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13.12.2012

10:52 Uhr

Lebensversicherer in Not

„Wir halten den Garantiezins nicht durch“

Die Zinsgutschriften für Lebensversicherungen sinken deutlich. Weitere Unternehmen bestätigen den Trend. Wegen des Zinsrückgangs hinterfragen Manager sogar das tragende Element dieses Produkts: den Garantiezins.

Vorsicht bei Neuangeboten von Lebensversicherern

Video: Vorsicht bei Neuangeboten von Lebensversicherern

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HamburgDie deutschen Lebensversicherer können sich langfristige Renditeversprechen nach Ansicht der Hanse-Merkur angesichts niedriger Zinsen auf Dauer nicht mehr leisten. "Wir werden den Garantiezins nicht über eine lange Zeit durchhalten können", sagte Vorstandschef Fritz Horst Melsheimer der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Niedrigzinsphase werde die Versicherungsbranche noch lange Zeit begleiten. Der Chef des Hamburger Versicherers brachte Lebensversicherungen mit einem befristeten Garantiezins ins Gespräch. Womöglich reiche eine Zusage für die ersten zehn Jahre, sagte er.

Lebensversicherungen: So viel erhalten die Kunden 2013

Worum es geht

Die jährliche Zinsgutschrift der Lebensversicherer heißt Überschussbeteiligung. Sie setzt sich zusammen aus dem Garantiezins und einem Bonus. Derzeit beträgt der Garantiezins 1,75 Prozent. In alten Verträgen kann er bis zu vier Prozent betragen. Beschlossen ist jetzt, den Garantiezins ab 2015 auf 1,25 Prozent zu senken.

Was die Versicherer gerne nennen

Die Lebensversicherer weisen neben der Überschussbeteiligung gerne noch die Gesamtverzinsung eines Vertrags aus, der gerade ausläuft. Diese Prozentzahl ist etwas höher, weil der Kunde noch einen Zuschlag aus weiteren Gewinntöpfen der Lebensversicherer erhält – weil er bis zum Ende durchgehalten hat.

Branchenschnitt

Analysten erwarten, dass die Überschussbeteiligung für 2014 weiter sinkt – im Schnitt von knapp vier Prozent im Jahre 2012 auf nun 3,4 bis 3,5 Prozent im Jahre 2014.

Langfristiger Trend

Die Zinsgutschriften der Lebensversicherungen fallen seit mehr als einem Jahrzehnt. Ursache ist der starke Rückgang der Kapitalmarktzinsen.

Der Branchenführer

Der Branchenführer Allianz senkt die Überschussbeteiligung von 4,0 Prozent im Jahre 2012 auf 3,6 Prozent für die Jahre 2013 und 2014.

Die Besten

Sehr hohe Überschussbeteiligungen zwischen 4,05 und 3,6 Prozent weisen diese Gesellschaften aus: My Life, Ideal, Cosmos Direkt, Volkswohl Bund, Direkte Leben Stuttgarter, die Bayerische, Debeka und die Stuttgarter Leben.

Die Schlechten

Viele Lebensversicherer schaffen nur noch eine Überschussbeteiligung von drei Prozent. Dazu zählen 2014: Versicherungskammer Bayern, Swiss Life, HDI Gerling, Victoria und Zurich. Effektiv liegt die Zinsgutschrift damit deutlich unter der Marke.

Ideal

Der kleine Lebensversicherer zahlt im fünften Jahr in Folge eine stabile Gesamtverzinsung von 4,9 Prozent. Dieser Satz setze sich zusammen aus einer laufenden Überschussbeteiligung von 4,0 Prozent sowie einem Schlussüberschuss von 0,9 Prozent.

DEVK

Die Lebensversicherer der DEVK trotzen dem historisch niedrigen Zinsniveau: Für das Jahr 2013 schütten sie eine Überschussbeteiligung in Höhe von 4,0 Prozent aus. Im Vorjahr waren es 4,1 Prozent

Inter

Die Gesamtverzinsung für das Jahr 2013 wurde auf 3,6 Prozent festgelegt (Vorjahr: 3,75 Prozent). Die Überschussbeteiligung, die niedriger sein dürfte, teilte der Versicherer nicht mit.

