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21.06.2013

10:20 Uhr

Leistungen verweigert

Unfallopfer bedrängen Versicherer

VonJens Hagen, Thomas Schmitt

ExklusivDer Druck auf säumige Versicherer steigt: Das Justizministerium sammelt Klagen, Verbraucherschützer fordern Bußgelder für Verzögerungstaktiken. Die Branche streitet alles ab. Wie Versicherte zu ihrem Recht gelangen.

Ein Unfall - und dann? Schadenersatz vom Versicherer wäre schön. Doch das Geld fließt oft nicht so schnell wie gewünscht. Getty Images

Ein Unfall - und dann? Schadenersatz vom Versicherer wäre schön. Doch das Geld fließt oft nicht so schnell wie gewünscht.

DüsseldorfJürgen Hennemann vertritt Unfallopfer vor Gericht, seit fast zwei Jahrzehnten. Er weiß, wovon er spricht: „Wir Anwälte kennen hunderte von Fällen, in denen die Versicherer Entschädigungen für Opfer systematisch verschleppt und verzögert haben.“

Selbst unverschuldet Geschädigte müssten „häufig über viele Jahre einen regelrechten Kampf“ mit Versicherern führen, um Ersatz für ihre Schäden zu erhalten. Das stellt Stefanie Jeske in einem Brief an Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fest. Sie ist die Vorsitzende des Opferschutz-Verein Subvenio aus Düsseldorf. Das Bundesministerium hatte die Verbraucherschützerin zuvor in einem Brief aufgefordert, zur Regulierungspraxis der Versicherer Stellung zu nehmen. Die Korrespondenz liegt Handelsblatt Online vor.

Im Ministerium „gehen immer wieder Beschwerden ein“, heißt es in dem Schreiben, „Versicherer leisteten mit erheblicher Verzögerung“. Gesellschaften würden demnach die wirtschaftlich stärkere Position ausnutzen um „Anspruchsteller in zermürbenden Rechtsstreitigkeiten zur Aufgabe des Anspruchs zu bewegen“.

Die Neinsager – was Experten meinen

Der Film

Ein Panorama-Film vom 04. September 2012, „Die Nein-Sager“, löste sehr kontroverse Diskussionen aus. Die Autoren Christian Deker, Christoph Lütgert, Sabine Puls und Kristopher Sell reißen ihren Film so an: „Sie stürzen Tausende in finanzielle und seelische Nöte: Deutsche Versicherungen kassieren Jahr für Jahr, Monat für Monat ihre Prämien. Wenn sie aber gebraucht werden, können sie sich fast ohne Risiko verweigern.“

Quelle: NDR/Panorama

Hans-Peter Schwintowski, Professor für Versicherungsrecht

„Sie können als Schadensregulierer überlegen, ob sie durch Verzögerung der Schadensregulierung Geld sparen können. Und fast immer können Sie dann Geld sparen, wenn das Opfer selbst keine großen finanziellen Reserven hat, nicht rechtsschutzversichert ist.“

„Tatsächlich ist es nicht wirklich riskant für die Versicherer, weil die Erfahrung zeigt, dass von allen Fällen, die abgelehnt werden zwischen 2 bis maximal 5 Prozent tatsächlich klagen – und der Versicherer immer dann wenn geklagt wird den Fall aufgreift und jetzt versucht zu vergleichen.“

Christoph Lütgert, Fernsehjournalist und Autor

„Häufig gibt es bei der Schadensregulierung eine fast schon zynische Taktik des Verzögerns und Abweisens. Die wenigsten Menschen trauen sich, gegen Ablehnungsbescheide vorgehen. Manchmal ist es fast schon brutal, wie Versicherungen vorgehen. Da werden zum Beispiel abstruse Gründe vorgeschoben, offenbar um Zeit zu gewinnen oder die Versicherungsnehmer mürbe zu machen.“

„Da wird Menschen, die vom Schicksal schwer geschlagen wurden und die zu Recht darauf setzen, dass die Versicherung ihre berechtigten Forderungen erfüllt, Schreckliches zugemutet.“

Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft

Hoenen wirft Medien und Anwälten unzulässige Verallgemeinerung von Einzelfällen vor. Manche Anwälte machten Unfallopfern und anderen Geschädigten falsche Hoffnungen auf unberechtigt hohe Entschädigungen, sagte Hoenen der FTD. Der Vorwurf: Versicherer verzögerten in großem Stil die Zahlung oder versuchten, Geschädigte mit Minibeträgen abzuspeisen und in kostspielige Prozesse zu zwingen. "Das zeichnet ein Zerrbild der Branche", sagte Hoenen, der bis 2009 Chef von Huk-Coburg war.

