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06.12.2011

12:32 Uhr

Krankenversicherungen

Wie Privatpatienten Prämien sparen können

VonThomas Schmitt

Wenn private Krankenversicherer ihre Beiträge anheben, müssen Altkunden sich damit keineswegs abfinden. Es gibt verschiedene Wege, die Prämie zu drücken. Kunden können den Tarif wechseln - oder klagen.

Eine Schwester greift nach dem OP-Besteck: Privatpatienten sollten ihre Tarife überdenken. dpa

Eine Schwester greift nach dem OP-Besteck: Privatpatienten sollten ihre Tarife überdenken.

DüsseldorfViele Privatpatienten sind empört: Ihr privater Krankenversicherer hat gerade den Beitrag mit einem zweistelligen Prozentsatz erhöht. Vor allem langjährige Kunden fühlen sich gefangen, weil sich ein Versichererwechsel meist nicht lohnt. Verbraucherschützer ermutigen dennoch zum Widerstand: Es gebe verschiedene Wege, um die Prämie beim eigenen Versicherer zu drücken.

Einer, der dies schon aktiv tut, ist Helmut Müller (Name geändert). Die Kölner Central hat ihm dieses Jahr den Beitrag um 50 Prozent erhöht. Nun nutzt er erneut eine "Tarifberatung", weil er innerhalb seines Versicherers wechseln will.

Tarifwechsel lohnt sich

Dazu ist jeder Kunde berechtigt, wie im Paragrafen 204 des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) festgelegt. Allerdings bietet nicht jede Gesellschaft diese Möglichkeit auch aktiv an. Manche versuchen sogar, solche Wechsel zu verhindern, wissen Berater.
Tarifwechsel rechnen sich, stellte Helmut Müller fest. Auf diese Weise senkte er in den vergangenen fünf Jahren seine Versicherungsleistungen immer weiter, "um die immensen Beitragserhöhungen der Central abzufangen". In anderen Fällen verzichteten Altkunden nur auf wenige Leistungen, zahlten dann jedoch zu ihrer Überraschung deutlich weniger. Dass die Beiträge dauerhaft auf niedrigerem Niveau bleiben, ist jedoch nicht garantiert.

Weniger Beitrag in der privaten Krankenversicherung

Den Versicherer wechseln

Die Krankenversicherung zu wechseln rechnet sich in der Regel nur, wenn der Kunde erst wenige Jahre bei einem Unternehmen privat voll versichert ist. Altkunden, die länger als sieben bis zehn Jahre dabei sind, haben bereits relativ hohe Altersrückstellungen aufgebaut, die sie bei einem Versichererwechsel verlieren würden. Faustformel für die Altersrückstellungen: Wer zehn Jahre privat versichert ist, profitiert von einem Beitragsrabatt von etwa 100 Euro im Monat.

Den Tarif wechseln

Für die meisten Altkunden rechnet sich am ehesten ein Tarifwechsel beim eigenen Krankenversicherer. Das geht aber nur bei Unternehmen mit vielen Tarifvarianten. Manche Versicherer versuchen auch, solche internen Wechsel zu verhindern. Das Recht dafür hat aber jeder Altkunde. Es ist in Paragraf 204 des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) gesetzlich fixiert. Wenn der Versicherer bockt, helfen externe Berater und Makler im Tarifdschungel.

Leistungen kürzen

Der Tarifwechseln innerhalb des Versicherers ist ohne neuerliche Gesundheitsprüfung möglich und die Leistungen sind mitunter fast identisch. Wer schon gewechselt hat und noch mehr sparen will, kann seine zugesagten Leistungen überprüfen und etwa aus dem Einbett- ein Zweitbettzimmer machen.

Selbstbehalt erhöhen

Eine beliebte Möglichkeit, um Prämien zu sparen ist der Selbstbehalt. Das ist der Eigenanteil des Kunden, den er auf jeden Fall trägt. Ein Selbstbehalt rechnet sich vor allem für Privatpatienten, die keine oder nur geringe Leistungen in Anspruch nehmen, also sehr gesund sind. Die Regel gilt: Je höher der Selbstbehalt, um so niedriger die monatliche Prämie.

In den Standardtarif wechseln

Wer bereits vor dem 01.01.2009 privat krankenversichert war, kann in den sogenannten "Standardtarif" gehen. Dies bedeutet im Prinzip eine Versicherung auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenkassen. Die Gefahr: Eventuell müssen Privatpatienten einen großen Teil ihrer ärztlichen Behandlungskosten selbst tragen, warnt die Verbraucherzentrale in Mainz. Denn Standardtarife sehen in der Regel einen Kostenersatz in Höhe des 1,8fachen Gebührensatzes vor. Privatärztliche Behandlungen werden jedoch oftmals mit dem 2,3fachen bis 3,5fachen Satz berechnet.