Zwei Topanbieter

Die Kunden des Landeslebenshilfe V.V.a.G. (LLH) erhalten für ihre Guthaben in 2013 eine laufende Verzinsung von 4,25 Prozent und damit eine seit Jahren überdurchschnittlich hohe Überschussbeteiligung. Einschließlich Schlussüberschussbeteiligung werde sich eine Gesamtverzinsung von durchschnittlich 5,0 Prozent ergeben, die damit weiterhin deutlich über dem Marktniveau liegen werde, teilte der Versicherer mit. Noch etwas besser ist Targo mit 4,3 Prozent.

Provinzial Rheinland

Die Gesamtverzinsung der Provinzial Rheinland sind im Vergleich zum Vorjahr um 0,15 Prozent auf insgesamt 4,1 Prozent (inkl. Schlussüberschuss und Sockelbeteiligung an den Bewertungsreserven). Die darin enthaltene laufende Verzinsung liege bei 3,4 Prozent, teilte der Sparkassenversicherer aus Düsseldorf mit.

Heidelberger Leben

Entgegen dem Trend in der Lebensversicherungsbranche hält die Heidelberger Lebensversicherung AG für das Jahr 2013 die Überschussbeteiligung konstant auf dem Vorjahresniveau von 4,0 Prozent. Aufgrund der Spezialisierung auf fondsgebundene Produkte sei das Unternehmen nur im geringen Umfang von der aktuellen Niedrigzinsphase betroffen.

Stuttgarter

Die Stuttgarter Lebensversicherung a.G. bietet eine laufende Verzinsung von 4,0 Prozent (Vorjahr 4,2 Prozent). Zusammen mit der Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven und den Schlussüberschussanteilen ergebe sich für 2013 eine Gesamtverzinsung von 4,81 Prozent (errechnet nach Assekurata-Modellfall, Laufzeit 25 Jahre).

Ein großer Konkurrent

Für die klassischen Renten- und Lebensversicherungen von AXA und DBV wird die laufende Verzinsung (Garantieverzinsung plus Zinsüberschussanteil) im kommenden Jahr bei 3,65 Prozent liegen (2012: 3,8 Prozent). Die Gesamtverzinsung 2013 wird einschließlich des Kostenüberschussanteils, des Schlussgewinnanteils und der Sockelbeteiligung an den Bewertungsreserven im Schnitt 4,4 Prozent erreichen (2012: 4,6 Prozent).

Volkswohl Bund

Die Volkswohl Bund Lebensversicherung a.G. legt ihre laufende Verzinsung für das Jahr 2013 auf 3,65 Prozent (2012: 4,05 Prozent) fest.

Nürnberger

Die Nürnberger Lebensversicherung und die Nürnberger Beamten Lebensversicherung halten ihre Überschussbeteiligung stabil bei vier Prozent. Auch für 2012 und 2011 galten diese Werte. Dies ergibt sich aus der Assekurata-Überschussstudie 2013.

Der Garantiezins ist den Versicherern schon länger ein Dorn im Auge. Denn er steht bei Vertragsabschluss für die gesamte Laufzeit des Vertrages fest - doch den Versicherern fällt es schwer, Anlagen zu finden, die über eine so lange Zeit sichere Renditen abwerfen.

Mit 1,75 Prozent ist die maximal erlaubte Garantie für viele Kunden ohnehin nicht mehr so attraktiv. Der Rest der Gesamtverzinsung, die Überschussbeteiligung, kann jedes Jahr neu festgelegt werden. Der Garantiezins lag auch schon deutlich höher - bis zu vier Prozent. Doch diese Altverträge sind heute ein Problem für die Branche.

Auch Hanse-Merkur schraubt die Zinsen für ihre Lebensversicherungskunden für das nächste Jahr weiter herunter. Die Gesamtverzinsung werde auf etwa vier Prozent sinken, kündigte Melsheimer an. Die genaue Höhe soll der Vorstand am Montag beschließen.

