.

Bei Konsumgütern ist das anders. Wenn ein Lebensmittel nicht schmeckt kauft man sich am nächsten Tag ein anderes. Für ein neues Auto kann man sich nach ein paar Jahren entscheiden. Deshalb funtioniert bei diesen Produkten der freie Markt.

Ein möglich Lösung: Stärker Regulierung von Versicherungen durch den Staat.

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