In den Basistarif wechseln

Wer sich nach dem 31.12.2008 erstmals privat krankenversichert hat, kann in den "Basistarif" gehen. Der Wechsel bedeutet ebenfalls: Leistungen auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenkassen. Der Arzt ist allerdings nicht gesetzlich verpflichtet, Privatpatienten auch zum Satz der gesetzlichen Krankenkassen zu behandeln. Der Beitrag im Basistarif sei maximal so hoch wie der durchschnittliche Höchstsatz in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), erklärt die Verbraucherzentrale Mainz. Das seien derzeit ca. 630 Euro.

Beschwerde bei der Bafin

Oft finden Kunden im Gespräch mit ihrem Versicherer keine befriedigende Lösung. In diesem Fall raten Verbraucherschützer, sich mit einer Beschwerde an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zu wenden. Adresse: Graurheindorfer Str. 108, 53117 Bonn. Der Vorteil: Wenn ein Unternehmen dort häufiger negativ auffällt, schauen die Aufseher vielleicht genauer hin. Bei einem generell hohen Beschwerdeniveau reagiert unter Umständen auch die Politik schneller.

Vor Gericht klagen

Einige Altkunden klagen immer wieder gegen Beitragserhöhungen. Der Erfolg hängt davon ab, ob man den richtigen Gutachter eingeschaltet hat. Spezialisten können Mängel in den Begründungen des Versicherers erkennen, die ein normaler Kunde nicht sieht. Prozesse ziehen sich jedoch oft lange hin. Zudem gibt es wenige Grundsatzurteile. Denn, wenn ein Versicherer erkennt, dass er verliert, schließt er schnell einen Vergleich. Meistens nehmen die Kunden diesen dann an.

In einen "Nichtzahlertarif" wechseln

Mehr als 140.000 Kunden in der Privaten Krankenversicherung zahlen derzeit ihre Beiträge nicht. Der Schaden summiert sich bereits auf mehr als eine halbe Milliarde Euro. Manche Unternehmen wie Hanse-Merkur bieten daher bereits für 80 bis 100 Euro Tarife an, die sie insbesondere Kunden anbieten, die Zahlungsprobleme haben. Politisch drängt der PKV-Verband, solche Tarife generell einzuführen. Deren Nachteil: Extrem niedrige Leistungen und sehr hoher Selbstbehalt.

Nicht mehr zahlen

Manche Kunden überlegen wegen saftiger Beitragserhöhungen, ob sie nicht auch ins Lager der Nichtzahler wechseln. Nichtzahler haben im Gegensatz zu früher den Vorteil, dass ihr Versicherer sie nicht mehr rauswerfen kann, ein grundlegender Krankenschutz für Notfälle existiert also weiter. Viele Unternehmen sind zudem nicht in der Lage, ausstehende Beiträge wirksam einzutreiben. Die Zeche bezahlen die Altkunden, deren Beiträge daher zum Teil kräftig erhöht worden sind. Der Nachteil: Die Versicherer können Nichtzahlern den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzen. Das bringt große Unannehmlichkeiten mit sich.

Hilfe beim Tarifwechsel bieten auch Berater und Makler im Internet gegen ein Honorar an. Die Verbraucherzentrale Mainz beurteilt diesen Service skeptisch: "Uns liegen dazu Beschwerden vor, wonach der Vermittler lediglich komplette Leistungsvereinbarungen aus dem Vertrag hat streichen lassen und für die damit verbundene angebliche Beitragsersparnis auch noch ein Honorar verlangt hat."

Auch Helmut Müller will lieber direkt mit der Central verhandeln. Er ist jedoch skeptisch. Ob es überhaupt noch Spielraum für weiteres Abspecken gäbe? Ein Central-Berater rechtfertigte am Telefon erst einmal die saftige Verteuerung seines Kerntarifs, unter anderem mit den vielen Nichtzahlern, versprach dann aber, Angebote zu schicken.

Was könnte das sein? Eine Möglichkeit wäre, den Selbstbehalt zu erhöhen. Müller müsste also selbst mehr bezahlen, wenn er zum Arzt geht, bevor sein Versicherer einspringt. Dies zählt zu den Standardangeboten der Versicherer.