Zuletzt lag die Verzinsung einschließlich Schlussüberschuss und ausgeschütteter Bewertungsreserven im Schnitt bei 4,5 Prozent. Marktführer Allianz hatte die Gesamtverzinsung der Sparanteile um 0,3 Punkte auf 4,2 Prozent gesenkt. Bei der zur Münchner Rück gehörenden Ergo schrumpft die Gesamtverzinsung auf 3,55 (2012: 4,15) Prozent.

Ranking der Lebensversicherer nach der Beitragsrendite

Rang 1

Bei Europa beträgt die Beitragsrendite 5 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,35 Prozent.

(Quellen: Morgen & Morgen, BVI, Map-Report, Allianz)

Rang 2

Bei Cosmos Direkt beträgt die Beitragsrendite 4,50 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,05 Prozent.

Rang 3

Bei Targo beträgt die Beitragsrendite 4,40 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,60 Prozent.

Rang 4

Bei Huk beträgt die Beitragsrendite 4,30 Prozent und die Überschussbeteiligung 4 Prozent.

Rang 5

Bei der Öffentlichen Braunschweig beträgt die Beitragsrendite 4,30 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,80 Prozent.

Rang 17

Bei der Allianz beträgt die Beitragsrendite 3,80 Prozent und die Überschussbeteiligung 4 Prozent.

Rang 59

Bei Rheinland beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,60 Prozent.

Rang 60

Bei Universa beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,50 Prozent.

Rang 61

Bei der Öffentlichen Berlin beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,30 Prozent.

Rang 62

Bei der VPV Lebensversicherungs AG beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,25 Prozent.

Rang 63

Beim Münchener Verein beträgt die Beitragsrendite 2,40 Prozent und die Überschussbeteiligung 3 Prozent.

Die Gesamtverzinsung ist wichtig für Kunden, deren Verträge im nächsten Jahr auslaufen. Die Versicherer geben diesen Zinssatz derzeit gerne an, weil er häufig noch um die vier Prozent liegt. Daneben achten Kunden, deren Verträge noch weiter laufen, auf die sogenannte Überschussbeteiligung. Diese wird Jahr für Jahr den Verträgen gutgeschrieben.

Waren es im Schnitt der Branche in diesem Jahr noch knapp vier Prozent, so tendiert die Überschussbeteiligung für 2013 deutlich in Richtung drei Prozent. Die Ursache ist der langfristige Verfall der Kapitalmarktzinsen, der auch an den Versicherer über kurz oder lang nicht spurlos vorüberzieht. Die Euro-Schuldenkrise und der Wertverfall von Staatsanleihen südeuropäischer Länder belasten die Finanzbranche. Dazu kommen verschärfte Eigenkapitalvorschriften.

Wichtige Kennziffern für Lebensversicherer

Nettoverzinsung

Bei der Nettoverzinsung werden sämtliche Erträge und Aufwendungen aus Kapitalanlagen berücksichtigt. In die Berechnung einbezogen sind somit auch Erträge und Verluste aus dem Abgang von Kapitalanlagen sowie die Abschreibungen auf Wertpapiere. Diese Kennzahl kann daher relativ starken Schwankungen unterworfen sein. Die Berechnung der Nettoverzinsung erfolgt nach den Empfehlungen des LV-Verbandes.

Abschlusskosten in Prozent der Beitragssumme des Neugeschäfts

Abschlusskosten entstehen im Zusammenhang mit dem Neugeschäft. In der Regel sind die Kosten kalkulatorischer Bestandteil des Versicherungsprodukts, die der Versicherungsnehmer (zumindest teilweise) im Rahmen seiner Prämie trägt.

Verwaltungskosten in Prozent der gebuchten Bruttobeiträge

Diese Kostenquote beinhaltet die Kostenpositionen des Jahresabschlusses, die nicht unmittelbar dem Neugeschäft zuzuordnen sind. Hieraus lässt sich erkennen, wie hoch die Kostenbelastung in Relation zu den eingenommenen Beiträgen ist.

RfB-Quote

Der freien RfB (Rückstellung für Beitragsrückerstattung) kommt die Bedeutung einer Pufferfunktion zur Glättung der jährlichen Gewinnbeteiligung zu. Die freie RfB in Prozent der Deckungsrückstellung ist ein Indikator für die Höhe dieses „Puffers“ in Relation zur gesamten Deckungsrückstellung der Versicherten im Geschäftsjahr.

