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02.04.2012

12:03 Uhr

Kunden im Visier

Versicherer machen Jagd auf Betrüger

VonAlisha Ricard

Die Detektive der Branche kennen kein Pardon. Vor allem wenn kaputte Brillen, lädierte Computer und zerstörte Fernseher ersetzt werden sollen, laufen die Fahnder der Versicherungen zur Höchstform auf.

Eine kaputte Brille: Zufall oder Absicht? Quelle: GDV

Eine kaputte Brille: Zufall oder Absicht? Quelle: GDV

FrankfurtWer Versicherungsbetrüger überführen will, braucht einen Blick für Details. „Bei einem Einbruch in einem Keller gab der Geschädigte an, dass diverse Technikgeräte fehlen, darunter zwei Fernseher“, erinnert sich ein Sprecher des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Angabe wurde als Lüge entlarvt — dank einer Staubspur. Wo die Fernseher angeblich gestanden hatten, war viel Staub auf dem Boden, anders als bei den Plätzen für die anderen Geräte. Ein sicheres Indiz für einen Schwindel.

So lassen sich Versicherer betrügen

Brille

Beschädigte Brillen gehören zu den häufigsten Schadenmeldungen in der privaten Haftpflichtversicherung. Der Schadenhergang wird oft falsch dargestellt, um eine Versicherungsleistung zu erreichen.

Handy

Neu gegen alt: Kommt eine neue Gerätegeneration auf den Markt, steigt die Zahl beschädigt gemeldeter Altgeräte auffällig. Die Haftpflichtversicherung anderer soll einspringen, um so zu einem neuen iPhone zu kommen.

Computer

Beschädigte Laptops: Etwa 36 Prozent aller gemeldeter Laptopschäden sind Betrugsversuche. Weitere neun Prozent der Kunden verzichten auf die Schadenregulierung, nachdem die Versicherungsgesellschaft um Zusendung des defekten Gerätes zur Begutachtung gebeten hat.

Auto

Gekracht: Nicht jeder Unfall passiert ungewollt. Mehr als 10 Prozent der Autounfälle sind nach den Erfahrungen der Versicherer vorgetäuscht – oder werden zumindest überteuert beim Kfz-Versicherer abgerechnet.

Fernseher

Vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 wurden plötzlich mehr defekte Fernseher als üblich gemeldet. Als Ursache wurde oft ein Blitzschlag genannt. Mit einem fingierten Schadenfall wollten viele Kunden das neue Gerät zur WM finanzieren.

Rechnungen

Ein Schaden wird etwas höher dargestellt. Auch völlig überzogene Handwerkerrechnungen für Schäden sind keine Seltenheit. Wenn dann im jeweiligen Betrieb genauer nachgefragt wird, hören die Versicherer oftmals, dass es einen Fehler in der Buchhaltung gegeben habe.

Vier Milliarden Euro gehen laut GDV den deutschen Schaden- und Unfallversicherern jährlich durch Betrug verloren. Damit sind zehn Prozent der Leistungen erschlichen — Tendenz steigend. Vertreter von Zurich und auch Allianz registrieren nach eigenen Aussagen eine Zunahme der Betrugsfälle, vor allem bei Technikgeräten. Das liege unter anderen an dem Lebenszyklus der Produkte. „Wenn es ständig neue Modelle gibt, wird das alte langweilig und dann mehren sich Technikschäden“, erklärt ein Sprecher von Zurich. Kürzlich wurde das iPad 3 vorgestellt. Versicherer erwarten schon Unfälle mit dem alten Modell.

Handy-Versicherungen locken Betrüger

Video: Handy-Versicherungen locken Betrüger

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Neben Haftpflicht- und Hausratversicherungen sind auch Kfz-Versicherungen anfällig für Missbrauch. Teilweise werden sogar Unfälle unter Verwicklung Dritter provoziert. Dabei handelt es sich um organisierten Betrug, der laut Peter Fuck, Bereichsleiter Schaden von Ergo, seltener vorkommt. Mitnahmeeffekte wie bei den erfunden Fernsehern sind dagegen beinahe alltäglich.