Die größten privaten Krankenversicherer

Die Branche

In Deutschland sind knapp neun Millionen Menschen privat voll krankenversichert. Die gesetzliche Konkurrenz, die Krankenkassen, versichert rund 70 Millionen. Insgesamt gibt es 47 private Krankenversicherer. Die Produkte werden zum Teil stark über Vermittler vertrieben, die sich gern an den versprochenen Provisionen orientieren.

Debeka

Der Versicherungsverein aus Koblenz hat mit Abstand die meisten Vollversicherten: 2,2 Millionen. Der größte Teil davon sind Kunden, die beihilfeberechtigt sind, also aus Beamte sind oder zum Umfeld von Beamten zählen. Rund 400.000 Personen gehören zur Gruppe der Angestellten und Selbstständigen. Die Gesellschaft hat in der Regel die meisten Zugänge pro Jahr, hat eine vergleichsweise einfache Tarifstruktur, bietet keine Billigtarife und ist bekannt für ihre Sparsamkeit.

DKV

Die Tochter des Erstversicherers Ergo hatte 2010 durch die Fusion mit der Victoria mehr Beitragseinnahmen als der Konkurrent Debeka, doch nach mit gut 900.000 deutlich weniger Vollversicherte. Seither ist die Zahl der Vollversicherten gesunken, auf 882.000 Personen im Jahr 2012. Auch gemessen an den Beitragseinnahmen liegt nun Konkurrent Debeka wieder vor, weil die DKV nicht so stark wächst. Das Unternehmen hat seine Tarifstruktur saniert.

Axa

Die Tochter des französischen Versicherers ist durch Fusionen die Nummer drei geworden. Sie ist in den vergangenen Jahren weiter gewachsen, liegt aber mit knapp 780.000 Vollversicherten noch ein gutes Stück hinter der DKV.

Allianz

Die Krankenversicherung des größten europäischen Versicherungskonzerns verliert seit Jahren Vollversicherte, auch in 2012: Gut 670.000 Personen sind es nun. Das Geschäftsfeld ist im Kontext des großen Allianz-Konzerns sehr klein, weshalb es immer wieder Gerüchte gibt, der Konzern würde sich lieber ganz auf Zusatzversicherungen im Rahmen einer Bürgerversicherung konzentrieren.

Central

Die Tochter des Generali-Konzerns hat ein großes Problem mit Billigtarifen und Nichtzahlern. In den vergangenen Jahren war das Unternehmen sehr stark gewachsen und sprang daher über die Marke von mehr als einer halben Million Vollversicherten. Doch viele neue Kunden haben nicht das gehalten, was sich der Versicherer von ihnen versprochen hat. Daher musste die Gesellschaft mit saftigen Beitragserhöhungen reagieren, um Verluste in den Griff zu bekommen. Kundenverluste waren die Folge. 2012 war der Abgang extrem stark: um minus 76.800 Personen auf rund 418.000.

Signal

Der Versicherungsverein versucht seinen Bestand von rund 470.000 Vollversicherten zu halten, was auch 2012 gelang. Und es hält auch seine Beitragserhöhungen in Grenzen. Neuer Schwung ist in das Unternehmen gekommen, seit die Krankenversicherung des Deutschen Ring in die Gruppe eintrat. Dieses Unternehmen wächst vergleichsweise stark und ist mit 138.000 Vollversicherten die Nr. 18 der Branche.

Bayerische Beamten

Die Tochter des größten Sparkassenversicherers Versicherungskammer Bayern (VKB) schützt rund 370.000 Vollversicherte. 2012 ging die Zahl um rund 10.000 zurück.

Continentale

Der Dortmunder Versicherungsverein ist stark auf die Krankenversicherung spezialisiert und hat keine Scheu, auch unbequeme Meinungen innerhalb der Branche offensiv zu vertreten. Einige Jahre stagnierte die Zahl der Vollversicherten bei 385.000, im Jahre 2012 waren es knapp 392.000 Personen. Aufgefallen ist der Versicherer mit saftigen Beitragsrückerstattungen.

Huk-Coburg

Der Versicherungsverein sorgt auch in der Krankenversicherung für frischen Wind und profitiert von seiner vergleichsweise schlanken Kostenstruktur. Die Zahl der Kunden steigt seit Jahren stetig. Im Jahre 2012 kamen mehr als 7000 hinzu, es sind rund 393.000.

Barmenia

Der Versicherer aus Wuppertal versucht seit einigen Jahren, seinen Bestand bei rund 300.000 zu halten. 305.000 waren es 2012.