Überschussquote

Die Zuführung zur Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB in Prozent der gebuchten Bruttobeiträge und Nettoerträge aus Kapitalanlagen) gibt Aufschluss darüber, wie groß der Anteil der Erträge ist, der der Versichertengemeinschaft in Form von Überschüssen zugute kommt.

Wachstumsquote

Das Wachstum eines Versicherungsunternehmens wird hier an drei Größenpositionen gemessen: Entwicklung der Beiträge (50%), Entwicklung der Kapitalanlagen (25%) und Entwicklung der Versicherungssummen (25%).

Storno kapitalbildende Tarife

Das Storno erfasst die Verträge der kapitalbildenden Tarife (Kapital- und Rententarife), die vorzeitig - also vor Vertragsablauf - gekündigt oder beitragsfrei gestellt werden. Es lässt einen Rückschluss auf die Qualität der Beratung, der Tarife und der Vertriebswege zu.

Modifizierte Eigenmittelquote

Die modifizierte Eigenmittelquote ist ein Maßstab dafür, in welchem Umfang ein Lebensversicherer Risiken durch die Eigenmittel Eigenkapital und Schlussüberschussanteil-Fonds (SÜAF) abdecken kann. Hierfür wird eine Quote gebildet, welche die Summe dieser beiden Eigenmittel der Deckungsrückstellung gegenüberstellt.

Bewertungsreserve

Die Reservequote zeigt, wie groß der Anteil der so genannten Stillen Reserven in Prozent der gesamten Kapitalanlagen zum Bilanzstichtag war. Die Stillen Reserven ergeben sich im Wesentlichen aus abgeschriebenen bzw. zum Niederstwert angesetzten Buchwerten (z. B. Grundstücke, Aktien und Investmentfondsanteile) gegenüber ihren zum Stichtag ermittelten und angesetzten Marktwerten. Die Bewertungsreserve wurde erstmals im Bilanzjahrgang 1997 in den Geschäftsberichten ausgewiesen. Seit dem Bilanzjahrgang 2007 sind auch die Stillen Reserven in den zu Nennwert bilanzierten Kapitalanlagen angabepflichtig und sind entsprechend integriert. Quelle: Morgen & Morgen

Melsheimer verweist darauf, dass Lebensversicherungs-Kunden vielfach die über Jahrzehnte eingegangenen Verträge nicht mehr durchhalten. Ihnen solle es erleichtert werden, Lebensversicherungen auszusetzen. "Wir werden zum Prinzip einer Einmalversicherung kommen müssen, wie sie im angelsächsischen Raum üblich ist."
Geschäftlich läuft es bei der Hanse-Merkur rund. Melsheimer stellte für dieses Jahr ein prozentual zweistelliges Wachstum der Beitragseinnahmen in Aussicht. Der Überschuss werde voraussichtlich um ein Fünftel wachsen. "Wenn uns die Kapitalmärkte nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen, werden wir 2012 einen Rekordüberschuss erwirtschaften."

Kommentare (31)

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QQI

12.12.2012, 14:21 Uhr

Die Anlageform "Kapitallebensversicherung" hat fertig! Hallo Staat: Bitte die Steuervorteile für diese Art von Gewinnmaschinen für die Versicherungsgesellschaften ersatzlos streichen! ihr Steuerzahler

Account gelöscht!

12.12.2012, 14:36 Uhr

Wieder einseitige Berichterstattung.... Liebes HB, sagen Sie mir bitte, wo ich heute 4% sonst bekomme.

IwantMyMoneyBack

12.12.2012, 14:38 Uhr

Stellen wir uns mal die Frage warum der Garantiezins den Lebensversicherern solche Schwierigkeiten macht?! Der hochverschuldete Staat braucht niedrige Zinsen. Und die seit geraumer Zeit derart niedrigen Zins sind abnormal.

Rentner und Sparer werden hart getroffen. Staatliche Pensionäre hingegen bekommen ihre Pension analog mit den Erhöhungen der aktiven Beamten. Sie trifft die Geldentwertung nicht.

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