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09.07.2015

11:11 Uhr

Lebensversicherungen

Mit komplizierten Produkten auf Kundenfang

VonKerstin Leitel

Die Niedrigzinsen setzen Lebensversicherer enorm unter Druck. Mit neuen Policen, die eine höhere Rendite versprechen, wollen sie Kunden zurückgewinnen. Doch ein Vergleich der Angebote ist kaum möglich.

Mit neuen Policen versucht die Branche, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. dpa

Kapitallebensversicherung

Mit neuen Policen versucht die Branche, verlorenes Terrain zurückzugewinnen.

MünchenSie heißen „Relax“, „TwoTrust Selekt“ oder „Perspektive“: Neue Lebensversicherungspolicen, die derzeit viele Versicherungsvertreter und -makler versuchen, an den Mann oder die Frau zu bringen. Denn die klassischen Lebensversicherungen bringen eine nur noch geringe Rendite, und selbst die ist für den Versicherer in Zeiten niedriger Zinsen am Kapitalmarkt schwer zu erwirtschaften.

Dass die Versicherer daher auf neue Policen setzen, liege auch zum Teil im Interesse der Unternehmen, meint Lebensversicherungsexperte Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata, „aber ich denke, auch der Kunde kann von den neuen Produkten profitieren.“ Die sollen mehr Rendite bringen. Aber selbstverständlich ist das nicht umsonst: Die Kunden müssen auf den viel zitierten Garantiezins verzichten.

Der Markt ist unübersichtlich: Die neuen Lebensversicherungspolicen der einzelnen Anbieter sind so unterschiedlich, dass der Kunde kaum verstehen kann, worin die Unterschiede bestehen. „Die neuen Produkte haben häufig eine Gemeinsamkeit: Der Kunde erhält eine Beitragsgarantie, das heißt zum Ende der Sparphase bekommt er die eingezahlten Beiträge garantiert zurück“, erklärt Heermann. Aber eben nur zum Ende der Vertragslaufzeit: Schon bei der Höhe eines Rückkaufswertes gibt es große Unterschiede.

Deswegen könne man nicht sagen, „dass das eine Produkt dem anderen überlegen ist – es kommt immer darauf an, was einem selbst wichtig ist: Mehr Sicherheit, dann muss der Kunde auf Rendite verzichten. Oder weniger Sicherheit und die Aussicht auf mehr Rendite“, sagt Heermann. Erst im Laufe der Jahre werde sich zeigen, welches Konzept sich ausgezahlt hat.

Die wichtigsten Fragen zur Lebensversicherung

Wie funktioniert die Lebensversicherung?

Es gibt verschiedene Arten von Lebensversicherungen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von Hinterbliebenen bei Todesfällen. Die Kapitallebensversicherung soll dagegen zugleich auch Altersvorsorge sein. Es gibt eine Anspar- und eine Auszahlungsphase. Wird letztere erreicht, schüttet der Versicherer die vorher vom Kunden regelmäßig eingezahlten Beiträge aus. Für viele Kapitallebensversicherungen werden nach Ende der Ansparphase eine bestimmte Summe und bestimmte regelmäßige Zahlungen garantiert.

Was ist die Bewertungsreserve?

Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, auch wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 müssen Versicherungen die Hälfte der Bewertungsreserve an ihre Kunden auszahlen, deren Verträge auslaufen.

Was ist der Garantiezins?

Viele Verbraucher haben sich auch deshalb für Kapitallebensversicherungen entschieden, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital praktisch eine Art von Mindestverzinsung garantieren: den sogenannten Höchstrechnungszins, umgangssprachlich Garantiezins genannt. Dieser wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Aktuell beläuft er sich auf 1,75 Prozent, ab 1.1.2015 nun wird er auf 1,25 Prozent gesenkt.

Früher lag der Satz deutlich höher, in den 90er Jahren teils bei vier Prozent. Seit 2000 geht es bergab. Der Grund: Versicherer müssen die Gelder ihrer Kunden in krisensicheren Anlageformen investieren. Die Renditen dafür sind seit Jahren aber sehr niedrig.

Was bedeutet das niedrige Zinsniveau konkret für Lebensversicherungen?

Bei Lebensversicherungen mit Garantiezins bildet dieser nur einen Teil der Gesamtverzinsung, welche die Versicherer zahlen. Dazu kommen noch zusätzliche Renditen, wenn Versicherer das Geld der Versicherten besonders gut anlegen. Da die Zinsen für Anleihen krisenfester Staaten aber zurückgehen, schrumpfen generell sowohl Garantiezins als auch Überschussbeteiligungen. Zu beachten ist, dass Bestandskunden in der Regel von Senkungen des Garantiezinses nicht betroffen sind.

Sind Lebensversicherungen für Verbraucher noch attraktiv?

Versicherer sagen ja: Weil sie durch niedrigere Garantiezinsen weniger Geld zur Sicherung von Beitragsgarantien und für eine Mindestverzinsung zurücklegen müssen, könnten sie höhere Risiken eingehen – und damit auch für die Versicherten höhere Gesamt-Renditen erwirtschaften. Verbraucherschützer dagegen stehen klassischen Lebensversicherungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach fließt zu viel Geld in Abschluss- und Verwaltungskosten, sodass der Sparanteil auf der Strecke bleibt.

Ist es sinnvoll, alte Verträge zu kündigen?

In vielen Fällen nicht. Kunden sollten laut Verbraucherschützern auch bedenken, dass die Kündigung eines laufenden Vertrags immer mit Verlusten verbunden ist. Ob diese Verluste von einer jetzt eventuell noch höheren Beteiligung an den Bewertungsreserven ausgeglichen werden, muss im Einzelfall berechnet werden. Zudem ist besonders bei Altverträgen, die schon vor 2005 abgeschlossen wurden, zu beachten, dass sie bei der Auszahlung im Alter noch steuerfrei sind, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestanden hat.

Derweil stellt Marktführer Allianz am Donnerstag ein neues Produkt vor: „KomfortDynamik“. Dabei wird ein Teil der Beiträge in Anlageklassen investiert, „die hohe Erträge erwarten lassen“: Aktien sowie Unternehmensanleihen und Staatsanleihen von Schwellenländern. Je nach Marktentwicklung schichten die Kapitalmarktexperten der Allianz dann um. „KomfortDynamik ist gedacht für Kunden, die Chancen und Risiken weltweiter Anlagen stärker nutzen wollen, trotzdem aber eine Absicherung wünschen“, erklärt Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber.

Auch hier gibt es eine Beitragsgarantie. Doch die Chance auf einen höheren Ertrag als bei einer klassischen Lebensversicherung sei sehr viel höher, wirbt die Allianz. „Wir bieten die klassische Lebensversicherung weiter an, weil wir unsere Kunden nicht bevormunden wollen“, sagt Faulhaber. „Aber die Nachfrage geht, vor allem vonseiten der Endkunden, deutlich zurück.“

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