Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2008

11:37 Uhr

Livret A

Französische Revolution

VonHolger Alich

In Frankreich zeichnet sich eine kleine Revolution im Bankenmarkt ab: Die Pariser Regierung will das Vertriebsmonopol für das steuerbefreite Sparbuch brechen - und erfüllt damit eine uralte Forderung der französischen Banken.

PARIS. Frankreichs Regierung plant, das steuerbefreite Sparbuch Livret A allen Banken für den Vertrieb zur Verfügung zu stellen. Bisher teilen sich das Vertriebsmonopol für das meistverkaufte Bankprodukt die staatliche Postbank und die genossenschaftlichen Sparkassen. Premierminister François Fillon will die entsprechenden Gesetze im kommenden Frühjahr verabschieden lassen, damit die Vertriebsöffnung spätestens „im Herbst 2008 oder ab 1. Januar 2009" stattfinden kann.

Das Livret A ist nach der Lebensversicherung das beliebteste Sparprodukt der Franzosen. Auf 45,4 Mill. dieser Sparbücher liegen insgesamt 116 Mrd. Euro. Analysten erwarten aber allenfalls begrenzte Auswirkungen auf die Umsätze der Banken im Retailgeschäft. Größter Gewinner auf längere Sicht dürfte die Gruppe Crédit Agricole mit dem umfassenden Filialnetz der Regionalbanken werden. "Die möglichen Kommissionseinnahmen dürften aber maximal 1,5 Prozent der Umsätze der Regionalbanken ausmachen", schätzt Eric Hazart vom Broker Exane BNP Paribas. Für die anderen Banken ist der Vertrieb des Produkts primär ein geeigneter Lockvogel für die Kundenakquise. Verlierer werden die Sparkassen und die Postbank sein.

Die Eckpunkte der Reform sind indes noch nicht festgezurrt. So ist zum Bespiel noch offen, welchen Prozentsatz von den Sparcents die Banken als Kommission behalten dürfen. Sicher ist nur, dass die derzeitigen Sätze der Sparkassen und der Postbank sinken werden. Derzeit bekommen die Sparkassen ein Prozent, die Postbank 1,3 Prozent. Die Rede ist nun von einem Satz von lediglich 0,4 Prozent.

Ferner können die Banken hoffen, einen Teil des Geldes selbst verwalten zu dürfen. Heute reichen die Sparkassen und die Postbank die Livret-A-Spargelder zu 100 Prozent an das staatliche Finanzinstitut CDC weiter. Die CDC finanziert damit zinsgünstige Kredite für den sozialen Wohnungsbau. Michel Camdessus, Ex-IWF -Chef, hat in einem Gutachten für die Regierung nun vorgeschlagen, dass die Privatbanken bis zu einem Drittel der Spargelder in der Bilanz behalten dürfen. Auf diese Weise soll folgendes Szenario vermieden werden: Die Banken locken die Kunden mit dem Livret A. Ist der Kunde einmal da, raten die Berater, die Gelder vom Sparbuch doch lieber in andere, für die Bank ertragreichere Produkte anzulegen. In diesem Fall droht der Geldsegen für die CDC und den sozialen Wohnungsbau zu einem Rinnsal zu werden.

Die Öffnung des Vertriebsmonopols des Livret A ist eine uralte Forderung der französischen Banken. Crédit Agricole und der Bankenverband haben jeweils Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof angestrengt. Die EU-Kommission forderte bereits im Frühjahr Frankreich auf, den Markt für das Livret A zu liberalisieren.

Nun sind Frankreichs Banken bald am Ziel. Doch der Vertrieb des Livret A könnte sich für sie zunächst als Bumerang erweisen. Denn der Sparzins für das Sparbuch hängt am Geldmarktsatz. Wegen der Finanzkrise und den Spannungen am Geldmarkt könnte der Zins für das Livret A im nächsten Jahr auf 3,75 Prozent steigen. Die Folge: Die Kosten der Refinanzierung der Banken aus Depoteinlagen steigen. Der Broker Exane schätzt, dass dieser Zinsanstieg den Regionalbanken des Crédit Agricole rund zwei Prozent Umsatz kosten könnte, da sie vergleichsweise viele Einlagen-Sparprodukte verkaufen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×