Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.09.2014

14:00 Uhr

Lebensversicherung

Kündiger verzweifelt gesucht!

VonSara Zinnecker

Weniger als die Hälfte aller Lebensversicherten zahlen bis zum Ende in ihren Vertrag ein. Statt zu kündigen, könnten sie sich an einen Zweitmarktanbieter wenden – theoretisch. Doch längst nicht jeder wird die Police los.

Her mit der Lebensversicherung! Zweitmarktanbieter sehen sich gern als die erste „Alternative zur Kündigung“. Doch ganz so einfach ist es nicht. Getty Images

Her mit der Lebensversicherung! Zweitmarktanbieter sehen sich gern als die erste „Alternative zur Kündigung“. Doch ganz so einfach ist es nicht.

DüsseldorfMan nehme einmal an, der Markt für Lebenspolicen in Deutschland würde so funktionieren, wie es sich der Versicherungsrechtler Hans-Peter Schwintowski erst neulich in einem Interview gegenüber Handelsblatt Online ausgemalt hat: Kunden, die kurzfristig an das Ersparte heran müssen, wäre es verboten, ihre Policen zu kündigen. Sie hätten stattdessen das Recht, die Police an einen Zweitmarktanbieter zu verkaufen.

Für Schwintowski könnten in einer solchen Welt alle profitieren: „Die Kunden kämen raus, die Policen würden aber weiter bis zum Ende laufen. Das würde die Renditen deutlich erhöhen, weil sich Versicherer den langfristigen Anlagehorizont bewahren.“ Bestandskunden stünden also am Ende besser da, aber auch die Kündiger. Sie bekämen für ihre laufende Police vom Zweitmarktanbieter mehr ausbezahlt als vom Versicherer.

Schwintowskis Gedankenspiel hat die zuletzt eingeschlafene Diskussion um den Zweitmarkt für Lebensversicherungen in Deutschland wieder entfacht – zumindest für die Zweitmarktanbieter selbst. Der Verband BVZL, in dem 14 Anbieter organisiert sind, nutzte die Aussagen des Versicherungsrechtlers, um einmal mehr für das eigene Business zu werben – den Aufkauf von bereits laufenden Policen.

Eine gesetzliche Hinweispflicht müsse es geben, forderte der Verband im Zusammenhang mit der Lebensversicherungsreform. Verbraucher, Versicherer – alle könnten davon profitieren. Doch einmal mehr blieben die Forderungen ungehört. Seit Jahren schaffen es die Anbieter nicht, ihr Ankaufvolumen zu steigern. Der Markt stagniert. Mit Policen im Wert von rund 200 Millionen Euro erwerben sie nur einen Bruchteil, rund drei Prozent, des jährlichen Stornovolumens.

Warum tut sich der Zweitmarkt hierzulande so schwer? Liegt es nur daran, dass, wie die Anbieter behaupten, nur jeder Zehnte Lebensversicherte überhaupt weiß, dass sie ihre Police auch verkaufen können? Versicherungsexperten und Verbraucherschützer bezweifeln das. Für sie ist das Hauptproblem, dass Kunden ihre Policen meistens gar nicht verkauft bekommen. „Der Zugang zum Zweitmarkt steht nur den wenigsten Verbrauchern offen“, sagt Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten. Der Grund: Nur die wenigsten Policen sind für die Zweitmarktanbieter attraktiv genug.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

In der Tat: Für die Anbieter lohnen in der Regel nur solche Verträge, die einen hohen Rückkaufswert haben – also solche, die der Kunde zeitlebens gut bespart hat und die schon eine ganze Weile laufen. „Je kürzer der Vertrag läuft, desto schneller kommen die Zweitmarktanbieter aus dem Vertrag heraus und können die Ablaufleistung kassieren.“, erklärt Kleinlein. „Bei langen Restlaufzeiten riskiert der Anbieter dagegen, dass die Versicherer ihre jährlichen Zinsgutschriften zurückfahren – und am Ende weniger Ablaufleistung übrig bleibt.“

Auch Zweitmarktanbieter selbst leugnen das betriebswirtschaftliche Kalkül nicht. „Das Investitionsfenster für Zweitmarktinvestoren beginnt erst, wenn die Abschlusskosten des Vertrags getilgt sind“, heißt es etwa vom Marktführer Policen Direkt. „Erst dann übersteigt der Rückkaufswert die kumulierten Prämien“. Zu Deutsch: Erst zu diesem Zeitpunkt ist der Vertrag mehr wert als hereingesteckt wurde. Erfahrungsgemäß sei dies laut Policen Direkt ab einem Rückkaufswert von 10.000 Euro der Fall. Das ist der Grund, warum der Anbieter in der Regel nur solche Verträge ankauft.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×