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03.08.2012

11:00 Uhr

Lebensversicherungen

Ende eines deutschen (Rendite-)Traums

VonJens Hagen

Einst galt die Lebensversicherung als der Deutschen liebstes Anlageprodukt. Doch nicht zuletzt dank der EZB sind die goldenen Zeiten vorbei. Wer heute sein Leben versichert, sollte bescheiden sein – und einiges beachten.

Beratungsgespräch. Lebensversicherungen haben an Attraktivität verloren. dpa-tmn

Beratungsgespräch. Lebensversicherungen haben an Attraktivität verloren.

DüsseldorfMario Draghi ist kein Freund der Versicherer. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) ist zu großzügig. Um die Schuldenkrise in Europa zu lindern, will er künftig verstärkt Anleihen aus den kriselnden Südländern kaufen; außerdem hält er den Leitzins niedrig – und drückt damit das Zinsniveau. Dass sich so bald daran etwas ändern wird, glaubt niemand. Die Zeit des billigen Geldes ist noch lange nicht vorbei.

Für die Versicherer ist das ein großes Problem. Denn alte Renditeversprechungen an ihre Lebensversicherungskunden, drei oder gar vier Prozent, werden so immer schwieriger zu erfüllen, weil sichere Anlageprodukte, in die die Konzerne das Geld ihrer Kunden investieren, nur noch wenig abwerfen. Zehnjährige deutsche Staatsanleihen etwa,  die Versicherungskonzerne in den vergangenen Jahrzehnten nur allzu gerne gekauft haben, bringen gerade einmal um die 1,3 Prozent Rendite.

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Die Versicherer haben deshalb in den vergangenen Jahren  ihre Renditeversprechungen, den sogenannten Garantiezins, anpassen müssen; sie sind weniger großzügig als noch vor Jahren. Das gilt aber nur für Neukunden, an den Altverträgen können die Versicherer nicht rütteln. Sparer, die derzeit eine neue Police abschließen wollen, bekommen  dagegen nur noch 1,75 Prozent Rendite garantiert. Damit nicht genug: auch die Überschussbeteiligungen sinken.

Und das ist das zweite Problem der Versicherungsbranche. Während  die Versprechen an die alten Kunden sehr großzügig und damit nicht mehr so leicht zu erfüllen sind,  finden Neukunden die aktuellen Angebote schlicht unattraktiv. Der Ruf der Kapitallebensversicherung, ein sicheres und gleichermaßen lukratives Anlageprodukt zu sein,  hat gelitten.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Aber was sollten Kunden in diesem Umfeld tun? Besser keine Kapital bildenden Lebenpolicen mehr abschließen?

Zunächst sollten die Versicherte nicht in Panik verfallen. In Japan gingen zwar während der jahrelangen Niedrigzinsphase fünf Gesellschaften Pleite. Die Situation ist aber nicht mit Deutschland zu vergleichen. „Mir ist derzeit keine Gesellschaft bekannt, die sich in einer gefährlichen Schieflage befindet“, sagt Prof. Dr. Kurt Wolfsdorf, Vorstand der Deutschen Aktuarsvereinigung. Zwar gerieten während der letzten großen Belastungsprobe, dem Aktiencrash Ende 2000 einige Gesellschaften in Schieflage und die Mannheimer musste ausscheiden. „Das Zinstief kommt aber nicht überraschend, die Gesellschaften müssten sich darauf vorbereitet haben“, meint Wolfsdorf.

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Die Branche wird über ein mehrstufiges Sicherungssystem kontrolliert. Verantwortlichen Aktuare sicher Prämien und Rückstellungen, die Bafin überwacht die Gesellschaften und das Sicherungssystem Protektor kann Unternehmen in Schieflage auffangen. Aus Angst vor einer möglichen Insolvenz sollte niemand seine Police kündigen.

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

03.08.2012, 11:19 Uhr

Kann das Handelsblatt mal die Versicherung benennen die dem 37 jährigen 5 % Rendite garantieren kann. Mit welchen Anlagen will diese Versicherung das Geld verdienen

mareike

03.08.2012, 11:21 Uhr

Na ? das Geschäftsmodell der deutschen schlauhanselInnen gerät wohl langsam, aber sicher ins wanken ??
jeden tag bröckelt es nun mehr. und wenn wir ein paar wochen noch warten,wird uns die deutsche Jubelindustrie mit entlassungsabsichten pflastern.

maulkorb

03.08.2012, 11:22 Uhr

Und trotzdem stürmt niemand die EZB in Frankfurt! Alles wohnzimmerverwöhnte Fernsehfernsteuerungslümmel, die nur motzen, schimpfen, vielleicht...vielleicht schreien, eher fluchen aber sonst nichts können. In Asien übernehmen immer mehr Millionäre die Verwaltung ihres eigenen Vermögens. Das ist der richtige Ansatz! Auch die LV war ein vertraglicher Abzockerladen - in den ersten Jahren rieben sich die Türklinkenputzer die aufgewetzten Hände. Das muss nicht sein.

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