Der Versichererverband GDV

Panorama und NDR Info haben beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nachgefragt. „Grundsätzlich ist es völlig legitim, dass der Versicherer auch zum Schutz der Versichertengemeinschaft überprüft, ob überhaupt ein Leistungsfall vorliegt.[...] Der Versichertengemeinschaft entsteht jährlich ein Schaden durch Versicherungsbetrug von etwa vier Milliarden Euro.“

Die Allianz

„Die erhobenen Vorwürfe sind unbegründet und haltlos. Das Gegenteil ist richtig: Die Allianz reguliert allein in Deutschland jedes Jahr mehr als 3,3 Millionen Schäden. Im Jahr 2011 hat die Allianz in der Schaden- und Unfallversicherung über 5,7 Milliarden Euro an Kunden und Geschädigte ausgezahlt. An einer zügigen Regulierung haben auch Versicherer ein Interesse. Dass Schadenfälle bei der Allianz nach Sach- und Rechtslage so zeitnah wie möglich reguliert werden, spiegelt sich in einer hohen Kundenzufriedenheit und einer geringen Beschwerdequote wider.“

Michael Bittner, Unfallopfer-Hilfswerk

“Täglich sterben 14 Menschen auf deutschen Straßen, rund 1200 werden verletzt. Ein einziger Augenblick kann im wahrsten Sinne des Wortes alles verändern, das Leben eines Unfallopfers genauso wie das der Angehörigen und Unfallbeteiligten.“

Unfallopfer.de ist nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Plattform im Internet, in der sich Betroffene gegenseitig helfen unter anderem im Kampf gegen Sachverständige, die parteilich für Versicherer Gutachten verfassen.

Auf zwei Internetseiten tauschen sich Unfallopfer aus. An Versicherungen lassen sie kaum ein gutes Haar.

Elmar Fuchs, Fachanwalt für Autorecht

Experten wie der Fachanwalt für Autorecht und Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kfz-Sachverständigen, Elmar Fuchs, schätzen, dass circa zehn Prozent der berechtigten Kostenforderungen den Unfallgeschädigten nicht ausgezahlt werden. Das hieße nach seinen Schätzungen, dass die Versicherer eineinhalb Milliarden Euro pro Jahr sparen. Das systematische Bestreiten von Forderungen hat also offenbar Erfolg.

Rechtsanwalt Jürgen Melchior aus Wismar

„Die Schätzung von zehn Prozent erscheint allerdings allemal realistisch - und ist um so mehr Grund, es bei der Schadensregulierung gar nicht erst mit „Hobbybastelei" zu versuchen, sondern gleich ein verkehrsrechtlich versiertes Anwaltsbüro einzuschalten. In der Tat lassen Versicherungen ihre Rechnungskürzungen nur ungern gerichtlich überprüfen.

Aufgeschreckt durch Berichterstattung in den Medien kontaktiert das Ministerium Verbraucherschützer, Versicherungsberater, gemeinnützige Vereine aber auch Gerichte und Branchenverbände. Die Kernfragen lauten: Regulieren die Versicherer auf Basis der Gesetze? Reicht das geltende Recht aus, damit Kunden berechtigte Ansprüche durchsetzen können? Sind Gesetzesänderungen erforderlich?

Die Opferschützer Jeske und Hennemann gehören zu einer Reihe von Aktivisten, die schon länger schärfere Gesetze zulasten der Versicherungsbranche einfordern. Ihr Ziel: Waffengleichheit zwischen Opfern und Versicherern.

Das Mittel dafür soll sein: Saftige Strafen für Versicherer, die Vorgänge verzögern oder verschleppen. Entsprechende Änderungen könnten im Versicherungsvertragsgesetz (VVG) und im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgeschrieben werden.

Kommentare (24)

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Capitol

21.06.2013, 10:42 Uhr

Wenn ich mir die Fernsehberichte über das Verhalten der deutschen Versicherungen in Erinnerung rufe, kann ich nur zu dem Schluss kommen das es sich dort nicht um Versicherungen sondern um Kriminelle Vereinigungen handelt! Wie die vertragsbrüchig werden, einfache Menschen zerstören und vernichten ist unglaublich und an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten! Deutlich schlimmer als die Banken sind unsere Versicherungen! Und dann noch das vom Beitragszahler abgezockte Geld, gemeinschaftlich im Puff verjubeln! Das sagt alles!! Da kann man zum Wutbürger werden!

hermann.12

21.06.2013, 11:13 Uhr

Das Problem waren und sind ja nicht die Versicherer. Das Problem sind unsere Gerichte!
Wenn die sich weniger im kleinkarierten Formalismus oder sachfremden Interessen (z.B. soziale Absicherung oder unternehmerische Interessen) verlieren würden und mehr dem sinne der Gesetze folgen würden, gäbe es diese Praxis gar nicht.
Es gehört zu den populären aber absolut dummen Irrtümern die Vorwürfe an die falsche Stelle zu richten.
95% aller Probleme dieser Art sind Probleme der Gesetzgebung und des abnehmenden juristischen Niveaus am Richtertisch.
Das kommt halt von Entscheidungen, wie jüngst das absurde Urteil zu den Fahradhelmen. Das bringen nur Richter fertig, die die Grundprinzipien des eigenen Rechts opfern, weil sie die Freiheit Anderer und die damit verbundene Folgen nicht aushalten. Letztlich weil sie Verantwortung abnehmen undsich zuschreiben, also im Grunde genommen eine Vorstufe zum Größenwahnsinn.

H.

Account gelöscht!

21.06.2013, 11:23 Uhr

So, dass heißt, dass jeder Bürger mal eine Kopie jedes Ablehnungsschreibens einer Versicherung an Frau L-S schicken sollte. Das müsste doch eine interessante Datengrundlage sein.

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