Hilfe bei Schadenabwicklung: Software soll Versicherungsbetrug aufspüren

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Software soll Versicherungsbetrug aufspüren

Manipulierte Schäden kosten die Branche Milliarden. Um Betrüger zu entlarven, setzen Versicherer wie die Zurich zunehmend auf Spezial-Software. In Deutschland hat die Branche sogar eine gemeinsame Verdachts-Datenbank.

Unrechtsbewusstsein ist vielen Tätern fremd. Ein Zurich-Sprecher weiß von drei großen Säulen des Betrugs: „Manchmal werden reale, kleine Schäden vergrößert, sowohl auf dem Papier als auch in der Praxis, wenn zum Beispiel ein kleiner Riss im Sofa erweitert wird. Oder es wird Geld für etwas gefordert, das gar nicht passiert ist.“ Im Extremfall führten Versicherte den Schaden sogar herbei.


Kommentare (9)

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jaguar

02.04.2012, 13:14 Uhr

Auch bei den Versicherungen gilt: Die Kleinen werden verfolgt, die Großen lässt man laufen. Wasserschäden in Arztpraxen, bei denen der Schaden gleich in die Hunderttausende gehen, werden in der Regel nur oberflächlich begutachtet.

Tommy43543

02.04.2012, 14:20 Uhr

Unglaubwürdig ist laut GDV auch ein großer Brand, der aber Quittungen und persönliche Erinnerungsstücke verschont hat.
[...]Wenn dann noch Nachweise wie Quittungen fehlen, ist es schwierig. Dann muss man von Fall zu Fall entscheiden.

Egal, ob man die Quittung hat oder nicht, die Versicherung findet immer einen Grund, nicht zu zahlen!

Ehlicher-Versicherter

02.04.2012, 15:16 Uhr

Meine kleine Philosopie zu Versicherungen:

Lieber mal 500 Eur als Schaden hinnehmen, als jahraus jahrein den Versicherungen Prämien in den Rachen zu werfen.

Wer glaubt aus einer Versicherung Gewinn zu ziehen, muß ja zwangsläufig Versicherungsbetrug im Sinn haben (oder ziemlich dämlich sein).

Versichert werden sollten daher nur quasi-existentielle Risiken. Wer "Kleinscheiß" für unter 1000 Eur absichert (Brille, Laptop,...) der wird mit den >10% Betrügern und Abkassierern in einen Topf geworfen. Aus dem Topf gehen zudem Versicherungssteuer, Gewinne und (bei Kleinkram überproportional hohe) Eigen-Kosten der Versicherer ab.
=>Logische Folge: ich zahle in JEDE Versicherung immer viel mehr ein, als ich statistisch je rauskriege.

Daher nur Großschäden versichern (Hausbrand, Neuwagen-Vollkasko, persönliche Haftpflicht), wo der Schadenseintritt eher unwahrscheinlich, aber dann ggf. riesig sein kann. Außerdem grundsätzlich so hohe Eigenbeteiligung wie möglich vereinbaren. Die Prämien sind für diese Fälle dann in aller Regel dramatisch niedriger. Wo ich mit Eigenbeteiligung "dabei" bin, erwartet die Versicherung auch kaum einen (dann eh nicht mehr lohnenden) Betrug, bzw die Gutachter-Kosten fallen bei 4-stelligen Schäden weniger ins Gewicht.

Andersrum sind Versicherungen natürlich auch selbst an ihrem Ruf und Schaden schuld, wenn kurzlebige Modeartikel wie Fernseher und Brillen versichert werden. Hier preisen die eben die Kosten für den Betrug mit ein und versuchen sich ggf. vor Zahlung zu drücken.

Nur meine 2 cent zum Thema.

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