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12.06.2015

16:18 Uhr

Lebensversicherung

So ärgern Sie Ihren Versicherer

Es ist ein Aufruf der Extraklasse: Ab sofort können Versicherungskunden die Auszüge ihrer Lebenpolicen an die Verbraucherzentrale Hamburg schicken. Man will unter anderem testen, wie sehr Niedrigzinsen zu Buche schlagen.

Unzufriedene Lebensversicherungskunden können ihre Auszüge an die Verbraucherzentrale Hamburg zum Check schicken. Imago

„Angeschwärzt“

Unzufriedene Lebensversicherungskunden können ihre Auszüge an die Verbraucherzentrale Hamburg zum Check schicken.

DüsseldorfAlle Jahre wieder flattert Kunden einer Lebensversicherung ungeliebte Post ins Haus: der aktuelle Wertauszug der eigenen Lebenpolice, auch genannt: Standmittelung. Kunden finden darin Dinge wie Rückkaufswerte, Überschussbeteiligungen, Dynamisierungen. Irgendwo wird – sollte es sich um eine Rentenversicherung handeln – auch die Rente ausgewiesen, mit der der Versicherte zum aktuellen Zeitpunkt in der Zukunft bei Rentenbeginn rechnen kann.

Seit Jahren sind diese Standmitteilungen für Lebensversicherte mehr Frust als Lust. Denn die Bescheinigungen sind nicht nur lang und unverständlich, sondern unterm Strich bleibt auch immer weniger Rente. Schuld daran sind nicht zuletzt die Niedrigzinsen, die es Versicherern schwieriger machen, angemessene Renditen auf den garantierten Sparbeitrag eines jeden Kunden zu erwirtschaften. Und so bald wird sich an der Entwicklung auch nichts ändern: Analysehäuser gehen davon aus, dass sich die laufende Verzinsung der Lebensversicherer in den kommenden Jahren weiter nach unten bewegt.

Die Kombination aus Intransparenz und schwindendem Output hat jetzt auch die Verbraucherzentralen auf den Plan gerufen. Einen großen Vorstoß übt jetzt die Verbraucherzentrale (VZ) Hamburg. Sie hat Versicherungskunden auf ihrer Internetseite aufgerufen, ihre Standmitteilungen samt Versicherungsschein in Kopie einzusenden. Sie sollten möglichst bis 2007 zurückreichen, um Entwicklungen der Überschüsse, aber auch der Darstellung über die Zeit auch nachvollziehen zu können.

Die Verbraucherzentrale Hamburg will dann auswerten, wie sich etwa Niedrigzinsumfeld und die jüngsten Reformen auf die Leistung der Lebensversicherung auswirken. Doch auch die Art und Weise, wie Informationen aufbereitet und dargestellt werden, schauen sich die Verbraucherschützer an. „Bisherige Schreiben enthalten uneinheitliche und zum Teil verwirrende Informationen“, sagt VZ-Chef Günter Hörmann. Sein Ziel ist es, bis zum Frühjahr 2016 Vorschläge für eine Muster-Darstellung machen zu können.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Die Verbraucherzentrale Hamburg ist nur eine von mehreren Verbraucherzentralen, die im Projekt der „Finanzmarktwächter“ mitwirken, das die Bundesregierung unter Federführung von Verbraucherschutzminister Heiko Maas im Oktober an den Start gebracht hatte. Im Fokus der Finanzmarktwächter stehen unfaire Vertriebsmethoden, mangelnde Aufklärung der Kunden, ineffiziente Produkte oder Störungen im Wettbewerb. 

Von

saz

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

12.06.2015, 16:46 Uhr

"Lebensversicherung - So schwärzen Sie Ihren Versicherer an"

Hier hat das Handelsblatt einen sehr eigenwilligen Wortschatz, wenn es von "anschwärzen" spricht, weil einer die Policen "nachrechnen" will.

Wenn die Redaktion bei dieser Wortwahl bleibt, dann wissen wir auch wie der Hase läuft!

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