Hallesche

Die Gesellschaft gehört zum Konzern Alte Leipziger. Zuletzt hat sich das Unternehmen auf die Seite derjenigen geschlagen, die hohe Provisionen in der privaten Krankenversicherung ablehnen. Die Gesellschaft hat rund 243.000 Vollversicherte. 2012 kamen rund 6.500 Personen dazu.

Landeskrankenhilfe (LKH)

Traditionell gehört der nicht konzerngebundene Versicherungsverein aus Lüneburg zu den Unternehmen, die kostenbewusst arbeiten. Die gut 200.000 Vollversicherten erhalten über Beitragsrückerstattungen und für kostenbewusstes Verhalten regelmäßig Geld gutgeschrieben. 

Hanse-Merkur

Die Gesellschaft aus Hamburg expandierte in den vergangenen Jahren sehr stark und hat sich auf Billigtarife spezialisiert. Im Gegensatz zu einigen größeren Konkurrenten hat der Versicherer allerdings weniger Probleme mit dieser Klientel. Das Problem der Nichtzahler versucht Hanse-Merkur mit einem eigenen extrem günstigen Tarif in den Griff zu bekommen. Die Zahl der Vollversicherten ist 2012 erneut deutlich auf knapp 227.000 Personen gestiegen.

Süddeutsche (SDK)

Der Versicherer aus der Nähe von Stuttgart hat ein übersichtliches Tarifwerk und lehnt geschlossene Tarife ab. Die Beiträge seiner knapp 170.000 Vollversicherten stiegen zuletzt unterdurchschnittlich.

Gothaer

Mit rund 165.000 Vollversicherten ist der Versicherungsverein aus Köln die Nr. 15 unter den gut 40 privaten Krankenversicherern. Die Kundenzahl ging 2012 um knapp 3000 zurück.

Kommentare (6)

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Idiotosgermanoszahlosallos

07.12.2011, 06:14 Uhr

Ich habe den teuersten Tarif genommen, Beitragserhöhungen sind mir egal, ich zahle schon seit einem Jahr keine Beiträge mehr und bin trotzdem weiterversichert. Der Gesetzgeber hat gute Arbeit gemacht. Da werden sich die Beamten aber freuen, wenn ihre Beiträge zweistellig steigen. Ich nenne das ausgleichende Gerechtigkeit. Übrigens, komme ich aus Griechenland, Deutschland ist wunderbar.

Account gelöscht!

07.12.2011, 08:03 Uhr

Stimmt, § 206 Absatz 1 VVG war eine "Meisterleistung" des Gesetzgebers, um die PKV zugunsten der GKV zu torpedieren. Eine von mehreren Aktionen, die die Politik in dieser Richtung bereits unternommen hat.

es_wird_nicht_billiger

07.12.2011, 08:15 Uhr

Die Zeit der Voll PKV läuft ab. Insgeheim wäre ein Großteil der PKV Vorstände über die Einführung wohl heilforh.
Falsche Tarifkalkulationen und Umsatzsteigerungen um jeden Preis. Betrachtet man die Gesamteinnahmen so sind die Argumente bzgl. Preissteigerungen wegen Nichtzahlern geradezu Hahnebüchen. Wenn die Nichtzahler sich mit 3-5€ auswirken ist es wohl mehr als genug. Hier wird wie in der Politik wieder mal von eigentlichen Problem abgelenkt. Der Segen der PKV ist gleichzeitig der Fluch. Hohe nicht gedeckelte Leistungen werden gnadenlos ausgenutzt um noch weitere Mrd. aus dem System zu pressen. Zusätzlich kommen nun die die früheren Einsteiger in ein Alter in dem sie tatsächlich auch kosten generieren. Wären bei früheren Wechsel der PKV nicht regelmäßig enorme Stornogewinne für die Gesellschaften angefallen, hättes das System schon wesentlich früher ernste probleme bekommen. Die lange Niedrigzinsphase in den kapitalanlagen tut ihr Übriges. Beitragssteigerungen von >6-7% p.a. werden und sind die normalität und nicht die Ausnahme. Wer jedoch glaubt das er in einer Bürgerversicherung deutlich weniger bezahlt wird sich ebenfalls täuschen. Solange bestimmte Ärztegruppen EK>250000€ als normal ansehen und die Politik 2 mal im Jahr erhöhungen zustimmt, Medikamente ein vielfaches als im Rest Europas kosten so lange wird sich auch nichts ändern.

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